Ishizuka, Shinichi

Blue Giant Supre­me 1

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Carlsen, Hamburg 2020
erschienen in: üben & musizieren 6/2020 , Seite 59

Jetzt weiß ich end­lich auch, war­um immer wie­der japa­ni­sche Tou­ris­ten in mei­ner Bar ein Foto mit mir machen wol­len.“ Es wird nicht vie­le Men­schen geben, die sich selbst über­ra­schend in einem Comic wie­der­fin­den – so wie Tho­mas Vog­ler, Betrei­ber der Jazz­bar „Vog­ler“ in Mün­chen, des­sen Bar und Gesichts­zü­ge im japa­ni­schen Man­ga Blue Giant Supre­me von Shi­ni­chi Ishi­zu­ka por­trä­tiert werden.
Man­gas haben in Japan eine ande­re Bedeu­tung als Comics in der west­li­chen Welt. Sie sind tief ver­wur­zelt in der japa­ni­schen Kul­tur und ein Spie­gel des All­tags­le­bens sowie gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se und Ent­wick­lun­gen. Die Geschich­te eines jun­gen Jazz­sa­xo­fo­nis­ten in einem Comic wie­der­zu­ge­ben, mag hier­zu­lan­de eher unge­wöhn­lich anmu­ten. In Japan hin­ge­gen ist die Man­ga-Serie Blue Giant, wel­che die Erfolgs­ge­schich­te des Jazz­sa­xo­fo­nis­ten Dai Miyamo­to erzählt, preisgekrönt.
Der ers­te Band der Fort­set­zung Blue Giant Supre­me ist nun in deut­scher Über­set­zung erschie­nen. Nach­dem Dai in sei­nem Hei­mat­land Japan sei­nen gro­ßen Traum, ein erfolg­rei­cher Jazz­sa­xo­fo­nist zu wer­den, erreicht hat, bricht er nach Euro­pa auf und lan­det in München.
Shi­ni­chi Ishi­zu­kas Zei­chen­stil ist eher tra­di­tio­nell, begeis­tert jedoch mit einer unglaub­li­chen Lie­be zum Detail. Immer wie­der sor­gen ganz- oder gar dop­pel­sei­ti­ge Bil­der für Ruhe – jedes ein­zel­ne ein klei­nes Kunst­werk in der Aus­ar­bei­tung. „Es ist erstaun­lich, wie kor­rekt detail­liert die Zeich­nun­gen sind (Pflas­ter­stei­ne vor der Tür, die Kugeln am Schild, das Logo der Braue­rei etc.)“, bestä­tigt Tho­mas Vog­ler auf sei­ner Web­site die Treff­si­cher­heit des japa­ni­schen Zeichners.
Unse­re klas­si­sche Musik­kul­tur hat in Asi­en einen hohen Stel­len­wert und für vie­le Musik­stu­die­ren­de aus Asi­en ist es ein erstre­bens­wer­tes Ziel, an einer deut­schen oder öster­rei­chi­schen Hoch­schu­le zu stu­die­ren. Bei die­sem Zusam­men­tref­fen asia­ti­scher und euro­päi­scher Kul­tu r(en) wird es nicht immer rei­bungs­los zuge­hen. Blue Giant Supre­me gibt einen span­nen­den Ein­blick, mit wel­chen Erwar­tun­gen und Vor­stel­lun­gen Dai in Mün­chen ein­trifft – und mit wel­chen Vor­ur­tei­len er kon­fron­tiert wird. Der japa­ni­sche Blick auf Deutsch­land hält uns einen inter­es­san­ten Spie­gel vor. Und beseelt von dem nicht zu bre­chen­den Wil­len, sich in Mün­chen, in Deutsch­land, ja in ganz Euro­pa sei­nen Platz an der Spit­ze der Jazz­sze­ne zu erobern – eine Cha­rak­ter­ei­gen­schaft, die wir Euro­pä­er womög­lich als „typisch asia­tisch“ bezeich­nen wür­den –, kämpft Dai um einen ers­ten Gig in einer Jazz­knei­pe, um sich als Künst­ler einen Namen zu machen und sei­ne Vor­stel­lung von Jazz zu präsentieren.
In Japan ist die Serie Blue Giant Supre­me bereits auf zehn Bän­de ange­wach­sen. Ob sich auch in Deutsch­land ein man­ga- und musik­be­geis­ter­tes Publi­kum fin­det, um nach dem Eröff­nungs­band Dai Miyamo­tos Weg zum Ruhm (?) zu fol­gen, wird sich zei­gen. Den wun­der­schö­nen Zeich­nun­gen Shi­ni­chi Ishi­zu­kas wäre es zu wünschen.
Rüdi­ger Behschnitt