Rensburg, Jacques

Drei Stü­cke op. 2

für Violoncello und Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ponticello Edition, Mainz 2021
erschienen in: üben & musizieren 3/2022 , Seite 63

Ein unda­tier­tes Foto zeigt ihn „sta­chel­los“: Jac­ques Rens­burg (1846–1910) hat – wie vie­le Kol­le­gen sei­ner Genera­ti­on – das Cel­lo­spiel noch auf die alte Art erlernt. Zwar setz­te sich die beque­me Stüt­ze ab der Mit­te des 19. Jahr­hun­derts immer mehr durch und gro­ße Tei­le der spä­ter ent­stan­de­nen Vir­tuo­sen­li­te­ra­tur wären in alt­her­ge­brach­ter Knie­gei­gen-Hal­tung unaus­führ­bar. Rens­burg indes gehör­te nicht zu jenen Cel­lis­ten, die in Post-Paga­ni­ni-Manier die Gren­zen ihres Ins­truments mit­tels hals­bre­che­ri­scher Etü­den oder Vir­tuo­sen­stü­cke zu erwei­tern trach­te­ten. Sein musi­ka­li­sches Leben ver­lief ruhi­ger: In Rot­ter­dam gebo­ren, über­sie­del­te er 1867 nach Köln, wur­de Mit­glied des Gür­ze­nich-Orches­ters, musi­zier­te im Streich­quar­tett und unter­rich­te­te an der Rhei­ni­schen Musikschule.
Nach einer gesund­heit­li­chen Kri­se kehr­te er 1874 zurück in sei­ne Geburts­stadt und arbei­te­te dort im elter­li­chen Bank­me­tier. 1880 wur­de er Teil­ha­ber der in Bonn ansäs­si­gen Kaf­fee­rös­te­rei Zuntz. Erneut zog er um ins Rhein­land und führ­te fort­an an der gut­bür­ger­li­chen Pop­pel­s­dor­fer Allee ein offe­nes Haus, in dem Grö­ßen wie Johan­nes Brahms, Joseph Joa­chim und Pablo de Sara­s­a­te zu Gast waren. Hier nahm Rens­burg auch sei­ne Kon­zert­tä­tig­keit als Kam­mer­mu­si­ker wie­der auf, er begrün­de­te die „Popu­lä­ren Kam­mer­mu­sik-Soi­réen“ und gehör­te zu den För­de­rern des Bon­ner Beet­ho­ven-Hau­ses, das 1893 als Gedenk­stät­te ein­ge­weiht wur­de – unter ande­rem durch das illus­tre Trio Carl Rei­ne­cke, Joseph Joa­chim und Jac­ques Rensburg.
Nur weni­ge Kom­po­si­tio­nen Rens­burgs sind bekannt, dar­un­ter die hier neu auf­ge­leg­ten Drei Stü­cke op. 2, die 1889/90 erst­mals erschie­nen. Rens­burgs Uren­ke­lin ist zu dan­ken, dass die stets um ori­gi­nel­le Reper­toire-Berei­che­run­gen bemüh­te Edi­tion Pon­ti­cel­lo die roman­ti­schen Peti­tes­sen – ihre Titel lau­ten „Jun­ge Lie­be“, „Ban­gen“ und „Beru­hi­gung“ – ins Pro­gramm genom­men hat.
Eine kon­ser­va­ti­ve („sta­chel­lo­se“) Grund­hal­tung eig­net den Stü­cken unüber­hör­bar: In nach-wag­ne­ri­schen Zei­ten kom­po­nier­te Rens­burg ganz im Stil Men­dels­sohns, das Haupt­the­ma von „Ban­gen“ mutet an wie ein Bei­na­he-Zitat aus Men­dels­sohns Lied ohne Wor­te op. 109. Alle drei Stü­cke sind getra­gen vom Stre­ben nach unge­trüb­ter Cel­lo-Herr­lich­keit. Die nicht über­mä­ßig schwie­ri­gen, im Duk­tus von Lied­be­glei­tun­gen gehal­te­nen Kla­vier­parts sind dar­auf aus­ge­legt, des Cel­los kan­ta­ble Lini­en best­mög­lich zu stüt­zen – ein legi­ti­mes Ziel, ange­sichts man­cher Cel­lo­stü­cke des 19. Jahr­hun­derts, die am „dicken Kla­vier­satz“ leiden!
Die tech­ni­schen Anfor­de­run­gen an die Cel­lis­tin bzw. den Cel­lis­ten sind über­schau­bar: Das zwei­ge­stri­che­ne d wird nicht über­schrit­ten, weder ver­track­te Dop­pel­grif­fe noch rasen­de Sech­zehn­tel „stö­ren“ die Rei­se auf den Flü­geln des Gesangs.
Um Fort­ge­schrit­te­ne in die Welt von „Roman­tik pur“ ein­zu­füh­ren, sind Rens­burgs Stü­cke mit­hin bes­tens geeig­net. Und viel­leicht gelingt es ein­fühl­sa­men Leh­re­rIn­nen, die Sin­ne ihrer Ele­vIn­nen für „Jun­ge Lie­be“, „Ban­gen“, „Beru­hi­gung“ zu wecken?
Ger­hard Anders