Rübenacker, Jutta

da schufst du ihnen Tem­pel im Gehör“

Die „Sonette an Orpheus“ von Rainer Maria Rilke als Inspiration, dem Hören „nachzulauschen“

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 48

Die Sonet­te an Orpheus, aus denen die­se drei Sonet­te stammen,1 sind Rai­ner Maria Ril­kes letz­ter gro­ßer Gedicht­zy­klus. Musik hat Ril­ke sein Leben lang beschäf­tigt, aller­dings in sehr ambi­va­len­tem Sin­ne. Vie­le Äuße­run­gen in Brie­fen und im dich­te­ri­schen Werk kün­den von schwan­ken­den musi­ka­li­schen Lebens­pro­zes­sen zwi­schen Hin­ge­bung und Ableh­nung, zwi­schen Angst vor dem Sich-Ver­lie­ren in der Hin­ga­be und dem „Hin­ge­ge­ben­sein“ als „Vor­stu­fe zu neu­en Einsichten“.2
In den Jah­ren vor der Ent­ste­hung der Sonet­te an Orpheus bit­tet Ril­ke die Freun­din und Pia­nis­tin Mag­da von Hat­ting­berg, ihm beim Hören-Ler­nen behilf­lich zu sein. Wäh­rend etli­cher Besu­che Ril­kes, so berich­tet die­se in ­ihrem 1943 in Wien anonym ver­öf­fent­li­chen Buch Ril­ke und Ben­ve­nuta (eine Mix­tur aus Brief­wech­seln mit Ril­ke und Erin­ne­run­gen an Ril­ke), hat sie ihn mit vie­len gro­ßen Wer­ken Beet­ho­vens und der Roman­tik, die Ril­ke bis dato nicht hören konn­te, ohne sich von der Musik erschla­gen zu füh­len, kon­fron­tiert. Die­se selbst auf­er­leg­te Hör­schu­le führ­te schließ­lich zu einer sta­bi­le­ren Bezie­hung Ril­kes zur Musik. Lag in vie­len sei­ner Gedich­te vor die­ser Zeit der (immer prä­sen­te) musi­ka­lisch höchs­te Aus­druck in der Stil­le, so ent­ste­hen jetzt „Tem­pel im Gehör“.

1 Rai­ner Maria Ril­ke: Wer­ke. Kom­men­tier­te Aus­ga­be in vier Bän­den, Bd. 2: Gedich­te 1910 bis 1926, hg. von Man­fred Engel und Ulrich Fül­le­born, Frank­furt am Main 1996, S. 241 f. und 271 f.
2 Ril­ke am 1. Novem­ber 1916 an Grä­fin Ali­ne Diet­rich­stein, Mün­chen, in: Rai­ner Maria Ril­ke: Brie­fe aus den Jah­ren 1914 bis 1921, hg. von Ruth Sie­ber-Ril­ke und Carl Sie­ber, Leip­zig 1937, S. 114.

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