Fiebig, Kurt

Duo

für Klavier und Bratsche

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ponticello Edition, Mainz 2014
erschienen in: üben & musizieren 5/2014 , Seite 57

Musik mit dem Prä­di­kat „zu Unrecht ver­ges­sen“ ist bis­wei­len nicht bloß von der Geschich­te über­gan­gen, son­dern auch ganz real von der Bild­flä­che ver­schwun­den: So galt das vor­lie­gen­de Duo für Brat­sche und Kla­vier von Kurt Fie­big bald nach der Urauf­füh­rung 1931 als ver­schol­len. Selbst im Nach­lass des 1988 gestor­be­nen Kom­po­nis­ten war es nicht zu fin­den. Erst 2010 tauch­te das Manu­skript zufäl­lig in einem Det­mol­der Anti­qua­ri­at wie­der auf. Nun ist es (mehr als 80 Jah­re nach der Kom­po­si­ti­on) bei der Main­zer Pon­ti­cel­lo Edi­tion zum ers­ten Mal im Druck erschienen.
Fie­big ist vor allem als Kom­po­nist von Chor- und Kir­chen­mu­sik her­vor­ge­tre­ten. Das drei­sät­zi­ge, etwa 12 Minu­ten lan­ge Duo zeigt jedoch, dass er auch auf dem Gebiet der Kam­mer­mu­sik Bemer­kens­wer­tes leis­ten konn­te. Es stammt vom Ende sei­ner Stu­di­en­zeit in Ber­lin und wur­de damals auch prompt mit dem renom­mier­ten Men­dels­sohn-Preis ausgezeichnet.
Sti­lis­tisch ori­en­tiert sich Fie­big hier bereits deut­lich an Paul Hin­de­mith, den er Zeit sei­nes Lebens als Vor­bild ansah. Die Bezeich­nung „Sona­te“ wird dabei offen­bar bewusst ver­mie­den: Tat­säch­lich sind zwar die tra­di­tio­nel­len Satz­ty­pen der klas­si­schen Sona­te (Kopf­satz – lang­sa­mer Satz – Fina­le) noch vor­han­den, die zuge­hö­ri­gen Form­ver­läu­fe jedoch nur noch rudi­men­tär erkenn­bar. Neu ist vor allem, dass sich die dich­te the­ma­ti­sche Arbeit des Stücks (die in ihrer Inten­si­tät durch­aus noch an Brahms oder Reger erin­nert) nicht mehr in har­mo­nisch-pro­zess­haf­ten Ver­läu­fen, son­dern kon­se­quent in linea­rer Kon­tra­punk­tik äußert: So wird z. B. das zwei­te The­ma des Fina­les zunächst als Kanon zwi­schen Brat­sche und Kla­vier ein­ge­führt und spä­ter über­ra­schend mit dem ers­ten The­ma kom­bi­niert. Im ers­ten Satz sind umge­kehrt alle wich­ti­gen Moti­ve aus den jewei­li­gen Begleit­fi­gu­ren der voran­gegangenen The­men ent­wi­ckelt. Und im Zen­trum des Ada­gios steht eine Art drei­stim­mi­ge Inven­ti­on, deren Mit­tel­stim­me in der Vio­la nicht nur das Final­the­ma von Mozarts Jupi­ter-Sin­fo­nie zitiert, son­dern moti­visch wie­der­um aus den Anfangs­tak­ten des Sat­zes abge­lei­tet ist.
Der Ver­gleich mit Hin­de­mith gilt frei­lich auch für die tech­ni­schen Anfor­de­run­gen: Bei­de Par­tien sind durch­weg anspruchs­voll und brau­chen ver­sier­te Spie­le­rIn­nen. Nicht zufäl­lig hat Fie­big eine (all­zu) hohe Stel­le selbst als Ossia-Vari­an­te eine Okta­ve tie­fer gesetzt. Dies ist nur eine von zahl­rei­chen Infor­ma­tio­nen, die dem umfas­sen­den kri­ti­schen Bericht zu ent­neh­men sind, den man sich (ein Novum im Ver­lags­we­sen) bei Inter­es­se direkt von der Pon­ti­cel­lo-Web­site her­un­ter­la­den kann.
Auch ansons­ten ist die Edi­ti­on von Claus Woschen­ko äußerst gründ­lich und detail­ge­nau. Allen­falls im Noten­bild hät­te man sich hier und da ein paar klei­ne Ände­run­gen gewünscht (ein­heit­li­che­re Takt­brei­ten, zusätz­li­che Vor­zei­chen, kei­ne gestri­chel­ten Cre­scen­do-Bal­ken). Das soll jedoch den vor­bild­li­chen Gesamt­ein­druck nicht schmälern.
Joa­chim Schwarz