© Min Chiu_www.stock.adobe.com

Altenmüller, Eckart

Die Entdeckung der Langsamkeit

Zur Neurodidaktik des geduldigen Übens

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 16

Ein Instrument zu erlernen, benötigt viel Geduld. Warum man musikalisches Lernen durch Fleiß nicht beliebig beschleunigen kann und warum es wichtig ist, früh das richtige Fundament für geduldiges Üben und eine korrekte Technik zu legen, ist auch in der Hirn­physiologie begründet. Diese neurophysiologischen Gesetze haben Auswirkungen auf die Methodik des Unterrichtens.

In Konzerten erleben wir häufig scheinbar mühelose Perfektion. Enorme technische Schwierigkeiten werden ohne sichtbare Anstrengungen gemeistert, komplizierte, sehr schnelle Bewegungsabläufe mit großer Leichtigkeit präzise ausgeführt und auch in den anspruchsvollen Passagen wird durch farbenreiche Klanggestaltung und sprechendes Spiel ein seelisch berührender Ausdruck erzielt. Musikerinnen und Musiker ziehen so ihr Publikum in den Bann und kommunizieren meisterhaft Emotionen. Das Publikum ist überwältigt von den atemberaubenden körperlichen, kognitiven und emotionalen Höchstleistungen.
Solche Konzerterfahrungen können zur Annahme verleiten, musikalische Meisterschaft sei vor allem Ausdruck außergewöhnlicher Begabung. Tatsächlich steht hinter jeder exzellenten Interpretation jedoch ein jahrelanger Prozess systematischen Lernens, dessen zentrales Merkmal nicht allein Talent, sondern in besonderem Maße Geduld ist. Geduld zählt daher zu den entscheidenden Voraussetzungen einer gelingenden musikalischen Entwicklung. Während aber andere wichtige Anteile musikalischer Lernfähigkeit wie z. B. Motivation, Kreativität, Begabung und Übemethoden umfassend beforscht wurden, steht Geduld bislang deutlich seltener im Mittelpunkt wissenschaft­licher Betrachtung. Häufig wird sie als persönliche, weitgehend angeborene Charaktereigenschaft verstanden: Man besitzt sie – oder eben nicht.
Dieses Verständnis greift jedoch zu kurz. Geduld ist vielmehr eine komplexe neurokog­nitive Fähigkeit, die emotionale Selbstregulation, Planung, Zukunftsorientierung und vor allem Vertrauen in langfristige Lernprozesse umfasst. Sie ist erlernbar und sollte deshalb frühzeitig im Instrumental- und Gesangsunterricht gefördert werden.
Der Schwerpunkt dieses Artikels liegt auf der Bedeutung von Geduld im Übeprozess. Ihre Notwendigkeit ergibt sich aus den hirnphysiologischen Gesetzmäßigkeiten des Lernens, die auf Neuroplastizität beruhen. Neuroplastizität bezeichnet hier die lebenslange Fähigkeit des Gehirns, sich an spezifische Anforderungen anzupassen. Die das intensive freudvolle Üben begleitenden senso-motorischen, kognitiven und emotionalen Prozesse führen zu Optimierungen der beteiligten neuronalen Strukturen. Nach jeder Übeeinheit ist das Gehirn also verändert, man „steigt nie in den gleichen Fluss“. Diese kurz- und langfristigen Veränderungen bilden die neurophysiologische Grundlage von Lernen und Gedächtnisbildung. Die Gesetzmäßigkeiten der Neuroplastizität beeinflussen daher maßgeblich Lerntempo und die Nachhaltigkeit des Lernens, unabhängig davon, ob es um Bewegungsabfolgen, Klangvorstellungen oder interpretatorische Details geht. Daraus lässt sich eine hirnphysiologisch begründete Didaktik des geduldigen Übens ableiten.

Warum erfordert musikalisches Lernen so viel Geduld?

Musizieren gehört zu den anspruchsvollsten menschlichen Leistungen. Gesang und Ins­trumentalspiel erfordern die präzise Ausführung sehr schneller und häufig hochkomplexer Bewegungen, die fortlaufend über auditive, somatosensorische und visuelle Rückmeldungen gesteuert, angepasst und koordiniert werden.
Hinzu kommen der ständige Abruf musikalischer, motorischer und multisensorischer Informationen aus Kurzzeit- und Langzeit­gedächtnis sowie die vorausschauende Planung des musikalischen Verlaufs. Die klanglichen Folgen einer Bewegung müssen antizipiert, „vorausgehört“ und bei Bedarf korrigiert werden.1
Zugleich erschöpft sich eine musikalische Aufführung nicht in technischer Präzision: Sie verlangt Ausdruck, Gestaltung und emotionale Präsenz. Musizieren integriert daher sensorische, motorische, kognitive und emotionale Prozesse in Echtzeit in einer Dichte, wie sie kaum eine andere Fertigkeit erfordert. Die dafür notwendigen neuronalen Veränderungen entstehen jedoch nicht augenblicklich, sondern benötigen Zeit. Neuroplastische Prozesse gehorchen biologisch festgelegten Zeitabläufen, die sich nicht beliebig durch Willenskraft oder pausenloses Üben beschleunigen lassen.
Gerade darin liegt die besondere Bedeutung von Geduld: Musikalische Fortschritte lassen sich nicht erzwingen, denn jedes Werk benötigt im Prozess seiner Erarbeitung seine eigene Zeit. Wie lange dieser Prozess dauert, hängt dabei von zahlreichen Faktoren ab. Dazu zählen genetische Voraussetzungen, etwa die weitgehend angeborene motorische Grundschnelligkeit von zyklischen Bewegungen ebenso wie anatomische Gegebenheiten, beispielsweise Handgröße oder Gelenkbeweglichkeit. Auch Vorerfahrungen, Übemethoden und Persönlichkeitsmerkmale wie Motivation, Perfektionismus oder Frustrationstoleranz beeinflussen den Lernerfolg. Neben diesen individuellen Voraussetzungen spielt die Komplexität des jeweiligen Werks naturgemäß eine zentrale Rolle. Anforderungen an Geschwindigkeit, Bewegungsflexibilität, Treffsicherheit und Klangkontrolle sind ebenso entscheidend wie die Neuartigkeit motorischer Abläufe und die kognitiv-emotionalen Anforderungen eines Kunstwerks in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Neurophysiologie des ­musikalischen Lernens

Das Erarbeiten eines Musikstücks beruht auf dem Zusammenspiel eines hochkomplexen neuronalen Netzwerks aus Milliarden Verbindungen im Gehirn. In Abbildung 1 sind die wichtigsten neuronalen Strukturen sowie ihre zentralen Funktionen beim musikalischen Lernen und Üben dargestellt. Für das sensomotorische Lernen ist dabei wesentlich, dass kurzfristige Veränderungen während des Übens, zum Beispiel neu eingeübte Fingersätze oder Bogenbewegungen, zunächst vor allem in der Großhirnrinde gespeichert werden. Durch geduldiges Üben mit vielen Wiederholungen werden solche Bewegungsfolgen nach und nach in den Basalganglien abgelegt und stehen dort als automatisierte motorische Steuerprogramme für den Abruf bereit.

1 Brown, Rachel/Zatorre, Robert J./Penhune, Virginia B.: ­„Expert music performance: cognitive, neural, and developmental bases“, in: Progress in Brain Research, 2015, Bd. 217, S. 57-86, doi: 10.1016/bs.pbr.2014.11.021

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support