Mertens, Gerald

Ein­satz fürs „Musik­land D“

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) unterstützt auch ­Lehrbeauftragte an Musikhochschulen und Freischaffende

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 5/2017 , musikschule )) DIREKT, Seite 06

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) ist sowohl als Berufsverband als auch als Gewerkschaft der Orchestermusiker, Rundfunkchorsänger, der freischaffenden Musiker und der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen auf vielfältige Art für ihre Mitglieder tätig. Als Gewerkschaft setzt sie sich vor allem für die Regelung der Arbeits- und Vergütungsbedingungen ihrer rund 12800 Mitglieder ein. Dies geschieht insbesondere durch den Abschluss von Tarifverträgen. Da es in Deutschland, anders als in anderen Ländern, keinen echten „Orchesterverband“ gibt, nimmt die DOV auch Teile dieser klassischen Verbandsaufgaben wahr. Die DOV leitet ihre Rolle und ihr Selbstverständnis aus ihrem hohen Organisationsgrad von über 90 Prozent in allen Berufsorchestern und der Tatsache ab, dass die Musikerinnen und Musiker selbst die wichtigste und bestimmende Ressource eines Orchesterbetriebs sind.

Lehr­be­auf­trag­te und Frei­schaf­fen­de

Jen­seits der Rege­lung und Ver­bes­se­rung der Arbeits­be­din­gun­gen für pro­fes­sio­nel­le Musi­ke­rin­nen und Musi­ker setzt sich die DOV auch für ihre frei­schaf­fen­den Mit­glie­der, die Lehr­be­auf­trag­ten an Musik­hoch­schu­len und Lehr­kräf­te an Musik­schu­len ein. Tra­di­tio­nell waren Orches­ter­mu­si­ke­rin­nen und -musi­ker schon immer auch an Musik­hoch­schu­len und Musik­schu­len tätig und haben dort Schü­ler und Stu­die­ren­de auf die Her­aus­for­de­run­gen eines Musik­stu­di­ums bzw. der künst­le­ri­schen Berufs­pra­xis vor­be­rei­tet. Da in den ver­gan­ge­nen Jah­ren ange­sichts teil­wei­se pre­kä­rer Arbeits- und Beschäf­ti­gungs­be­din­gun­gen für Lehr­kräf­te an Musik­schu­len und Hoch­schu­len der Bedarf an gewerk­schaft­li­cher Orga­ni­sa­ti­on und recht­li­cher Betreu­ung gewach­sen ist, orga­ni­siert die DOV inzwi­schen auch Mit­glie­der in die­sen Berei­chen. Hier­zu wur­de eine eige­ne Arbeits­grup­pe gebil­det. Auch fin­det eine Zusam­men­ar­beit mit der eben­falls in den ver­gan­ge­nen Jah­ren neu gegrün­de­ten Bun­des­kon­fe­renz der Lehr­be­auf­trag­ten an Musik­hoch­schu­len (BKLM) sowie punk­tu­ell mit den Gewerk­schaf­ten GEW und ver.di statt.
Um die in den ein­zel­nen Bun­des­län­dern unter­schied­li­chen Hono­rar- und Ver­trags­be­din­gun­gen suk­zes­si­ve zu ver­bes­sern, steht die DOV im Dia­log mit Bil­dungs­po­li­ti­kern der Lan­des­par­la­men­te, den zustän­di­gen Refe­ren­ten der Lan­des­ver­wal­tun­gen und den Rek­to­ren der Musik­hoch­schu­len. Zie­le sind unter ande­rem die Schaf­fung von mehr fes­ten Stel­len, die Anhe­bung der Hono­rar­sät­ze auf ein ange­mes­se­nes Niveau, die regel­mä­ßi­ge Anpas­sung der Hono­ra­re an die Lohn­stei­ge­run­gen des öffent­li­chen Diens­tes und die ange­mes­se­ne Ver­tre­tung von Lehr­be­auf­trag­ten in Hoch­schul­gre­mi­en und Per­so­nal­rä­ten.
Da die Zahl der frei­schaf­fen­den Musi­ke­rin­nen und Musi­ker wei­ter ansteigt, die – obwohl für Orches­ter­in­stru­men­te aus­ge­bil­det – kei­ne fes­te Stel­le mehr in einem Berufs­or­ches­ter fin­den, setzt sich die DOV auch für ange­mes­se­ne Markt­be­din­gun­gen in der frei­en Sze­ne ein. Musi­ker, die in frei­en Ensem­bles, in Kam­mer­mu­sik­grup­pen oder auch als Aus­hil­fen bei Berufs­or­ches­tern tätig sind, sol­len für ihre Dienst­leis­tung ange­sichts ihrer hohen Qua­li­fi­ka­ti­on ange­mes­sen ver­gü­tet wer­den. Daher ver­folgt die DOV die Eta­blie­rung von Min­dest­stan­dards, die bei Beschäf­ti­gung in der frei­en Sze­ne als Ori­en­tie­rung die­nen sol­len. Glei­ches gilt für die Erfas­sung und Anpas­sung der Ver­gü­tun­gen für Aus­hil­fen in Berufs­or­ches­tern.

Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur

Ver­bun­den mit dem Rol­len­ver­ständ­nis als Gewerk­schaft ist auch die basis­de­mo­kra­ti­sche Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur. Die DOV-Mit­glie­der in jedem Klang­kör­per wäh­len aus ihrer Mit­te einen Dele­gier­ten und einen stell­ver­tre­ten­den Dele­gier­ten. Auch Stu­die­ren­de und Ein­zel­mit­glie­der (vor allem frei­schaf­fen­de Musi­ker und Lehr­be­auf­trag­te) kön­nen eige­ne Dele­gier­te wäh­len. Die Dele­gier­ten tre­ten alle drei Jah­re zur Dele­gier­ten­ver­samm­lung zusam­men, die das höchs­te Organ des Ver­ban­des dar­stellt. Die Dele­gier­ten­ver­samm­lung wählt unter ande­rem den Gesamt­vor­stand, der für bestimm­te Berei­che Son­der­be­auf­trag­te ernen­nen kann (zum Bei­spiel für Hoch­schul- und Aus­bil­dungs­fra­gen oder für Kul­tur­po­li­tik). Außer­dem kön­nen durch den Gesamt­vor­stand Arbeits­grup­pen gebil­det wer­den, bei­spiels­wei­se für Musi­ker­me­di­zin und Pro­phy­la­xe, für Per­so­nal- und Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung, für Frei­schaf­fen­de und Lehr­be­auf­trag­te. Eine haupt­amt­li­che Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur mit 15 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern in Ber­lin sorgt für die Umset­zung der Ver­bands­be­schlüs­se und -zie­le.

Lob­by­ing

Zur Rol­le als Berufs­ver­band gehört auch das Lob­by­ing gegen­über Ent­schei­dern in Ver­wal­tung und Poli­tik in Bund, Län­dern und Kom­mu­nen sowie im öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk, aber ver­stärkt auch im euro­päi­schen und inter­na­tio­na­len Rah­men. Eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung für die DOV als zen­tral in Ber­lin orga­ni­sier­ter Bun­des­ver­band ist die Arbeit in Län­dern und Kom­mu­nen sowie in den Rund­funk­an­stal­ten. Kul­tur- und Medi­en­po­li­tik ist im Grund­satz Län­der­sa­che und ver­langt daher den direk­ten Dia­log auch der haupt­amt­li­chen DOV-Ver­tre­ter mit den Zustän­di­gen in Lan­des- und Kom­mu­nal­po­li­tik so­wie den Refe­ren­ten der Fach­ver­wal­tun­gen.

Kam­pa­gnen „Orches­ter­land D“ und „Hoch­schul­land D“

Beglei­tend zur bereits 2009 von der DOV beschlos­se­nen For­de­rung, die deut­sche Thea­ter- und Orches­ter­land­schaft als Imma­te­ri­el­les Kul­tur­er­be der UNESCO anzu­er­ken­nen, wur­de 2013 die Kam­pa­gne „Orches­ter­land D“ ins Leben geru­fen, die z. B. über Pla­ka­te, Auf­kle­ber, einen Blog und eine Face­book-Sei­te das Bewusst­sein für die ein­zig­ar­ti­ge und erhal­tens­wer­te Orches­ter­land­schaft in Deutsch­land öffent­lich pro­pa­giert. Im Dezem­ber 2014 wur­de die deut­sche Thea­ter- und Orches­ter­land­schaft auf die natio­na­le UNESCO-Lis­te des Imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­bes auf­ge­nom­men. Im Dezem­ber 2016 haben Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­län­der beschlos­sen, die deut­sche Thea­ter- und Orches­ter­land­schaft für die inter­na­tio­na­le UNESCO-Lis­te zu nomi­nie­ren. Über die end­gül­ti­ge Auf­nah­me ent­schei­det der Zwi­schen­staat­li­che Aus­schuss zum Imma­te­ri­el­len Kul­tur­er­be im Win­ter 2019.
Unter der Über­schrift „Hoch­schul­land D“ bün­delt und kom­mu­ni­ziert die DOV ihre Akti­vi­tä­ten und Fort­schrit­te für die Ver­bes­se­rung der Hono­rar- und Beschäf­ti­gungs­be­din­gun­gen für Lehr­be­auf­trag­te an Musik­hoch­schu­len. In einem Blog wer­den aktu­el­le Ent­wick­lun­gen und For­de­run­gen doku­men­tiert und beglei­tet.

Musik­ver­mitt­lung

Orches­ter, Kon­zert­häu­ser und Musik­thea­ter lei­ten die Legi­ti­ma­ti­on für ihre öffent­li­che Finan­zie­rung auch dar­aus ab, dass sie sich bemü­hen, mög­lichst brei­te Bevöl­ke­rungs­schich­ten und vie­le Ziel- und Pub­likumsgruppen anzu­spre­chen. Die DOV hat viel­fäl­ti­ge Impul­se gesetzt und Akti­vi­tä­ten ent­wi­ckelt, um Musik­ver­mitt­lung und Audi­ence Deve­lop­ment zu beför­dern. 2004 wur­de von der DOV gemein­sam mit wei­te­ren Ver­bän­den, dar­un­ter der Bun­des­ver­band Musik­in­dus­trie, die Jeu­nesses Musi­ca­les Deutsch­land, der Ver­band deut­scher Musik­schu­len, und Part­nern aus Ös­terreich und der Schweiz das „netz­werk jun­ge ohren“ (njo) gegrün­det. Inzwi­schen sind rund 300 kor­po­ra­ti­ve Teil­neh­mer (Or­chester, Kon­zert­häu­ser, Musik­thea­ter, Musik­hoch­schu­len, Musik­ver­la­ge) und Ein­zel­teil­neh­mer (Musik­ver­mitt­ler, freie Ensem­bles, Stu­die­ren­de) im njo ver­bun­den.

Koope­ra­tio­nen

Die DOV unter­hält ver­schie­de­ne Koope­ra­tio­nen. Auf gewerk­schaft­li­cher Basis arbei­tet die DOV im Rah­men eines for­mel­len Koope­ra­ti­ons­ver­trags mit ver.di zusam­men. Gemein­sa­me Inter­es­sen bestehen auch bei der sozia­len Absi­che­rung von Künst­le­rin­nen und Künst­lern, bei Fra­gen des Urhe­ber- und Leis­tungs­schutz­rechts, bei der Ver­bes­se­rung der Arbeits- und Ver­gü­tungs­be­din­gun­gen von Musik­schul­lehr­kräf­ten und Hono­rar­be­din­gun­gen von Lehr­be­auf­trag­ten. Auf fach­li­cher Ebe­ne koope­riert die DOV mit den bei­den wei­te­ren im Thea­ter­be­reich ver­tre­te­nen Gewerk­schaf­ten, der Ver­ei­ni­gung deut­scher Opern­chö­re und Büh­nen­tän­zer (VdO) und der Genos­sen­schaft Deut­scher Büh­nen-Ange­hö­ri­ger (GDBA).
Wei­te­re Koope­ra­ti­ons­ver­trä­ge ver­bin­den die DOV mit dem Bun­des­ver­band Musik­un­ter­richt (BMU) sowie dem Ver­band deut­scher Musik­schu­len (VdM) und der Jeu­nesses Musi­ca­les Deutsch­land. Aus Sicht der DOV koope­rie­ren hier vier ver­wand­te Spar­ten der pro­fes­sio­nel­len Orches­ter­mu­si­ker, der Mit­glie­der in Jugend­or­ches­tern, der Musik­schu­len und ihrer Lehr­kräf­te sowie der Schul­mu­sik­päd­ago­gen mit­ein­an­der. Ein beson­ders erfolg­rei­ches Pra­xis­pro­jekt die­ser Koope­ra­ti­on ist seit 2004 die Orches­ter­pa­ten­schaft „tut­ti pro“. Bis Früh­jahr 2017 wur­den bun­des­weit 54 Paten­schaf­ten von Berufs­or­ches­tern für Jugend­or­ches­ter – auch aus Schu­len, Musik­schu­len oder Uni­ver­si­tä­ten – über­nom­men.

Aus­blick

Die DOV ist gut auf­ge­stellt, bleibt aber auch in Zukunft auf ein hohes ehrenamt­liches Enga­ge­ment ange­wie­sen. Auch bedarf es bestän­di­ger Arbeit, den hohen Orga­ni­sa­ti­ons­grad in der Mit­glied­schaft zu hal­ten und wei­te­re Poten­zia­le vor allem bei Frei­schaf­fen­den und Lehr­be­auf­trag­ten zu gene­rie­ren. Inhalt­lich gilt es, die wich­ti­gen The­men der nach­hal­ti­gen öffent­li­chen Kul­tur­fi­nan­zie­rung durch Bund, Län­der und Kom­mu­nen, eine sta­bi­le Finan­zie­rung des öffent­lich-recht­li­chen Rund­funks und sei­ner Klang­kör­per, gesell­schaft­lich ein im Grund­satz inves­ti­ti­ons­freund­li­ches Kli­ma für die Reno­vie­rung und den Neu­bau von Kul­tur­im­mo­bi­li­en zu schaf­fen und für bes­se­re Bedin­gun­gen an Musik­schu­len und Musik­hoch­schu­len zu sor­gen.

Wei­te­re Infor­ma­tio­nen unter www.dov.org