Rüdiger, Wolfgang

Der Ein­zel­ne und der Geist des Ganzen

Wie wird ein Ensemble zum Ensemble?

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2015 , Seite 06

Großartiges gab es im September in Karlsruhe bei WESPE – WochenEnde der SonderPreisE und Höhepunkt von "Jugend musiziert" – zu hören und zu sehen: Zwölf junge Musike­rInnen aus Weimar spielten Hinde­miths Kammermusik Nr. 1 op. 24 mit einer solchen Energie, Klangpracht und Kommunikationslust, dass man förmlich ins Ensemble hineingezogen wurde. Exzellentes Zusammenspiel und einzigartige solistische Leistungen gingen dabei Hand in Hand. Und die Zwölf spielten das groß besetzte Werk ohne Dirigent. Wie kann das gelingen?

Pro­fes­sio­nel­le Vor­bil­der für solch kom­mu­ni­ka­ti­ves Ensem­ble­spiel auch in grö­ße­ren Beset­zun­gen gibt es durch­aus, man den­ke an das berühm­te New Yor­ker Orpheus Cham­ber Orches­tra, das grund­sätz­lich ohne Diri­gent spielt und die musi­ka­li­schen Auf­ga­ben (Füh­ren und Fol­gen, Erar­bei­ten eines Pro­ben- und Inter­pre­ta­ti­ons­kon­zepts, Abhö­ren von Klang­ba­lan­ce, Dyna­mik etc.) demo­kra­tisch unter­ein­an­der aufteilt.1 Wie aber kön­nen Kin­der und Jugend­li­che von Beginn an her­an­ge­führt wer­den an ein solch erfüll­tes Ensem­ble­spiel voll Freu­de, Musi­ka­li­tät und leben­di­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on, das den Namen wirk­lich ver­dient? Denn nicht alles, was als Ensem­ble auf­tritt, ist auch eines im gestei­ger­ten Sin­ne des Wor­tes, erlebt man doch immer wie­der Musi­ker, die tech­nisch sau­ber, aber steif und lang­wei­lig ledig­lich „zur glei­chen Zeit am glei­chen Ort“ spie­len, ohne dass sich das gewis­se Etwas ein­stellt, das ein Ensem­ble zum Ensem­ble macht.
Was also bedeu­tet Ensem­ble, was macht ­Ensem­ble­spiel im qua­li­ta­ti­ven Sinn aus und wie kön­nen jun­ge Instru­men­ta­lis­tIn­nen das selbst­stän­di­ge Arbei­ten, Pro­ben, Musi­zie­ren im Ensem­ble erler­nen? Klä­ren wir zur Beant­wor­tung die­ser Fra­gen zunächst die Wort­herkunft und den Begriffs­sinn von Ensem­ble, um von dort aus die Grund­la­gen gemein­sa­men Musi­zie­rens und das Beson­de­re in den Blick zu neh­men, das Ensem­ble­spiel zu einem Sinn­bild mensch­li­chen Mit­ein­an­ders macht.

Ensem­ble – Ety­mo­lo­gie und Definition

Das fran­zö­si­sche Wort ensem­ble grün­det im latei­ni­schen in-simul und bedeu­tet „zusam­men“, „zugleich“, „gemein­sam“. Als Subs­tantiv meint Ensem­ble „das Zusam­men­wir­ken“, „das Gan­ze“, aber auch „Har­mo­nie“ und „Einig­keit“, was dar­auf ver­weist, dass in simul und en-sem-ble das indo­ger­ma­ni­sche Wort sem = eins steckt. Die­se Ursil­be ent­hal­ten auch ver­wand­te Wör­ter wie simul­tan = gleich­zei­tig, simi­lis = ähn­lich, Simu­la­ti­on = Vor­täu­schung oder sim­pel = einfach.
In der Bedeu­tungs­wei­te von Ensem­ble als simp­le Gleich­zei­tig­keit („ens­emp­le“) einer­seits und sicht­ba­re Einig­keit ande­rer­seits lässt sich bereits der Unter­schied zwi­schen einem quan­ti­ta­ti­ven und qua­li­ta­ti­ven Ensemb­lebegriff aus­ma­chen, der auch eini­ge histo­rische Defi­ni­tio­nen prägt. So unter­schei­det Jean-Jac­ques Rous­se­au in sei­nem Arti­kel „Ensem­ble“ im Dic­tionn­aire de musi­que von 1767 die (sel­te­ne­re) kom­po­si­ti­ons­äs­the­ti­sche Bedeu­tung von Ensem­ble als „wohl­ab­ge­wo­ge­ne Bezie­hung aller Bestand­tei­le eines Wer­kes unter sich und auf das Gan­ze“ vom per­for­ma­ti­ven Begriffs­sinn: „wenn die Mit­wir­ken­den in der Into­na­ti­on oder im Rhyth­mus so voll­kom­men über­ein­stim­men, daß sie nur von einem ein­zi­gen Geist beseelt schei­nen und die Aus­füh­rung all das getreu zu Gehör bringt, was das Auge in der Par­ti­tur wahr­nimmt. Ein sol­ches ENSEMBLE hängt nicht nur von der Geschick­lich­keit ab, mit der jeder sei­nen Part liest, son­dern von der Intel­li­genz, mit der er deren beson­de­ren Cha­rak­ter nach­emp­fin­det, und von der Ein­fü­gung ins Gan­ze – betref­fe die­se nun eine genaue Phra­sie­rung, genaue Befol­gung der Tem­pi, die recht­zei­ti­ge und wohl­do­sier­te Aus­füh­rung der for­te- und pia­no-Vor­schrif­ten […]. Die Musi­ker mögen so geschickt sein, wie sie wol­len: Ein ENSEMBLE wird nur zustan­de­kom­men, sofern sie selbst den Geist besit­zen, wel­cher der von ihnen gespiel­ten Musik eigen ist, und sofern sie auf­ein­an­der hören.“2
Fas­sen wir die zen­tra­len Aspek­te zusam­men, so ergibt sich als Kern­idee von Rous­se­aus Ensem­ble-Defi­ni­ti­on ein bezie­hungs­rei­ches Ver­hält­nis von Ein­zel­nem, Ande­ren und Gan­zem in der gemein­sa­men Aus- und Auf­füh­rung von Musik, die ihrer­seits eine „wohl­ab­ge­wo­ge­ne Bezie­hung“ zwi­schen Tei­len und Gan­zem beschreibt, sei es in Form einer Kom­po­si­ti­on oder einer Impro­vi­sa­ti­on. Das Gan­ze ist dabei etwas ande­res als die Sum­me sei­ner Tei­le, deren Eigen­schaf­ten von dem „Geist“, sprich Struk­tur und Aus­drucks­ge­halt des Gan­zen bestimmt und modu­liert wer­den (ein Leit­satz der Gestalt­theo­rie). Auf die Aus­füh­ren­den bezo­gen: Die ein­zel­nen Spie­le­rIn­nen ver­än­dern sich durch die Ande­ren und das musi­ka­li­sche Gan­ze, das sie gemein­sam gestalten.

1 Eine Arbeits­wei­se, die Vor­bild­cha­rak­ter für Schu­len und Unter­neh­men besitzt, vgl. die Doku­men­ta­ti­on von Aye­let Hel­ler: Orpheus in der Busi­ness-Welt. Das Manage­ment-Modell des Orpheus Cham­ber Orches­tra, ­EuroArts/SFB/WDR/arte 2002.
2 Jean-Jac­ques Rous­se­au: Arti­kel „Ensem­ble“ aus dem Wör­ter­buch der Musik (1767), in: Jean-Jac­ques Rous­se­au: Musik und Spra­che. Aus­ge­wähl­te Schrif­ten, hg. von Peter Gül­ke, Leip­zig 1989, S. 253.

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