Honing, Henkjan

Der Affe schlägt den Takt

Musikalität bei Tier und Mensch

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Leipzig 2019
erschienen in: üben & musizieren 2/2020 , Seite 59

Die bio­lo­gi­schen Grund­la­gen der Musi­ka­li­tät beschäf­ti­gen Wis­sen­schaft­le­rIn­nen seit Jahr­zehn­ten. Charles Dar­wins Ver­mu­tung von 1871, dass die musi­ka­li­sche Wahr­neh­mung in der gemein­sa­men Ent­wick­lung der neu­ro­na­len Sys­te­me von Mensch und Tier begrün­det sei, wird häu­fig als Aus­gangs­po­si­ti­on genutzt.
Die­se The­se wählt auch der nie­der­län­di­sche Musik­wis­sen­schaft­ler Henk­jan Honing als Basis. Sein Fokus rich­tet sich auf die Bau­stei­ne der Musi­ka­li­tät: Ton­hö­hen­un­ter­schei­dung, Melo­die­ge­dächt­nis, Gehör, Rhythmus­rezeption, Takt­ge­fühl und moto­ri­sche Fähig­kei­ten. For­scher­teams auf der gan­zen Welt haben sich die Unter­su­chung der musi­ka­li­schen Wahr­neh­mung ver­schie­de­ner Tier­ar­ten und ihre Ver­wandt­schaft mit mensch­li­chen Qua­li­tä­ten zur Auf­ga­be gemacht, der Autor schaut ihnen dabei über die Schul­ter. Wir beglei­ten ihn auf die­ser Rei­se und erhal­ten Ein­blick in die konst­ruktive Zusam­men­ar­beit der inter­dis­zi­pli­nä­ren Teams mit mul­ti­per­spek­ti­vi­schen For­schungs­an­sät­zen.
Eben­so breit ist auch das Spekt­rum der Modell­tie­re, das sich aus Pri­ma­ten, Mee­res­säu­gern, Sing­vö­geln und Fischen zusam­men­setzt.
Akus­ti­sche Wahr­neh­mung wird erst dann zum Musik­hö­ren, wenn die klin­gen­de Infor­ma­ti­on als Musik ver­stan­den wird. Ner­ven­sys­te­me neh­men bestimm­te Rei­ze unter­schied­lich auf und reagie­ren dar­auf in ande­rer Wei­se. Wäh­rend Men­schen abs­trak­ter hören und sich mehr auf die musi­ka­li­sche Gesamt­heit konzent­rieren, hören die meis­ten Tie­re weit­aus sen­si­bler und dif­fe­ren­zier­ter. Der mensch­li­che Hör­ge­nuss beruht zu einem nicht uner­heb­li­chen Teil auf den melo­di­schen und har­mo­ni­schen Bezie­hun­gen von Tönen. Wohin­ge­gen die Prä­zi­si­on der Wahr­neh­mung von Dyna­mik, Klang­far­be und Timing bei Sing­vö­geln zehn­fach so hoch ist.
Vie­le Gesän­ge und Rufe haben sozia­le Funk­tio­nen, die dem Tei­len von Fut­ter, der War­nung vor ande­ren Tie­ren oder der Kon­takt­pfle­ge die­nen. Musi­ka­li­tät ist für man­che Tier­ar­ten und auch für Men­schen eine Mög­lich­keit, ihre poten­zi­el­len Part­ner zu beein­dru­cken. Der sozia­le Aspekt ist bedeut­sam für die Inten­si­tät von Bewe­gung und Imi­ta­ti­ons­ver­hal­ten. Men­schen, Schim­pan­sen und Sing­vö­gel zei­gen in Gesell­schaft eine beson­ders hohe Bewe­gungs­freu­de.
Mensch­li­che Babys besit­zen bereits ein aus­ge­präg­tes Takt­ge­fühl – im Gegen­satz zu erwach­se­nen Rhe­sus­af­fen. Inter­es­san­ter­wei­se gibt es kei­nen Unter­schied im Takt­ge­fühl von Musi­kern und Nicht­mu­si­kern, die musi­ka­li­sche Exper­ti­se hat kei­nen Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung des Gleich­ma­ßes.
Der Autor beschreibt sei­ne Gedan­ken und Erleb­nis­se pra­xis­nah und poin­tiert. Er lässt nichts aus und berich­tet offen über die Höhen und Tie­fen des Wis­sen­schaft­ler­le­bens. Die Musi­ka­li­tät ist ein höchst span­nen­des inter­dis­zi­pli­nä­res For­schungs­feld mit vie­len offe­nen Fra­gen.
Julia­ne E. Bal­ly