Hadji, Nazfar / Andrea Welte

Die drit­te Hand

Ein Projekt zu zeitgenössischer ­Klaviermusik mit zwölf SpielerInnen

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 5/2014 , Seite 38

Am Klavier ist man immer einsam: Muss das sein? Zwölf PianistInnen zugleich an einem Flügel: Kann das sein? "Die dritte Hand" zeigt eine kreative Möglichkeit, die "Einzelhaft am Klavier" (Grete Wehmeyer) zu durchbrechen, indem mehrere Per­sonen an einem Flügel bzw. um einen Flügel herum gemeinsam musizieren.

Naz­far Had­ji kon­zi­pier­te und rea­li­sier­te an der Hoch­schu­le für Musik, Thea­ter und Medi­en Han­no­ver ein instru­men­tal­päd­ago­gi­sches Pro­jekt mit Jugend­li­chen und Stu­die­ren­den zu zeitgenös­sischer Kla­vier­mu­sik. Ihr Pro­jekt „Die drit­te Hand und Sona­ti­na Cine­tica von André Haj­du“ errang einen ers­ten Preis beim Hoch­schul­wett­be­werb Musik­päd­ago­gik 2013 der deut­schen Hoch­schul­rek­to­ren­kon­fe­renz und wur­de in der Kate­go­rie „Best Prac­tice: Par­ti­zi­pa­ti­ves Kon­zert“ für den jun­ge ohren preis 2013 nomi­niert.
Der israe­li­sche Kom­po­nist unga­ri­scher Abstam­mung André Haj­du (geb. 1932) stu­dier­te bei Zol­tán Kodá­ly in Buda­pest sowie bei Dari­us Mil­haud und Oli­vi­er Mes­sia­en in Paris. Seit 1966 lebt er als Eth­no­lo­ge, Kom­po­nist, Musi­ker, Impro­vi­sa­tor und Leh­rer in Isra­el. Gide­on Lewen­sohn, einer sei­ner Komposi­tionsschüler in Jeru­sa­lem und inzwi­schen selbst Pro­fes­sor für Kom­po­si­ti­on, bezeich­net ihn als „eine Art Béla Bar­tók der chas­si­di­schen Musik“, da er uner­müd­lich chas­si­di­sche Melo­di­en sam­melt und in sei­nen Wer­ken verarbeitet.1 Bemer­kens­wert ist zudem Haj­dus aus­ge­präg­tes päd­ago­gi­sches Inter­es­se. Er enga­giert sich sehr für ein inno­va­ti­ves, expe­ri­men­tel­les Musik­ler­nen und kom­po­nier­te vie­le päd­ago­gisch moti­vier­te Wer­ke, ins­be­son­de­re für Klavier.2
Sein 2001 ent­stan­de­nes Kla­vier­werk Die drit­te Hand („12 Stü­cke für Hand­kreu­zung“) umfasst zwölf Solo­stü­cke, die ein­zeln oder hin­ter­ein­an­der gespielt wer­den kön­nen und spe­zi­ell zum Trai­ning der Hand­kreu­zung ent­wi­ckelt wur­den. Haj­du selbst schreibt: „The pie­ces may be play­ed sepa­r­ate­ly but the who­le series or a lar­ge choice is pre­fera­ble. The order writ­ten indi­ca­tes the chro­no­lo­gy of their com­po­si­ti­on. They can be play­ed in this order but other orders are also possible.“3 Die kur­zen, klang­lich viel­fäl­ti­gen Stü­cke unter­schied­li­chen Schwie­rig­keits­gra­des sind her­vor­ra­gend geeig­net, Neu­gier auf zeit­genössische Musik zu wecken. Durch die abwechs­lungs­rei­chen Rhyth­men wird ein prä­zi­ses Rhyth­mus­ge­fühl gefor­dert und geför­dert. Eini­ge der Stü­cke ent­hal­ten außer­dem impro­vi­sa­to­ri­sche Tei­le. Als Ein­lei­tung oder Fina­le für sei­ne Kom­po­si­ti­on Die drit­te Hand kom­po­nier­te Haj­du die Sona­ti­na Cinetica.4 Die Beson­der­heit des Werks besteht zunächst in den Bewe­gungs­as­pek­ten, aber auch dar­in, dass es für zwölf Spie­le­rIn­nen kon­zi­piert wur­de, die an nur einem Kon­zert­flü­gel gemein­sam ein Stück zur Auf­füh­rung bringen.5
Die Sona­ti­na endet alea­to­risch nach fol­gen­den Regeln: Alle spie­len im Ste­hen, außer zwei Spie­le­rIn­nen, die an den bei­den äuße­ren Enden des Kla­viers sit­zen. Jeder hat ein klei­nes Reper­toire an Moti­ven (per­sön­li­che „Signa­le“) erar­bei­tet, die er von Zeit zu Zeit zu plat­zie­ren ver­sucht. Am Anfang der Coda sol­len nur eini­ge weni­ge zu hören sein; mit der Zeit ent­steht dann jedoch ein „Wett­streit bzw. Kampf“, der sich immer mehr stei­gert, je mehr Per­so­nen spie­len. Die­se Kon­zep­ti­on eröff­net die Mög­lich­keit, eine neue Spiel­äs­the­tik und ein leben­di­ges Grup­pen­er­leb­nis auf der Büh­ne zu schaf­fen: Die Spie­le­rIn­nen bewe­gen sich um das Kla­vier her­um und spie­len gleich­zei­tig oder nach­ein­an­der.

1 vgl. www.nigun.info/haidu.html
2 Zu nen­nen sind hier z. B. sein Con­cer­to for 100 fin­gers bzw. Con­cer­to for 10 litt­le pia­nists and grand orches­tra (Isra­el Music Insti­tu­te 1978), das am 29. Janu­ar 2011 im Gewand­haus Leip­zig sei­ne deut­sche Erst­auf­füh­rung erleb­te; die 1975 ent­stan­de­ne Ein­füh­rung in das Kla­vier­spiel The Mil­ky Way (Die Milch­stra­ße, 4 Bän­de, Sikor­ski 1996–1998); The Art of Pia­no Play­ing: 32 Pie­ces for the Young Artist (2 Bän­de, Or-Tav 1987); Book of Chal­len­ges. The Play­er as a part­ner (3 Bän­de, Isra­el Music Insti­tu­te 1991–1999), vgl. www.andrehajdu.com/work-list/ piano-works.html
3 André Haj­du: Die drit­te Hand. 12 Stü­cke für Hand­kreu­zung, Pri­vat­druck 2001, S. 2.
4 André Haj­du: Sona­ti­na Cine­ti­ca, hand­schrift­lich, 2001. Sona­ti­na Cine­ti­ca kann auch als selbst­stän­di­ges Werk gespielt wer­den.
5 Wird das Stück von weni­ger als zwölf Per­so­nen gespielt, über­nimmt jede meh­re­re Rol­len; drei Spie­le­rIn­nen müs­sen min­des­tens mit­wir­ken.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 5/2014.