Holz, Friedbert

Der Bil­dungs­auf­trag von Musik­schu­len

Eine ideen- und institutionengeschichtliche Untersuchung am Beispiel Stuttgart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg 2018
erschienen in: üben & musizieren 4/2019 , Seite 54

Aus der Öffent­lich­keit sind die rund 1000 öffent­li­chen Musik­schu­len nicht weg­zu­den­ken. End­los sind die begeis­ter­ten State­ments der Poli­ti­ker aller poli­ti­schen Cou­leurs und Res­sorts: „Wer musi­ziert, nimmt kei­ne Knar­re in die Hand“ sei stell­ver­tre­tend genannt. Eben­so end­los sind die Dis­kus­sio­nen um Finan­zie­rung, Tarif­ver­trä­ge und jähr­lich wie­der­keh­ren­de Spar-Run­den. Wohl­tu­end ist es, einen Moment inne­zu­hal­ten und der Idee von Musik­schu­le und kul­tu­rel­ler Bil­dung inhalt­lich und his­to­risch auf den Grund zu gehen. Gleich zwei Dis­ser­ta­tio­nen wid­men sich die­ser Auf­ga­be: Fried­bert Holz forscht zum Bil­dungs­auf­trag von Musik­schu­len und blickt dabei auf die Stutt­gar­ter Musik­schu­le. Hans-Joa­chim Rieß lie­fert eine ide­en­ge­schicht­li­che Unter­su­chung zur öffent­li­chen Musik­schu­le im Begründungs­zusammenhang kul­tu­rel­ler Bil­dung.
Bei­de Autoren kom­men aus der Pra­xis: Holz als stell­ver­tre­ten­der Musik­schul­lei­ter, Rieß als ehe­ma­li­ger Musik­schul­lei­ter und jet­ziger Geschäfts­füh­rer des hes­si­schen VdM. Bei­de wis­sen aus täg­li­cher Pra­xis, wie Musik­schu­le funk­tio­niert, bei­de ken­nen die Sor­gen und Pro­ble­me. Sie len­ken den Blick auf his­to­ri­sche und phi­lo­so­phi­sche Zusam­men­hän­ge, wer­den sehr kon­kret und lie­fern reich­li­che Anre­gun­gen für die gegen­wär­ti­ge und künf­ti­ge Musik­schul­ar­beit.
Rieß fokus­siert auf die für die Musik­schul­ent­wick­lung wesent­li­chen Strö­mun­gen des 20. Jahr­hun­derts: Jugend­mu­sik­be­we­gung, Reform­päd­ago­gik und deren Ein­mün­dung in die Kes­ten­berg­re­form, die die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung und staat­li­che Aner­ken­nung über­haupt erst auf den Weg brach­te, sowie die Musi­sche Bil­dung Georg Götschs, der wesent­li­chen Anteil an der Umset­zung die­ser Reform hat­te. Im Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de die jugend­be­weg­te Musi­sche Bil­dung dann rasch gleich­ge­schal­tet und per­ver­tiert zur „not­wen­di­gen Ergän­zung der Wehr­erzie­hung“. Nach 1945 ging es im Grun­de mit der deut­schen Musik­päd­ago­gik wei­ter wie zuvor. Kern­aus­sa­gen aus den 1920er bis 1950er Jah­ren sind dabei völ­lig aus­tausch­bar: „Das öffent­liche Kon­zert­le­ben hat den Bezug zum Volk ver­lo­ren“ heißt es hier, „Auf dass Musik und Volk wie­der zuein­an­der­fin­den“ heißt es dann bei Jöde, „das Deut­sche Musik­volk ist bedroht“ woan­ders.
Erst durch den Sput­nik­schock 1957, das tech­no­lo­gi­sche Über­holt-Wer­den des Wes­tens durch die Sowjet­uni­on, trat in der Bun­des­re­pu­blik der Gedan­ke einer leis­tungs­ori­en­tier­ten Musikschu­le mit inter­na­tio­na­ler Kon­kur­renz­fä­hig­keit ins Bewusst­sein. Und erst durch Ador­no rück­te das Kunst­werk, nicht das Musi­zie­ren in den Mit­tel­punkt der Mu­sikpädagogik: Neu­es Ziel wur­de nun in Schu­le und Musik­schu­le, Kin­der als Musi­ker zu respek­tie­ren und zur Kunst­an­eig­nung zu eman­zi­pie­ren.
Aus all die­sen Strö­mun­gen ent­wi­ckel­ten sich die Struk­tur­plä­ne des neu gegrün­de­ten VdM und sei­ner stark wach­sen­den Zahl an Mit­glieds­schu­len. Die Ele­men­ta­re Musik, Ensem­bles und Stu­dienvorbereitende Abtei­lun­gen wur­den auf­ge­baut, Musik­schu­len wur­den zu Kon­kur­ren­ten des pri­va­ten Unter­richts und der Kon­ser­va­to­ri­en.
Heu­te ste­hen die öffent­li­chen Musik­schu­len als gefes­tig­te Ins­titutionen da, die das im Grund­ge­setz erklär­te Recht auf freie Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung und garan­tier­te Gleich­heit aller Men­schen vehe­ment mit dem Anspruch auf finan­zi­el­le För­de­rung rekla­mie­ren. Rieß schließt mit wich­ti­gen Fol­ge­run­gen in The­sen­form und weist auf die zukunfts­wei­sen­de Chan­ce der heu­ti­gen Hete­ro­ge­ni­tät der Schü­ler­schaft hin. Sein Schlüs­sel­satz zur inklu­si­ven Musik­schu­le von heu­te stammt aus dem aktu­el­len Struk­tur­plan des VdM: Musi­zie­ren macht stark für ein gelin­gen­des Leben.
Holz’ bil­dungs­theo­re­ti­sche Unter­su­chung fußt zu einem guten Teil auf Wil­helm von Hum­boldt, der zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts theo­rie­bil­dend wirk­te und gleich­zei­tig Refor­men des öffent­li­chen Bil­dungs­we­sens anstieß. Ange­sichts poli­ti­scher Um­brüche und auf­kom­men­der Indus­tria­li­sie­rung wuchs zu sei­ner Zeit die Bedeut­sam­keit von Bil­dung, ver­stärkt durch das Anwach­sen eines bür­ger­li­chen Musik­le­bens, das wie­der­um gute mu­sikalische Bil­dungs­stät­ten benö­tig­te.
Die für die heu­ti­ge Musik­schul­land­schaft so prä­gen­den Strö­mun­gen und Aus­ein­an­der­set­zun­gen im 20. Jahr­hun­dert wer­den von Holz nur gestreift. Er begrün­det dies damit, dass sie fast völ­lig aus der Pra­xis und ohne bil­dungs­theo­re­ti­sche Begrün­dung ent­stan­den sind. Wäh­rend das neu­hu­ma­nis­ti­sche Bil­dungs­kon­zept des frü­hen 19. Jahr­hun­derts von der Theo­rie aus­ge­hend in die Pra­xis wirk­te, kämen die Reform­be­we­gun­gen des 20. Jahr­hun­derts aus dem (spät­ro­man­ti­schen) Unbe­ha­gen an bür­ger­li­cher Kul­tur und Bil­dung; ihr Fokus lag auf dem gesellschaft­lichen Auf­trag. Holz spricht von einem „Blind­fleck huma­nis­ti­scher Bil­dungs­tra­di­ti­on“.
Auch Holz ver­liert sich nicht in der His­to­rie. Er spürt die Begrün­dun­gen des heu­ti­gen Bil­dungs­auf­trags öffent­li­cher Musik­schu­len auf und dis­ku­tiert, ob Hum­boldts Bil­dungs­theo­rie und Schil­lers Ide­en einer ästhe­ti­schen Erzie­hung heu­te aktu­ell und ein­ge­löst sei­en oder doch eher zeit­ge­bun­den blie­ben.
Rieß und Holz kom­men in vie­len Punk­ten, durch­aus von ver­schie­de­nen Blick­win­keln, zu ähn­li­chen Schluss­fol­ge­run­gen. So wird eine der Schlüs­sel­fra­gen, die nach der Bezie­hung von Musik­un­ter­richt und all­ge­mei­nen Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten, von bei­den, auch anhand von Quel­len­ma­te­ri­al aus dem 19. Jahr­hun­dert (etwa Lina Ramann), aus­führ­lich dis­ku­tiert. Bei­de grei­fen die­ses bereits 1970 von Sig­rid Abel-Struth beschrie­be­ne und nach wie vor unge­klär­te Span­nungs­ver­hält­nis auf: Ist Musik­un­ter­richt Teil all­ge­mei­ner Bil­dung oder ist eine gründ­li­che All­ge­mein­bil­dung erst durch musi­ka­lisch-kul­tu­rel­le Bil­dung mög­lich?
Öffent­li­che Musik­schu­len bewe­gen sich heu­te im Span­nungs­feld künst­le­ri­scher Ide­al­vor­stel­lun­gen, gesell­schafts­po­li­ti­scher Erwar­tun­gen und oft schwie­rigs­ter wirt­schaft­li­cher Rah­men­be­din­gun­gen. Am Ende muss jedoch die Wert­schät­zung stim­men. Und die beweist sich eben in einer soli­den insti­tu­tio­nel­len För­de­rung und in wenigs­tens eini­ger­ma­ßen attrak­ti­ven Arbeits­be­din­gun­gen. Es hängt also vom Geld ab. Und auch wenn man­cher­orts die Struk­tu­ren aus­ge­zeich­net sind – Holz beschreibt Stutt­gart als Ide­al­fall gelun­ge­ner Musik­schul­ent­wick­lung –, läu­ten doch die Alarm­glo­cken, da bun­des­weit die öffent­li­che Musik­schul­fi­nan­zie­rung sinkt. Be­zeichnend ist, dass in man­chen Bun­des­län­dern nach wie vor ein Groß­teil des Unter­richts von Hono­rar­kräf­ten geleis­tet wird.
Es lohnt sich sehr, die bei­den aus­ge­zeich­ne­ten Wer­ke, denen man eine wei­te Ver­brei­tung wünscht, zu lesen. Rieß und Holz bli­cken von ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven auf die Musik­schu­le, bei­de tun es facet­ten­reich, sehr fun­diert und erkennt­nis­reich. Beson­ders wohl­tu­end ist, dass Bil­dungs­be­grif­fe inhalt­lich bestimmt und dis­ku­tiert und ein­mal nicht einer inter­es­sen­ge­lenk­ten (Bildungs-)Politik über­las­sen wer­den. Scha­de ist nur, die­se klei­ne Kri­tik muss sein, dass bei­de die Ent­wick­lung der Musik­schu­len in der DDR außer Acht las­sen.
Uwe Sand­voß