Bieber, Patrizia
Die Macht elterlicher Erwartungen und Überzeugungen
Verstecktes Potenzial für den Instrumental- und Gesangsunterricht
„Mein Kind übt nicht.“ Ein einfacher Satz, eine scheinbar objektive Aussage. Und doch steckt so viel mehr dahinter: nämlich eine elterliche Erwartungshaltung, die mit einem spezifischen Verständnis der eigenen Elternrolle verbunden ist. Was erwarten Eltern von ihren Kindern? Wie viel Verantwortung schreiben sie ihnen für ihren Lernfortschritt zu? Und welche Rolle nehmen sie selbst dabei ein? Wie sehr greifen sie ein, gestalten mit oder beobachten aus der Distanz heraus?
Elterliche Haltungen in Bezug auf das Erlernen eines Instruments sind mannigfaltig und formen insbesondere in der Anfangsphase des Instrumental- oder Gesangsunterrichts das Lernumfeld eines Kindes wesentlich mit. Aus der pädagogisch-psychologischen Forschung ist bekannt, dass elterliche Erwartungen und Überzeugungen eng mit dem Selbstkonzept1 von Kindern und deren Erfolgserwartungen zusammenhängen – zwei Faktoren, die für die Lernmotivation grundlegend sind.2 Im ersten Unterrichtsjahr scheinen Kinder zum Beispiel deutlich weniger zu üben und das Instrumentalspiel mit höherer Wahrscheinlichkeit wieder aufzugeben, wenn ihre Mütter erwarten, dass sie nicht fleißig genug sein werden oder beim Üben kontrolliert werden müssen.3 Nur wer selbstüberzeugt daran glaubt, Ziele erreichen zu können, und von seinem Umfeld darin bestärkt wird, ist dazu in der Lage, langanhaltend Leistung zu erbringen. Das ist im Anfangs-, Mittel- und Oberstufenunterricht ebenso relevant wie mit Blick auf professionelle Karriereverläufe.
Das Lernumfeld im Blick
Optimale Lernbedingungen zu schaffen, sollte uns als PädagogInnen durchweg am Herzen liegen. Wenn wir die psychische Verfassung und das Lernumfeld unserer SchülerInnen nicht zu jeder Zeit mitdenken, werden wir Lerninhalte nur wenig effektiv vermitteln können. So könnten wir konstatieren, dass es zu unserer Aufgabe als PädagogInnen gehört, bei unseren SchülerInnen eine beständige Selbstkonzept-Pflege zu betreiben, verbunden mit der Förderung realistischer Erfolgserwartungen. Die Auseinandersetzung mit dem häuslichen Umfeld unserer SchülerInnen ist hierfür wesentliche Grundlage, findet der eigentliche Lernfortschritt doch in der Nachbearbeitung und im vertiefenden Üben zu Hause statt.
Unbewusst vorhandene Erwartungen oder Fehlvorstellungen von Eltern können hier entscheidend im Weg stehen. So mag manchen Eltern nicht bewusst sein, dass die Fähigkeit zum selbstregulierten Lernen, das heißt zum eigenständigen Planen, Steuern und Reflektieren von Lernprozessen, erst Schritt für Schritt erlernt werden muss. Entsprechend kann die Fertigkeit zum systematischen, gezielten Üben (Deliberate Practice) bei Weitem nicht vorausgesetzt werden.
Zwischen Führung und Autonomie
Die Entwicklung von Übekompetenzen ist komplex und verlangt entsprechende Anleitung und Begleitung im Anfangsstadium. Keineswegs ist hierzu jedoch fachliche Expertise seitens der Eltern notwendig – eine Fehlannahme, die manchen Eltern Sorge bereiten und Ursache einer geringen Verantwortungsübernahme sein mag.4 Vielmehr scheint es darauf anzukommen, ob es gelingt, feinfühlig die psychologischen Bedürfnisse des Kindes zu befriedigen.5 Dies bekräftigen jüngste Studienergebnisse aus dem Forschungsprojekt ELEMUG (Elterliche Überzeugungen und der Erwerb spieltechnisch-musikalischer Fertigkeiten bei Grundschulkindern), das 195 Familien mit Grundschulkindern im ersten Jahr des Instrumentalunterrichts begleitete.6
Die Befunde zeigten, dass die Überzeugungen von Eltern mit dem Lernfortschritt ihrer Kinder am Instrument zusammenhingen. Kinder entwickelten sich insbesondere dann positiv am Instrument, wenn ihre Eltern davon überzeugt waren, für die musikalische Ausbildung ihres Kindes verantwortlich zu sein, ihrem Kind wenig Eigenverantwortung zuschrieben und sich in der Rolle sahen, das Üben zu Hause strukturgebend unterstützen, jedoch nicht kontrollieren zu müssen. Dabei trauten es sich die Eltern der „erfolgreichen“ Kinder besonders zu, ihr Kind beim Erlernen des Instruments unterstützen zu können. Und obwohl ihr Unterstützungsverhalten von den Lehrkräften als ausgeprägt responsiv, durchaus aber auch kontrollierend beurteilt wurde, nahmen die „erfolgreichen“ Kinder ihre Eltern nicht als kontrollierend wahr. Dazu waren diese Eltern am wenigsten gestresst durch den Instrumentalunterricht ihres Kindes, übten zu Beginn viel gemeinsam mit ihrem Kind und reduzierten dies im Laufe der Zeit.
Den Eltern mit den offenbar lernförderlichen Überzeugungen gelang es also, mit klar führender Haltung voranzugehen, gleichzeitig jedoch die psychologischen Bedürfnisse ihres Kindes nach Autonomie und Kompetenzempfinden zu berücksichtigen und ihre Hilfe der sich langsam entwickelnden Kompetenz ihres Kindes anzupassen.7
Gemeinsam im offenen Dialog
In der Summe ergibt sich aus den obigen Betrachtungen das Bild eines diffizilen Zusammenspiels zwischen elterlichen Überzeugungen, Erwartungen, Verhaltensweisen und kindlichen Lernentwicklungen. Die richtige, wohldosierte Mischung zu finden aus einfühlsamer, stressfreier Unterstützung, strukturgebender Begleitung und zunächst dennoch konsequenter Führung des Lernprozesses zu Hause, ist sicherlich eine der größten Herausforderungen für Eltern im Kontext des Instrumental- oder Gesangsunterrichts. Damit sollten wir sie nicht allein lassen. Und wir sollten uns als PädagogInnen kritisch fragen: Wie oft setzen wir uns wirklich offen und unvoreingenommen mit den Erwartungen und Vorstellungen von Eltern auseinander? Nehmen wir nicht zumeist selbst schon eine gewisse Erwartungshaltung gegenüber Eltern ein und verbauen uns dadurch möglicherweise selbst den Zugang zu einem empathischen, gemeinsamen Miteinander im Sinne der bestmöglichen Förderung der kindlichen Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung?
Optimalerweise gelingt die Zusammenarbeit mit Eltern nicht als solche, nämlich als Arbeit, sondern als Bildungspartnerschaft auf Augenhöhe – mit ehrlichem Interesse und im offenen Dialog, um Erwartungen, Überzeugungen und mögliche Fehlvorstellungen zu identifizieren und im Reflexionsprozess gemeinsam daran zu wachsen.8 Begreifen wir die Macht elterlicher Erwartungen und Überzeugungen also als Potenzial, das sich gemeinschaftlich nutzen lässt und dabei nicht nur unseren SchülerInnen zugutekommt, sondern gleichermaßen unsere musikalische Bildungslandschaft und gesamtgesellschaftliche Entwicklung nachhaltig mitgestaltet.
1 Das Selbstkonzept umfasst die Summe aller Überzeugungen zum eigenen Selbst, das heißt die subjektive Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften. Es beschreibt ein emotional bewertetes Selbstbild, das aus dem Vergleich mit einer Idealvorstellung erwächst. Vgl. Bordens, Kenneth S./Horowitz, Irwin A.: Social Psychology (2nd ed), Psychology Press, 2012.
2 vgl. Eccles, Jacquelynne S./Wigfield, Allan: „The Development, Testing, and Refinement of Eccles, Wigfield, and Colleagues’ Situated Expectancy-Value Model of Achievement Performance and Choice“, in: Educational Psychology Review, 36(2), 2024, S. 51, https://doi.org/10.1007/s10648-024-09888-9
3 vgl. McPherson, Gary E./Davidson, Jane W.: „Musical Practice: Mother and child interactions during the first year of learning an instrument“, in: Music Education Research, 4(1), 2002, S. 141-156, https://doi.org/10.1080/ 14613800220119822
4 vgl. Davidson, Jane W./Sloboda, John A./Howe, M. J. A.: „The Role of Parents and Teachers in the Success and Failure of Instrumental Learners“, in: Bulletin of the Council for Research in Music Education, 127, 1995, S. 40-44.
5 vgl. Mahlert, Ulrich: Elternarbeit an Musikschulen. Musikschulkongress, Berlin 2019, https://www.musikschulen.de/ medien/doks/mk19/dokumentation/ag-17_mahlert.pdf (Stand: 30.4.2026); Rüdiger, Wolfgang: „Das Üben lernen“, in: Busch, Barbara (Hg.): Grundwissen Instrumentalpädagogik. Ein Wegweiser für Studium und Beruf (2. Aufl.), Wiesbaden 2021, S. 254-271.
6 siehe Bieber, Patrizia/Busch, Barbara/, Golle, Jessika/Göllner, Richard: „Mein Kind kann das. Elterliche Überzeugungen als Türöffner zum Instrumentalspiel“, in: üben & musizieren.research, 4, 2024, S. 17-41, https://uebenundmusizieren.de/artikel/research_2024_bieber-et-al (Stand: 30.4.2026).
7 Bieber, Patrizia: Elterliche Überzeugungen und der Erwerb spieltechnisch-musikalischer Fertigkeiten im Grundschulalter. Eine Untersuchung des Instrumentalspiels aus Perspektive der Empirischen Bildungsforschung, Dissertation, Universität Tübingen, 2025, http://hdl.handle.net/10900/165225
8 vgl. Mahlert, 2019; Roth, Xenia: Handbuch Elternarbeit, Freiburg 2014.
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