Werner, Almut

Die ver­schwun­de­nen Noten

Eine Geschichte für Blockflöte(n), Regiebuch/Spielpartitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Zimmermann, Mainz 2016
erschienen in: üben & musizieren 3/2017 , Seite 58

Gene­ral­pro­be fürs Jah­res­kon­zert an der Johann-Sebas­ti­an-Bach-Schu­le. Die jun­gen Flö­tis­ten packen ihre Noten aus, man spielt einen Begrü­ßungs­boo­gie und möch­te eigent­lich mit Bach wei­ter­ma­chen. Alle Kin­der wüh­len ver­zwei­felt nach der Gavot­te – und was fin­den sie? Lee­re Blät­ter! Selbst die Leh­re­rin Han­na Har­mo­ni­us, die sonst nie etwas ver­gisst, kann ihre Noten ein­fach nicht fin­den! Da stürmt auch schon der Haus­meis­ter mit einem Radio in den Raum, aus dem nach sphä­ri­schem Rau­schen und eini­gen Melo­die­schnip­seln die Nach­richt zu hören ist, dass auf geheim­nis­vol­le Wei­se plötz­lich welt­weit alle Auf­nah­men und Abschrif­ten eben die­ser Gavot­te ver­schwun­den sei­en.
Musik­leh­re­rin Har­mo­ni­us hat einen Ver­dacht: Erfin­det ihr Gat­te doch immer so eigen­ar­ti­ge Din­ge, mit denen Sohn Max dann Unsinn treibt… Und tat­säch­lich: Es hat ihn mit einer Zeit­ma­schi­ne ins Jahr 1720 in die Wohn­stät­te der Fami­lie Bach ver­schla­gen – ohne Rück­flug­ti­cket! Zum Glück sind da noch Har­mo­ni­us’ Nich­te und Nef­fe, die sich sogleich auf­ma­chen, ihren Cou­sin Max zu ret­ten – und die Gavot­te am bes­ten gleich mit.
Das ist in Kür­ze die Hand­lung der ers­ten Hälf­te der (laut Vor­wort) „span­nen­den Musik­ge­schich­te“, die in Almut Wer­ners neu­em Block­flö­ten­band erzählt wird. Ob die Ret­tung gelingt, soll nicht ver­ra­ten wer­den; nur so viel: Am Ende des Abends kann dann doch noch die Gavot­te erklin­gen…
Die Geschich­te, die von einem Erzäh­ler gele­sen, aber auch halb­szenisch oder sze­nisch illus­triert wer­den kann, rich­tet sich an fort­ge­schrit­te­ne Anfän­ge­rIn­nen (nach min­des­tens zwei Unter­richts­jah­ren) auf der Sopran­block­flö­te zwi­schen acht und 14 Jah­ren im Ein­zel- und vor allem Grup­pen­un­ter­richt (wobei es sich um tole­ran­te 14-Jäh­ri­ge han­deln soll­te, da Hand­lung und Erzähl­wei­se der Geschich­te doch recht kind­lich anmu­ten). Der Ambi­tus bewegt sich zwi­schen c' und a'' plus diver­se Überblas­töne und ein paar Vor­zei­chen.
Als Lern­in­hal­te wer­den Mög­lich­kei­ten der Klang- und Geräusch­er­zeu­gung auf der Block­flö­te ange­führt, aber auch Zusam­men­spiel und das Wis­sen über Bach und sei­ne Zeit; das aller­dings über die Tat­sa­che, dass er um 1720 gelebt hat und einen Sohn Namens Wil­helm Frie­de­mann hat­te, der täg­lich min­des­tens eine Stun­de Cem­ba­lo üben muss­te, nicht hin­aus­geht. Auf der Umschlag­sei­te fin­den sich dann noch ein paar Fak­ten mehr.
Den Band nur wegen der Aus­beu­te an Stü­cken zu erste­hen, wür­de nicht loh­nen: diver­se kur­ze Frag­men­te von Stü­cken, ein Boo­gie, dazu ein Kanon, ein Menu­ett, ein Lied und die besag­te Gavot­te von Bach, arran­giert für Block­flö­ten. Der Wert des Ban­des kann also nur in einer Auf­füh­rung der gesam­ten Geschich­te (von geschätz­ten zehn bis 15 Minu­ten Dau­er, je nach gewähl­ter Auf­füh­rungs­form) lie­gen, die gleich­wohl für die Höre­rIn­nen durch­aus ihre Rei­ze haben dürf­te; weni­ger wegen der Hand­lung als wegen der span­nen­den Geräu­sche, die aus so einer Block­flö­te drin­gen kön­nen…
Andrea Braun