Dittko, Alexandra

Das Cel­lo cle­ver bestückt

Auswertung der Testphase der Farb-Ton-Griff-Tabelle für ­Streichinstrumente

Rubrik: Bericht
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 46

Für Strei­cher­päd­ago­gIn­nen stellt sich immer wie­der die Fra­ge, ob gekleb­te Bün­de, Punk­te, Stern­chen oder Ähn­li­ches in der Anfangs­pha­se des Unter­richts – oder auch gene­rell – hilf­reich und sinn­voll sind. Die Mei­nun­gen gehen dies­be­züg­lich sehr weit aus­ein­an­der. Die Ent­wick­lung der Farb-Ton-Griff-Tabel­le durch Chris­tia­ne von Savi­gny facht die­se Dis­kus­si­on aktu­ell wie­der an.
Als Vio­lon­cel­lo­leh­re­rin habe ich die Pro­to­ty­pen­pha­se der Griff­ta­bel­le in der Pra­xis bera­tend beglei­tet und möch­te im Fol­gen­den mei­ne und die Erfah­run­gen mei­ner Schü­le­rin­nen und Schü­ler im Unter­richts­all­tag spe­zi­ell mit dem Modell „Cle­ver“ zusam­men­tra­gen. Die Tabel­len „Cle­ver“, „Quint­essenz“, „Pia­no-Pia­no“ und „Pia­no-Pia­no Fino“ sind als wie­der abzieh­ba­re Foli­en­ta­bel­len erhält­lich, wäh­rend die Tabel­le „Har­mo­nie“ auf Foto­kar­ton zum Auf­hän­gen oder Plat­zie­ren auf dem Noten­stän­der kon­zi­piert ist.
Mir erschien „Cle­ver“ als Foli­en­ta­bel­le für das Griff­brett mit far­bi­gen Punk­ten und Anga­be der Noten­na­men für mei­ne Unter­richts­art am bes­ten geeig­net. Ange­wen­det habe ich sie im Anfän­ger­un­ter­richt bei Kin­dern und Erwach­se­nen sowie im Mit­tel­stu­fen­be­reich. Mein Unter­richts­in­stru­ment habe ich eben­falls „cle­ver“ bestückt und kann somit vie­les unmit­tel­bar an mei­nem Cel­lo demons­trie­ren, z. B. Noten­ab­stän­de, Inter­val­le, Griff­ar­ten usw., was auch das digi­ta­le Unter­rich­ten erleich­tert und erwei­tert. Das allei­ne hat oft schnel­le­re, durch­schla­gen­de­re und nach­hal­ti­ge­re Wir­kung erzielt als ver­ba­les Erklä­ren oder Demons­trie­ren auf dem „nack­ten“ Griff­brett. Das Visu­el­le wirkt unmit­tel­bar und kann schnell intui­tiv erfasst wer­den. Die Farb-Ton-Griff-Tabel­le hat auch des­halb den Ger­man Inno­va­ti­on-Award 2020 in Gold bekom­men.
Als wich­ti­ges Argu­ment für die Griff­ta­bel­le ist der Zeit­fak­tor zu nen­nen – das meis­te geht schnel­ler: Ein­stel­len des Griff­ge­fühls, Ori­en­tie­rung auf dem Griff­brett, Ver­bes­se­rung der Into­na­ti­on, Ler­nen und Zuord­nen der Noten­na­men, beim Assis­tie­ren der Eltern bei jün­ge­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern blei­ben Dis­kus­sio­nen über Rich­tig­keit des Tons aus. Das zeit­rau­ben­de Try-and-Error-Sys­tem wird durch die visu­el­le Kon­trol­le unter­bun­den, die rich­ti­ge Ton­vor­stel­lung stellt sich schnel­ler ein. Das schont die Ner­ven aller am Lern­pro­zess Betei­lig­ten und för­dert die Selbst­stän­dig­keit der Ler­nen­den. Auch beim Ein­satz im Grup­pen- und Klas­sen­un­ter­richt unter­stützt die Farb-Ton-Griff-Tabel­le in allen Berei­chen. Der schnel­le­re Lern­er­folg för­dert die Moti­va­ti­on und die Freu­de am Spie­len.
Die Tabel­le „Cle­ver“ folgt sys­te­ma­tisch dem Prin­zip „12 Töne = 12 Far­ben“. Sie wirkt optisch sehr leben­dig, zu Anfang viel­leicht auch ver­wir­rend, was sich aber nach einer kur­zen Ein­ge­wöh­nungs­pha­se gibt. Dass glei­che Töne die glei­che Far­be haben – höhe­re hel­ler, tie­fe­re dunk­ler getönt – und dass Fla­geo­lett­tö­ne mit dicke­rer Umran­dung mar­kiert sind, hilft einen bes­se­ren Über­blick über die Geo­gra­fie des Griff­bretts zu erlan­gen. Die Zuord­nung der Töne zum Farb­kreis und die schwarz-wei­ße Schrift mit Bezug zur Kla­vier­tas­ta­tur erscheint mir für den Gebrauch im Cello­un­ter­richt aller­dings an Infor­ma­tio­nen zu über­frach­tet.
Hap­tisch wur­de die Tabel­len-Folie durch­weg gut bewer­tet. Sie ist matt, eben­holz­schwarz und bedeckt das gan­ze Griff­brett. Die zusätz­li­che Schutz­schicht erhöht die Halt­bar­keit: Die Tabel­le auf mei­nem Unter­richts­cel­lo zeigt auch nach drei Jah­ren star­ker Bean­spru­chung kei­ner­lei Gebrauchs­spu­ren!
Argu­men­te gegen den Ein­satz von Mar­kie­run­gen auf dem Griff­brett all­ge­mein kom­men eben­so bei der Farb-Ton-Griff-Tabel­le zum Tra­gen: Die Ver­füh­rung, auf das Griff­brett zu schau­en und damit die Hal­tung nega­tiv zu beein­flus­sen, ist auch hier gege­ben. Des­halb emp­feh­le ich den Ein­satz der Griff­ta­bel­le nur für eine zeit­lich begrenz­te Epo­che unter genau defi­nier­ten „Spiel­re­geln“, z. B. „nur gucken, wenn die Ohren Feh­ler mel­den“. Mei­ne Schü­ler nutz­ten „Cle­ver“ in der Test­pha­se ca. sechs bis neun Mona­te. Danach zeig­te sich durch­weg eine siche­re Ori­en­tie­rung und bes­se­re Into­na­ti­on. Meist ist die Dau­er der Nut­zung bei jün­ge­ren Schü­le­rin­nen und Schü­lern ohne­hin durch den wachs­tums­be­ding­ten Instru­men­ten­wech­sel begrenzt. Im Ver­gleich zu Kle­be­punk­ten oder Tesa­strei­fen-Bün­den bie­tet die Farb-Ton-Griff-Tabel­le Halt­bar­keit und Prä­zi­si­on.
Wich­tig zu wis­sen ist, dass die Griff­ta­bel­le je nach Grö­ße des Instru­ments bestellt wird. Hier­zu wird die genaue Men­sur (schwin­gen­de Sai­ten­län­ge) ange­ge­ben. Die Tabel­len sind übri­gens auch für Links­hän­der-Instru­men­te erhält­lich. Ein krea­ti­ver Umgang wie etwa nur Abschnit­te der Tabel­le z. B. für die Ein­füh­rung der Dau­men­la­ge zu ver­wen­den oder nur eine Okta­ve auf­zu­brin­gen, erwei­tert die didak­ti­schen Mög­lich­kei­ten. Auf­ge­bracht wird die Foli­en­ta­bel­le am bes­ten vom Gei­gen­bau­er. Dies bringt in der Regel gerin­ge Mehr­kos­ten mit sich.
Ins­ge­samt fin­de ich die Farb-Ton-Griff-Tabel­le eine wun­der­ba­re Errun­gen­schaft, die den Unter­richts­all­tag enorm erleich­tert. Man soll­te als Päd­ago­gin jedoch gut abwä­gen, für wel­che Schü­le­rin­nen und Schü­ler und wie lan­ge der Ein­satz sinn­voll ist. In jedem Fall soll­ten die Ler­nen­den dem Hilfs­mit­tel auf­ge­schlos­sen gegen­über­ste­hen und wis­sen, dass auch für den Ein­satz der Griff­ta­bel­le Geduld und Übung nötig sind. Mei­ne Schü­le­rin­nen und Schü­ler haben die Farb-Ton-Griff-Tabel­le durch­weg als gro­ße Hil­fe emp­fun­den und begeis­tert auf­ge­nom­men.

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