Hiller, Ferdinand
Ecce Sacerdos
für vierstimmigen gemischten Chor a cappella, Erstausgabe, hg. von Florian Ilge
„Ecce sacerdos magnus“, bei diesem Text schießen einem sofort die einleitenden offenen Quinten der wunderbaren Motette Anton Bruckners ins Ohr. Im dreifachen Forte, mit drei Posaunen, Orgel und einem sechsstimmigen Chor. Diese Antiphon, im Jahr 1885 zum 100. Jahrestag der Gründung der Diözese für den Linzer Dom komponiert, war als Prozessionsmusik für den Einzug des Bischofs in den Dom gedacht. Dass das erhaben-majestätische Stück letztendlich dann weder zu diesem Anlass noch zu Bruckners Lebzeiten erklungen ist, ist eine andere Geschichte.
Ferdinand Hillers (1811-1885) Motette geht einen anderen Weg. Sie enthält weder dynamische Bezeichnungen noch Tempoangaben und ist von sehr schlichtem Charakter. Hiller schrieb die vierstimmige Motette während seines Rom-Aufenthalts im Jahr 1842 und widmete sie dem einflussreichen römischen Geistlichen, Komponisten und Musiksammler Fortunato „Abbate“ Santini (1777-1861). Doch Hiller hielt sich in Rom nicht nur aus privaten Gründen auf, sondern studierte insbesondere die römische Vokalpolyfonie und erhielt von Santini Einblick in dessen außergewöhnlich reiche Sammlung musikalischer Handschriften, von denen er auch entsprechende Abschriften anfertigen konnte.
Hiller muss es als enormes Glück empfunden haben, sich so einen Zugang in die Welt der römischen Vokalmusik erschließen zu können. Die Santini-Sammlung gilt heute als eine der bedeutendsten Quellen italienischer Musik des 16. bis 19. Jahrhunderts. Sie gelangte nach Santinis Tod nach Münster und wird dort in der Diözesanbibliothek aufbewahrt.
Das Autograf der vorliegenden Motette befindet sich ebenfalls im Besitz der Diözesanbibliothek Münster. Die Widmung trägt Hillers eigenhändige Unterschrift: „Al chiarissimo Signor Abbete Santini / Ferdinand Hiller“. Die Neuausgabe der Edition Dohr nimmt nun eine Phase Hillers in den Blick, in der dieser sich mit den musikalischen Idealen der klassischen römischen Schule am authentischen Ort auseinandersetzte, zu einer Zeit, in der sowohl die Nazarener in der Malerei als auch die sogenannten Cäcilianer in der Rückbesinnung auf eine reine Kirchenmusik („Musica Divina“) einen Weg suchten, eine geistig-kulturelle Erneuerung zu etablieren. Hiller verstieg sich dabei aber nicht in ideologisch-ästhetische Grabenkämpfe, sondern nutzte die Zeit in Rom, um sein Handwerk als Komponist zu erweitern.
Nach seiner Ernennung zum Leiter des 1845 gegründeten Kölner Konservatoriums blieb er gut vernetzt mit den Großen seiner Zeit, mit der Pianistin Clara Schumann, dem Geiger Joseph Joachim, der Sopranistin Jenny Lind und mit Giuseppe Verdi, den er 1877 nach Köln einlud. Ein Fehler hat sich leider in Takt 65 eingeschlichen: Der Tenor muss hier statt des notierten c1 ein d1 singen, als Terz zum Bass.
Martin Hoffmann


