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Dilg, Jenny Marielle / Lilli Williams / Eden Mengesteab

Die Muschel

Identitätsfindung in einer Streicherklasse gegen Armut und Diskriminierung

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2018 , Seite 16

In der Streicherklasse einer Berliner Grundschule kommen geflüchtete Kinder mit Kindern der Regelklassen in Kontakt und erhalten neue An­gebote und Orientierungsmöglich­keiten für die schwierige Suche nach der eigenen Identität.

Als 2015 vie­le geflüch­te­te Men­schen und somit auch vie­le schul­pflich­ti­ge Kin­der nach Ber­lin kamen, woll­te ich als Musik­päd­ago­gin und Brat­schen­leh­re­rin einen Bei­trag dazu leis­ten, die­se Men­schen auf­zu­neh­men und die Situa­ti­on an den Schu­len zu bewäl­ti­gen. Mit Unter­stüt­zung der stu­den­ti­schen Initia­tive Com­mon Ground,1 die an der Uni­ver­si­tät der Küns­te gemein­sam mit Geflüch­te­ten künst­le­ri­sche Pro­jek­te orga­ni­siert, und von Oran­na Sper­ber konn­ten wir – nach eini­gen orga­ni­sa­to­ri­schen Vor­be­rei­tun­gen – an der Nehring­schu­le in Ber­lin gemein­sam mit einer Grup­pe Stu­die­ren­der eine Strei­cher­klas­se für geflüch­te­te Kin­der ins Leben rufen. Zusam­men mit David Lima, Johan­na Mad­den, Thir­za Marx und Leo­nor Rodri­gues von der UdK Ber­lin unter­rich­te­ten wir zunächst eine Grup­pe aus der Will­kom­mens­klas­se der Nehring­schu­le Ber­lin mit zehn Kin­dern, spä­ter kam eine wei­te­re Klas­se hin­zu.

Jeder kann über sich hin­aus­wach­sen und etwas errei­chen, wenn er es mit Hin­ga­be und Lei­den­schaft tut.“ (Nel­son Man­de­la)

Das Pro­jekt „Musik von allen Sai­ten“ soll­te es geflüch­te­ten Kin­dern so ein­fach wie mög­lich machen, ein Streichinst­rument zu ler­nen und mit Kin­dern aus der Regel­klas­se in Kon­takt zu kom­men. Wich­tig war uns von Beginn an, die Strei­cher­klas­se kos­ten­los anzu­bie­ten. Doch gestal­te­te sich die Finan­zie­rung der Instru­men­te zunächst schwie­rig. Wir star­te­ten daher mit Papp­gei­gen. Die Kin­der waren den­noch immer sehr moti­viert und begeis­tert. Als die Gei­gen aus Holz end­lich da waren, hat­ten wir das Glück, einen Auf­tritt in der Oran­ge­rie im Schloss Char­lot­ten­burg rea­li­sie­ren zu kön­nen. Wir spiel­ten ein Arran­ge­ment von Peter und der Wolf: ein schö­ner Auf­takt unse­res Pro­jekts.
Das Pro­jekt wuchs, wir unter­rich­te­ten nun zwei Klas­sen und es kamen mehr Kin­der aus den Regel­klas­sen dazu. Die Kin­der waren immer begeis­tert, doch es gab auch Trä­nen und Dra­men. Alle Kin­der aus unse­rer Klas­se haben ihre Bür­den zu tra­gen und es kom­men unter­schied­li­che Schwie­rig­kei­ten und Kon­flik­te zusam­men. Unse­re Klas­se mag auf Besu­cher zuwei­len etwas chao­tisch wir­ken. Und in der letz­ten Stun­de kamen zehn neue Kin­der dazu! Jetzt brau­chen wir wie­der drin­gend Instru­men­te…
Wäh­rend der Arbeit mit der Strei­cher­klas­se wur­de mir immer bewuss­ter, dass der Unter­richt mehr Impli­ka­tio­nen hat als eine rein strei­cher­me­tho­di­sche Her­an­ge­hens­wei­se. Des­we­gen war es mir wich­tig, mei­ne Erfah­run­gen als Leh­re­rin der Strei­cher­klas­se mit zwei außen­ste­hen­den Exper­tin­nen zu bespre­chen, die im psy­cho­so­zia­len Bereich tätig sind und for­schen. Mit Lil­li Wil­liams und Eden Men­ge­ste­ab dis­ku­tier­te ich zwei Aspek­te, die impli­zit in der Strei­cher­klas­se vor­han­den sind: Armut und Dis­kri­mi­nie­rung.

Musi­sche Bil­dung als Aus­weg aus der Armut

Die gesell­schaft­li­che Wirk­lich­keit, der ich mit die­sem Pro­jekt etwas ent­ge­gen­set­zen woll­te, dräng­te sich den­noch auf: Als wir uns ent­schie­den, die Eltern um einen frei­wil­li­gen ein­ma­li­gen Bei­trag von 20 Euro zu bit­ten, um ein biss­chen Geld für Anschaf­fun­gen (Hef­ter, Sai­ten usw.) zu haben, muss­ten wir erken­nen, dass die­se Sum­me für vie­le Eltern (auch für jene aus der Regel­klas­se) eine zu gro­ße Aus­ga­be dar­stell­te. Wir beka­men zum Bei­spiel einen Brief mit einer lan­gen Erklä­rung, war­um das Geld von Hartz IV für die­se Ausga­be nicht reiche.2 Zum ande­ren schien mir ein Zusam­men­hang zwi­schen dem Ein­kom­men der Eltern und den moto­ri­schen Fähig­kei­ten der Kin­der zu bestehen. Die­se Erfah­rung stellt den her­kömm­li­chen Bega­bungs­be­griff in Fra­ge und erfor­dert, auch ande­re Aspek­te zu beach­ten, die mög­li­cher­wei­se ein­schrän­kend auf die Leis­tung und Auf­nah­me­fä­hig­keit wir­ken kön­nen.
Nach dem Vor­bild von El Sis­te­ma aus Vene­zue­la möch­te ich im klei­nen Rah­men mit unse­rer Strei­cher­klas­se für die Kin­der Wege aus der Armut auf­tun. Armut besteht nicht nur aus mate­ri­el­len Ein­schrän­kun­gen, son­dern bringt auch das Pro­blem der restrik­ti­ven Hand­lungs­fä­hig­keit mit sich. Auch soll­te das Phä­no­men der glä­ser­nen Decke aus der Gen­der­for­schung nicht uner­wähnt blei­ben. Der Begriff der restrik­ti­ven Hand­lungs­fä­hig­keit kommt aus der Kri­ti­schen Psy­cho­lo­gie und beschreibt den Zustand, dass Men­schen sich mit (sozio­öko­no­mi­schen) Situa­tio­nen abfin­den, obwohl die­se für sie müh­sam sind.3
Als Päd­ago­gin erwächst dar­aus eine Arbeit an der Hand­lungs­fä­hig­keit der Kin­der, indem man ihnen Optio­nen und Mög­lich­kei­ten eröff­net, die sie bis­her nicht in Betracht gezo­gen haben. Fin­den die Eltern zum Bei­spiel kei­ne Arbeit und sind des­we­gen ver­zwei­felt, kann es pas­sie­ren, dass die Kin­der die­ses Gefühl der Ohn­macht als selbst­ver­ständ­lich und rich­tig wahr­neh­men. Das heißt, wenn etwas nicht klappt, wird es gleich auf­ge­ge­ben und nicht wei­ter­ver­folgt. War­um auch? Es wird sowie­so nicht klap­pen. Hier kön­nen wir als Päd­ago­gIn­nen anset­zen: „Doch, es kann klap­pen! Siehst du, es klappt doch!“ Und plötz­lich schaf­fen auch soge­nann­te schwie­ri­ge Kin­der eine Auf­ga­be.
Die glä­ser­ne Decke ist ein Begriff aus der Gen­der­for­schung, der die Schwie­rig­kei­ten von Frau­en beschreibt, in Füh­rungs­po­si­tio­nen auf­zu­stei­gen. Es han­delt sich hier­bei um unsicht­ba­re Bar­rie­ren, die Frau­en dar­an hin­dern, sich in einem Milieu zu bewe­gen, das för­der­lich für einen Auf­stieg wäre.4 Über­tra­gen auf unse­re Strei­cher­klas­se kön­nen wir beob­ach­ten, dass die Kin­der, die vor­her in Turn­hal­len schlie­fen und jetzt zum Teil noch immer zu fünft in einem Raum im Flücht­lings­heim leben, nicht mit den Kin­dern spie­len, die im Alt­bau im gut situ­ier­ten Bezirk Char­lot­ten­burg leben. Dies ist nicht auf man­geln­de Sym­pa­thie zurück­zu­füh­ren, son­dern ledig­lich auf die Tat­sa­che, dass die einen und die ande­ren Kin­der durch eine unsicht­ba­re Wand getrennt sind. Sie zie­hen ein­fach nicht in Erwä­gung, sich anzu­freun­den.
Ein Kind aus einem Eltern­haus mit gesi­cher­ter sozio­öko­no­mi­scher Situa­ti­on und womög­lich aka­de­mi­schem Hin­ter­grund, das wöchent­lich zum Musik­un­ter­richt in die Musik­schu­le gefah­ren wird und bei dem die Eltern auf regel­mä­ßi­ges Üben bestehen, weiß: „Ich soll ein Musik­in­stru­ment spie­len.“ Aber es hat auch güns­ti­ge­re Vor­aus­set­zun­gen, um zu wis­sen: „Das steht mir zu, ich kann die­ses Inst­rument ler­nen.“

1 www.udk-berlin.de/universitaet/studierendenschaft/common-ground (Stand: 14.8.2018).
2 vgl. www.sueddeutsche.de/wirtschaft/wie-viel-geld-bekommt-ein-hartz-iv-empfaenger-1.3905657 (Stand: 14.8.2018).
3 vgl. Klaus Holz­kamp: Grund­le­gung der Psy­cho­lo­gie, Cam­pus, Frank­furt am Main 1983, S. 325 ff.
4 vgl. Kat­rin Schulz: Frau­en in Füh­rungs­po­si­tio­nen. Die „glä­ser­ne Decke“ als Ursa­che einer per­sis­ten­ten ver­ti­ka­len Segre­ga­ti­on des Arbeits­mark­tes, wvb, Ber­lin 2013.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 5/2018.