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Ahner, Philipp

E-Lear­ning in Musik­schu­len

Zwischen Freiräumen, persönlichem Kontakt, anonymen Online-Kursen und inhaltlicher Vorbestimmtheit

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 1/2019 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

(Musik-)Lernen wann und wo man will – mit einem digitalen Endgerät als ­Gegenüber. Dies sind – kurz gesagt – die ­Eigenschaften von E-Learning. Die Möglich­keiten haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Was bedeutet dies für die Musikschule? Und welche neuen Anbieter und ­Angebote verändern den Markt des außerschulischen Musikunterrichts?

Wie klang noch mal die Arie aus der Oper ver­gan­ge­ne Woche? Wer schrieb das bekann­te Stück für drei Strei­cher und vier Blä­ser? Der Griff zum Smart­pho­ne, Tablet oder Lap­top gehört heu­te zum All­tag vie­ler Men­schen, wenn es um das Recher­chie­ren unter­schied­lichs­ter Wis­sens­be­stän­de geht. Aber ist das schon E-Lear­ning? Und geht es beim E-Lear­ning immer nur um Wis­sen?
E-Lear­ning dient oft als Sam­mel­be­griff für jede Form des Ler­nens, bei der elek­tro­ni­sche bzw. digi­ta­le Tech­no­lo­gi­en zum Ein­satz kom­men. Ent­spre­chend wäre bereits der Ein­satz eines digi­ta­len Metro­noms oder Stimm­ge­räts im Instru­men­tal­un­ter­richt eine Form von E-Lear­ning, obwohl der Unter­schied zu einem mecha­ni­schen Metro­nom für den Schü­ler oder die Schü­le­rin wie für die Lehr­per­son in die­sem Mo­ment völ­lig uner­heb­lich ist. Im Sin­ne von „Elec­tro­nic Lear­ning“ erscheint es sinn­vol­ler, E-Lear­ning als eine Lern­form zu beschrei­ben, bei der sich die Interak­tion des Ler­nen­den vor­ran­gig auf ein elek­tro­ni­sches oder digi­ta­les Arte­fakt (Text, Bild, Video, Klang­er­eig­nis, digi­ta­les Instru­ment etc.) kon­zen­triert. E-Lear­ning wird damit syn­onym zu Begrif­fen wie Com­pu­ter­ba­sier­tes Ler­nen, Distan­ce-Lear­ning oder Digi­ta­les Ler­nen ver­wen­det.

Dyna­mi­ken der Digi­ta­li­sie­rung

Wirk­lich neu ist E-Lear­ning nicht. Fern­seh­sen­dun­gen wie das Tele­kol­leg, Sprach­lern­mög­lich­kei­ten über Kas­set­ten oder Lern­soft­ware auf Ata­ri-Rech­nern doku­men­tie­ren frü­he For­men von E-Lear­ning in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten. Seit­dem hat sich viel ver­än­dert und die frü­her als Rand­er­schei­nung wir­ken­den Initia­ti­ven haben sich in glo­ba­le Phä­no­me­ne gewan­delt. Ull­rich Ditt­ler spricht in dem von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Band E-Lear­ning 4.0 von drei vor­aus­ge­gan­ge­nen Wel­len elekt­ronischer Lehr- und Lern­for­men seit der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts und begrün­det dar­auf auf­bau­end sei­ne The­se, dass wir am Anfang einer vier­ten Wel­le stehen.1
Die Zeit­ge­schich­te im Wech­sel­spiel von tech­no­lo­gi­schen Inno­va­tio­nen und gesell­schaft­li­chen Pro­zes­sen pau­schal in Wel­len zu unter­glie­dern, ist grund­sätz­lich prob­lematisch. Eine sol­che The­se von Wel­len setzt ein gemein­sa­mes An- und Abschwel­len in Bezug auf ein beob­acht­ba­res gesell­schaft­li­ches Phä­no­men vor­aus. Betrach­tet man die quan­ti­ta­ti­ven Ent­wick­lun­gen an ver­kauf­ten Gerä­ten und Soft­ware der ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­te und die gleich­zei­ti­ge elek­tro­ni­sche Absti­nenz in vie­len Berei­chen des Bil­dungs­we­sens, ist eine sol­che Wel­len­be­we­gung im päd­ago­gi­schen Bereich schwer nach­zu­voll­zie­hen. An man­chen Orten fan­den the­ma­ti­sche Ent­wick­lun­gen im Zusam­men­hang von elek­tro­ni­schen Lehr- und Lern­for­ma­ten statt und haben zu Ver­än­de­run­gen geführt. Aber an vie­len Orten haben die von Ditt­ler beschrie­be­nen Wel­len bis­her wenig ver­än­dert und die ein­zi­ge elek­tri­sche Kom­po­nen­te in den Lehr- und Lern­for­ma­ten ist vie­ler­orts der Licht­schal­ter geblie­ben.
Die neue­ren Ent­wick­lun­gen sind glo­bal. Sie sind durch die All­ge­gen­wär­tig­keit einer ver­füg­ba­ren Anbin­dung an das Inter­net, einen hohen Stel­len­wert sozia­ler Netz­werke und sozia­ler Medi­en sowie durch die rasant stei­gen­de Anzahl mobi­ler digi­ta­ler End­ge­rä­te und ver­füg­ba­rer Appli­ka­tio­nen gekenn­zeich­net. Wenn also im Fol­gen­den von For­ma­ten des E-Lear­ning gespro­chen wird, so sind dies in tech­ni­scher und media­ler Hin­sicht zuneh­mend glo­ba­le Ent­wick­lun­gen, die ledig­lich in ihrer inhalt­li­chen Aus­ge­stal­tung an bestimm­te gesell­schaft­li­che Pra­xen, Ziel­grup­pen und damit auch an Spra­chen und Anfor­de­run­gen gebun­den sind.

E-Tea­ching und Selbst­ler­nen

Wenn Musik­schu­len im sozia­li­sa­ti­ons­theo­re­ti­schen Kon­text als „Aus­schnitt aus allen Ein­flüs­sen auf Her­an­wach­sen­de, der bewusst gestal­tet ist“,2 betrach­tet wer­den und erzie­he­ri­sches Han­deln auf eine „Dif­fe­renz von ‚Gesche­hen­dem‘ und ‚Gesche­hen-Sol­len­dem‘“ baut,3 zielt die musi­ka­lisch-päd­ago­gi­sche Arbeit der Lehr­kräf­te auf „ein Ange­bot für die Selbst­ent­wick­lung der Lernenden“.4 Bei E-Lear­ning geht es des­halb auch immer um die Fra­ge des E-Tea­ching. Das bedeu­tet, dass zunächst vor allem die Lehr­kräf­te und weni­ger die Ler­nen­den in der Ver­ant­wor­tung sind.
Wel­che Rol­le neh­men Lehr­kräf­te ein, wenn der Prä­senz­un­ter­richt nicht in einem Raum und viel­leicht auch nicht zur sel­ben Zeit statt­fin­det? Wer ent­schei­det, wann wel­che Inhal­te bzw. Auf­ga­ben bear­bei­tet wer­den? In der Pla­nung von Lern- und Gestaltungs­angeboten spie­len folg­lich zwei Para­me­ter eine zen­tra­le Rol­le:
1. Wel­chen Frei­raum erhal­ten Ler­nen­de in der Aus­wahl und Abfol­ge von Inhal­ten bzw. Auf­ga­ben?
2. Wel­che Kon­takt- bzw. Betreu­ungs­mög­lich­kei­ten bestehen wäh­rend der Lern- bzw. Gestal­tungs­zeit zwi­schen Ler­nen­den und Lehr­kräf­ten?
In der Kom­bi­na­ti­on die­ser bei­den Para­me­ter ergibt sich eine Matrix von vier Fel­dern, in der E-Lear­ning-For­ma­te ein­ge­ord­net wer­den kön­nen.

Die obe­ren bei­den Fel­der ähneln dem Prä­senz-Ein­zel- oder Grup­pen­un­ter­richt in Schu­len und Musik­schu­len. Im Unter­schied zum Prä­senz­un­ter­richt erschei­nen die Tech­no­lo­gi­en als Mitt­ler (Medi­en) zur Über­brü­ckung von Raum und/oder Zeit (E-Tea­ching). Im Gegen­satz dazu sind die unte­ren bei­den Fel­der durch ein Ver­schwin­den der Prä­senz einer Lehr­kraft gekenn­zeich­net. Damit über­neh­men die Tech­no­lo­gi­en nicht nur eine ver­mit­teln­de Funk­ti­on, son­dern sind zugleich Trä­ger von Inhal­ten, Auf­ga­ben und Wer­ten. Die Rea­li­tät ist durch ver­schie­dens­te Misch­formen gekenn­zeich­net und ent­zieht sich durch die indi­vi­du­el­len Lern­stra­te­gi­en der „Nut­zer“ einer kla­ren Sys­te­ma­ti­sie­rung. Die vier Fel­der die­nen vor allem einer Struk­tu­rie­rung der mitt­ler­wei­le kaum noch zu über­bli­cken­den Ange­bots­viel­falt und beschrei­ben nur den Teil der Wirk­lich­keit, in dem Ler­nen und Gestal­ten in der Inter­ak­ti­on mit digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en statt­fin­den.

Feld 1: In Online­se­mi­na­ren oder im Online­un­ter­richt tref­fen Ler­nen­de und Lehr­kraft mit­tels einer Text-, Audio- oder Video­ver­bin­dung auf­ein­an­der. Die Ler­nen­den bear­bei­ten, bespre­chen, dis­ku­tie­ren oder gestal­ten eine von der Lehr­kraft vor­ge­ge­be­ne Auf­ga­be. Die Schü­le­rin­nen und Schü­ler haben dabei kei­nen oder wenig Ein­fluss auf die Auf­ga­ben oder Inhal­te.

Feld 2: Die­ses Feld könn­te auch den Unter­ti­tel „Indi­vi­du­el­ler Fern­un­ter­richt“ tra­gen. Wie in Feld 1 kom­mu­ni­zie­ren der Ler­nende und die Lehr­per­son über eine Text-, Audio- oder Video­ver­bin­dung direkt mit­ein­an­der. Auch hier kann dies ent­we­der zur sel­ben Zeit oder zeit­lich ver­setzt erfol­gen. Ent­schei­dend ist, dass ähn­lich wie beim instru­men­ta­len (Präsenz-)Einzelunterricht die Inhal­te und Auf­ga­ben an die indi­vi­du­el­len Bedürf­nis­se des Ler­nen­den ange­passt wer­den bzw. der Ler­nen­de Inhal­te und Auf­ga­ben (mit-)bestimmen kann.

Feld 3: Über das Inter­net bie­ten zahl­rei­che E-Lear­ning-Platt­for­men5 verschiedens­te Kur­se, ins­be­son­de­re soge­nann­te MOOCs („Mas­si­ve Open Online Cour­ses“) an. Damit sind Online­kur­se gemeint, die von einer gro­ßen Anzahl an Per­so­nen absol­viert wer­den kön­nen, die frei über das Inter­net zugäng­lich sind und eine fes­te Abfol­ge an Inhal­ten bzw. Lek­tio­nen vor­ge­ben. Der nächs­te Lern­in­halt wird erst für den Ler­nen­den ein­seh­bar, wenn das vor­aus­ge­gan­ge­ne Level zur Zufrie­den­heit der Lern­platt­form absol­viert wur­de.
Grund­sätz­lich sind die Ler­nen­den im Online-Kurs auf sich gestellt und am Ende einer Lek­ti­on erfolgt in der Regel eine Lern­kon­trol­le in Form von Sin­gle- oder Mul­ti­ple-Choice-Fra­gen. Je nach Anbie­ter besteht die Mög­lich­keit, offe­ne Fra­gen im Chat mit ande­ren Ler­nen­den oder Exper­ten zu klä­ren. Auch wenn die Lehr­kraft in die­sen For­ma­ten in den Hin­ter­grund tritt, bürgt der Anbie­ter sol­cher Kur­se doch für die Güte der Inhal­te und Auf­ga­ben. Zudem wird in die­sen „auto­ma­ti­sier­ten“ Lern­formaten oft durch ein Zer­ti­fi­kat die Bear­bei­tung der Kurs­in­hal­te bescheinigt.6

Feld 4: Im Inter­net sind zahl­rei­che Vide­os, Video­tu­to­ri­als, Tex­te, Bild­ma­te­ria­li­en und ande­re Ange­bo­te abruf­bar, die es ermög­li­chen, sich mit Auf­ga­ben oder Inhal­ten aus­ein­an­der­zu­set­zen. Ler­nen­de sind hier auf sich gestellt und es ent­fällt jede Form von Bevor­mun­dung oder Kon­trol­le. Offe­ne Fra­gen oder Pro­ble­me kön­nen die Ler­nen­den in Chats zu lösen ver­su­chen oder auf ande­ren Web­sei­ten nach wei­te­ren Hin­wei­sen suchen. Die Ler­nen­den sind damit der gan­zen qua­li­ta­ti­ven Brei­te des Inter­nets aus­ge­lie­fert und müs­sen selbst eine Bewer­tung der Güte der auf­ge­ru­fe­nen Inter­net­sei­ten bzw. der ver­wen­de­ten Apps vor­neh­men (Selbst­ler­nen).

Anbie­ter wie Nut­zer ver­su­chen, aus die­sen Mög­lich­kei­ten einen für ihr Anlie­gen opti­ma­len Mix zu gestal­ten. An den Begrif­fen „Anbie­ter“ und „Nut­zer“ wird deut­lich, dass die Begrif­fe Lehr­kraft, Leh­re­rin oder Leh­rer bzw. Ler­nen­de, Schü­le­rin oder Schü­ler oft in den Hin­ter­grund gedrängt wer­den. Die­ser begriff­li­che Wan­del ver­deut­licht, dass Lehr­kräf­te beim E-Lear­ning gefor­dert sind, Ange­bo­te zu machen, und Ler­nen­de ent­spre­chend gefor­dert sind, die­se Ange­bo­te zu nut­zen.
Die­sem Para­dig­men­wech­sel fol­gend, sind in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zahl­rei­che Ange­bo­te unter­schied­li­cher Anbie­ter ent­stan­den, die wie bei­spiels­wei­se die Khan Aka­de­mie in den Berei­chen Mathe­ma­tik, Natur­wis­sen­schaf­ten, Geschich­te oder Wirt­schaft prak­ti­sche Übun­gen, Video­an­lei­tun­gen oder per­so­na­li­sier­te „Lern-Dash­boards“ anbie­ten und Ler­nen­den ver­spre­chen, „in ihrer eige­nen Geschwin­dig­keit inner- und außer­halb des Klas­sen­zim­mers zu lernen“.7

E-Lear­ning in der Instru­men­tal- und Gesangs­päd­ago­gik

Die Flut an Ange­bo­ten im Inter­net und über Apps hat die Mög­lich­kei­ten des Selbst­lernens (Feld 4) auch im Bereich der Ins­t­ru­men­tal- und Gesangs­päd­ago­gik stark ver­än­dert. Natür­lich gab es schon vor You­Tube Men­schen, die sich selbst das Spie­len von Instru­men­ten bei­brach­ten. Aber die Zahl an Klicks und Down­loads auf den ent­spre­chen­den Por­ta­len ver­deut­licht den Umfang und die Bedeu­tung, die die­se digi­ta­len Ange­bo­te im All­tag vie­ler Men­schen aktu­ell ein­neh­men. Lehr­kräf­te, Musik­schu­len und Ver­bän­de ste­hen die­sem Phä­no­men oft recht macht­los gegen­über.
Vor die­sem Hin­ter­grund stellt sich die Fra­ge, wel­chen Mehr­wert ein von Musik­päd­ago­gIn­nen gestal­te­ter Lern­pro­zess (Fel­der 1 bis 3) gegen­über einer aus­schließ­lich vom Ler­nen­den gesteu­er­ten Beschäf­ti­gung mit Web­sei­ten und Apps (Feld 4) bie­tet.
Beim Erler­nen eines Instru­ments ist Wis­sen wie in ande­ren Domä­nen eine bedeu­ten­de Dimen­si­on. Ent­schei­den­der sind jedoch Aspek­te wie Klang­lich­keit, Into­na­ti­on, Kör­per­hal­tung, Atmung, Hap­tik, Ago­gik etc. Die­se sind selbst bei pro­fes­sio­nel­len digi­ta­len Über­tra­gungs­ver­fah­ren nur in Tei­len trans­por­tier­bar. Die tech­ni­schen Bedin­gun­gen der klei­nen Gerä­te haben sich durch leis­tungs­fä­hi­ge­re Mikro­fo­ne, Kame­ras, Pro­zes­so­ren und hohe Übertragungs­raten in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zwar sehr ver­bes­sert. Die ein­ge­schränk­ten Mög­lich­kei­ten der ein­ge­bau­ten Kame­ras und Mik­rofone sowie der klei­ne Bild­schirm las­sen trotz­dem Zwei­fel an der Qua­li­tät musik­be­zo­ge­ner Lern­pro­zes­se über digi­ta­le Tech­nologien auf­kom­men. Aber die Tech­no­lo­gi­en sind noch rela­tiv jung und es fehlt an Erfah­rungs­wer­ten über die Nach­hal­tig­keit der unter­schied­li­chen Lern­for­men.
Zudem ist der Inno­va­ti­ons­druck hoch: Vir­tu­al Rea­li­ty (VR), Aug­men­ted Rea­li­ty (AR) und Mixed Rea­li­ty (MR)8 wer­den die For­ma­te des E-Lear­nings noch­mals deut­lich ver­än­dern. Pro­jek­te wie die immer­si­ven 360°-Filme, die der­zeit in Koope­ra­ti­on des Lan­des­zen­trums Musik – Design – Per­for­mance der Staat­li­chen Hoch­schu­le für Mu­sik Tros­sin­gen und der Kunst­hal­le Mann­heim ent­ste­hen, geben Ein­bli­cke, wie sich Raum- und Klang­er­le­ben in die­sen vir­tu­el­len Rea­li­tä­ten entwickeln.9
Über den Erfolg der musik­be­zo­ge­nen E-Lear­ning-For­ma­te ent­schei­det aktu­ell der Markt, also die Anbie­ter, die Dis­tri­bu­ti­ons­for­men und das Nut­zer­ver­hal­ten. Damit ist noch kei­ne Aus­sa­ge über die Qua­li­tät getrof­fen – und trotz­dem lohnt sich der Blick auf aktu­el­le Ent­wick­lun­gen.

Musik­päd­ago­gi­scher Online-Markt

Betrach­tet man den aktu­el­len Markt, so fin­det man zuneh­mend Musik­schu­len, die aus­schließ­lich oder ergän­zend Ange­bo­te als Video-Fern­un­ter­richt (Feld 2) im Inter­net platzieren.10 Meist erscheint dabei der Begriff „Online-Musik­schu­le“ und damit ver­bun­den ein Ange­bot bezo­gen auf Inst­rumente popu­lä­rer Musik­rich­tun­gen wie Gitar­re, E-Bass, Schlag­zeug oder Kla­vier bzw. Key­board. Orches­ter­in­stru­men­te oder Gesang sind zah­len­mä­ßig deut­lich unter­le­gen. Als Argu­men­te wür­den zunächst die Erspar­nis lan­ger Weg­stre­cken bei­spiels­wei­se in dünn besie­del­ten Gebie­ten oder die beson­de­re Exper­ti­se von Musi­ke­rIn­nen sel­te­ner Instru­men­te in Betracht kom­men. Umso erstaun­li­cher ist die Ent­wick­lung von Online-Musik­schu­len gera­de in Bal­lungs­zen­tren und vor allem mit Instru­men­ten, die ohne­hin schon einen hohen Ver­brei­tungs­grad auf­wei­sen.
Neben die­sem Prä­senz-Video-Fern­un­ter­richt haben sich am Markt zahl­rei­che Anbie­ter mit defi­nier­ten Lern­se­quen­zen zu ein­zel­nen Instru­men­ten (ins­be­son­de­re Kla­vier) posi­tio­niert (Music2me, Skoo­ve, Flow­key etc.) und bie­ten – neben dem Ange­bot im Web­brow­ser – ihre Diens­te auch über Apps auf mobi­len End­ge­rä­ten an. Die Lern­prozesse voll­zie­hen sich dabei in von Musik­päd­ago­gIn­nen ange­fer­tig­ten Lern­set­tings, in denen in der Regel Lern­vi­de­os eine zen­tra­le Rol­le über­neh­men. Je nach Anbie­ter ist der Kon­takt zu einer rea­len Lehr­per­son mehr oder weni­ger mög­lich, sodass die­se Ange­bo­te im Feld 1 oder 3 ver­or­tet wer­den kön­nen.
In den Fächern Gehör­bil­dung, Ton­satz, Har­mo­nie­leh­re oder Musik­ge­schich­te haben sich im Grenz­be­reich von Schu­le, Musik­schu­le und Hoch­schu­le eine gan­ze Rei­he an Ange­bo­ten ihren Weg gebahnt. Gemein­sam ist den meis­ten Ange­bo­ten ein vor­de­fi­nier­tes Lern­set­ting ohne per­sön­li­chen Kon­takt zu einer Lehr­per­son (bei­spiels­wei­se als Gehör­bil­dungs-App). Nur weni­ge Anbie­ter (z. B. Det­mol­d­Mu­sic­Tools) sehen sys­te­ma­tisch eine Zusam­men­ar­beit von Ler­nen­den und Lehr­kräf­ten vor.
Appli­ka­tio­nen, die in ihrer Kon­zep­ti­on bereits eine Zusam­men­ar­beit von Ler­nen­den und Lehr­kräf­ten vor­se­hen, sind in der Regel nicht aus­schließ­lich für E-Lear­ning- For­ma­te kon­zi­piert, son­dern ermög­li­chen im Sin­ne von Blen­ded Lear­ning ein Zusam­men­spiel von Prä­senz­un­ter­richt und E-Lear­ning. Auch für den instru­men­tal- und gesangs­päd­ago­gi­schen Bereich sind sol­che Anwen­dung (wie bei­spiels­wei­se die App Etu­do) auf dem Markt in Erschei­nung getre­ten und bie­ten Musik­schu­len die Mög­lichkeit, in einer Kom­bi­na­ti­on aus E-Lear­ning und Prä­senz­un­ter­richt neue Lern­for­ma­te zu ent­wi­ckeln.

Inno­va­tio­nen för­dern

Die Ent­schei­dun­gen, wel­cher Grad an per­sönlicher Unter­stüt­zung und wel­che Frei­räu­me von Inhal­ten und Auf­ga­ben sinn­voll sind, gilt es für Lehr­kräf­te, Musik­schu­len und Ver­bän­de in den kom­men­den Jah­ren inten­siv zu erpro­ben, um als Akteu­re auf dem außer­schu­li­schen Bil­dungs­markt bestehen zu kön­nen. Aber auch wenn die­se Ent­schei­dun­gen getrof­fen wur­den, blei­ben eine gan­ze Rei­he Fra­gen zu klä­ren: Wel­che Soft­ware und wel­che Gerä­te sind erfor­der­lich? Wel­che Kos­ten ent­ste­hen? Über wel­chen Dienst oder wel­che Platt­form erfolgt die Anmel­dung und Authen­ti­fi­zie­rung? Wie wird der Daten­schutz gewähr­leis­tet?
Zur Ent­wick­lung inno­va­ti­ver Unter­richts­kon­zep­te, die Mög­lich­kei­ten des E-Lear­nings mit bestehen­den For­ma­ten des Prä­senz­un­ter­richts zu neu­en For­men und For­ma­ten ver­bin­den, sind Com­mu­nities of Practice11 wich­ti­ge Ele­men­te, um die fach­lichen Kom­pe­ten­zen und inno­va­ti­ven Ide­en der Lehr­kräf­te sinn­voll ein­zu­bin­den. Neben der musi­ka­lisch-inhalt­li­chen Ebe­ne tritt bei elek­tro­ni­schen Lern­for­men, die Raum und/oder Zeit über­win­den – indem Tex­te, Bild­ma­te­ri­al, Vide­os und per­so­nen­be­zo­ge­ne Daten min­des­tens zwi­schen zwei End­ge­rä­ten aus­ge­tauscht wer­den müs­sen (E-Lear­ning) –, die kom­mu­ni­ka­ti­ve Ebe­ne der Tech­no­lo­gi­en stark in den Vor­der­grund. Die ange­spro­che­nen Fra­gen nach geeig­ne­ten Platt­for­men, Daten­schutz, Kos­ten etc. for­dern des­halb über die Lehr­kräf­te hin­aus beson­ders die Lei­tun­gen von Musik­schu­len sowie die Musik­schul­ver­bän­de.
In Anbe­tracht der umfang­rei­chen Fra­gen­kom­ple­xe und der hohen qua­li­ta­ti­ven Ansprü­che von Musik­schu­len an ihre musi­ka­lisch-päd­ago­gi­sche Arbeit erscheint es sinn­voll, nicht nur auf Markt­an­ge­bo­te zu reagie­ren, son­dern im Ver­bund von Musik­schu­len und mit kom­pe­ten­ten Part­nern geeig­ne­te Lehr-Lern-Platt­for­men für Musik­schu­len zu ent­wi­ckeln. Die Erfah­run­gen in ande­ren Bil­dungs­be­rei­chen haben gezeigt, dass man sol­che tech­no­lo­gisch-päd­ago­gi­schen Ent­wick­lungs­auf­ga­ben nicht ein­fach in Auf­trag geben kann. Der Erfolg einer sol­chen Ent­wick­lung ist im hohen Maß von einer engen Ver­net­zung und koope­ra­ti­ven Zusam­men­ar­beit von Lehr­kräf­ten, Musik­schul­lei­tun­gen, Ver­bän­den und Pro­jekt­team abhän­gig.
Die digi­ta­len Tech­no­lo­gi­en sind noch rela­tiv jung und form­bar. Dies zeigt sich an den vie­len klei­nen Trans­for­ma­tio­nen, wie bei­spiels­wei­se der hohen Anzahl an Updates von Apps auf Smart­pho­nes, den kur­zen zeit­li­chen Inter­val­len von Pro­dukt­in­no­va­tio­nen oder dem Breit­band­aus­bau. Gleich­zei­tig ist der Inno­va­ti­ons­druck durch die all­ge­gen­wär­ti­ge Prä­senz digi­ta­ler End­ge­rä­te im All­tag von Kin­dern, Jugend­li­chen und Erwach­se­nen für Musik­schu­len hoch. Bei­des sind gute Vor­aus­set­zun­gen, um die Her­aus­for­de­rung „E-Lear­ning in Musik­schu­len“ aktiv anzu­ge­hen.

1 Ull­rich Ditt­ler (Hg.): E-Lear­ning 4.0. Mobi­le Lear­ning, Ler­nen mit Smart Devices und Ler­nen in sozia­len Netz­wer­ken, De Gru­y­ter, Ber­lin 2017.
2 Hel­mut Fend: Neue Theo­rie der Schu­le. Ein­füh­rung in das Ver­ste­hen von Bil­dungs­sys­te­men, VS, Wies­ba­den 2008, S. 24.
3 ebd., S. 131.
4 ebd.
5 t3n News: „E-Lear­ning-Platt­for­men: 42 super­nütz­li­che Web­sites, die dir was bei­brin­gen“, 2018, https://t3n.de/news/e-learning-plattformen-650727 (Stand: 26.11.2018).
6 Leib­niz-Insti­tut für Wis­sens­me­di­en: „MOOCs – Hin­ter­grün­de und Didak­tik“, 2015, www.e-tea­ching.org/lehrszenarien/mooc (Stand: 1.7.2018).
7 Khan Aca­de­my: „Eine per­so­na­li­sier­te Lern­res­sour­ce für alle Alters­grup­pen“, 2018, https://de.khan­academy.org/about (Stand: 1.7.2018).
8 Jan Tiß­ler: „Aug­men­ted und Mixed Rea­li­ty: Bei­spie­le, Anwen­dun­gen, Poten­zia­le“, in: UPLOAD Maga­zin, 2018, https://upload-magazin.de/blog/ 18436-aug­men­ted-und-mixed-rea­li­ty (Stand: 1.7.2018).
9 Thors­ten Grei­ner: „360 Grad Fil­me für die Kunst­hal­le Mann­heim“, Landeszent­rum Musik – Design – Per­for­mance“, 2018, www.landeszent­rum.de/archiv/ateliertag-2018/ateliertag-bilder/ 1400-uhr-360-grad-fil­me (Stand: 1.7.2018).
10 Mat­thi­as Nöther: „Digi­ta­le Musik­schu­len – Instru­men­tal­un­ter­richt übers Inter­net“, 2018, www.deutschlandfunk.de/digitale-musikschulen-instrumentalunterricht-uebers-internet.1993.de. html?dram:article_id=408356 (Stand: 29.6.2018).
11 sie­he Phil­ipp Ahner: „Blen­ded Lear­ning. Ein Blick auf neue Unter­richts­for­men für die digi­tal-tra­di­tio­nel­le Musik­schu­le“, in: musik­schu­le )) DIREKT 4/2018, S. 6–9.