Dahlhaus, Bernd

Ein­zig­ar­tig. Wert­voll.

Instrumentalpädagogische Profile. Teil II: Für eine bewusste Profilpraxis

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2015 , musikschule )) DIREKT, Seite 09

Im ersten Teil meines Beitrags waren die Leserinnen und Leser eingeladen, anhand von zwanzig ausgewählten Impulsfragen das eigene Berufsprofil als Instrumental­pädagogIn zu reflektieren.1 Ich habe erläutert, wofür eine professionelle Selbstvergewisserung im Einzelnen nützlich sein kann, vor allem dann, wenn man den Inst­rumentalpädagogikberuf langfristig erfolgreich und gesund ausüben möchte.

In Gesprä­chen mit Kol­le­gIn­nen zu die­sem The­ma fällt mir häu­fig auf, dass der Bewusst­seins- und Refle­xi­ons­grad über das eige­ne Berufs­pro­fil sehr unter­schied­lich aus­ge­prägt ist. Nach mei­nem Ein­druck wird dem The­ma im Berufs­all­tag von Leh­re­rIn­nen bzw. im Arbeits­all­tag von Musik­schu­len und Berufs­ver­bän­den (zu) wenig Auf­merk­sam­keit geschenkt. Hier kön­nen noch viel­fäl­ti­ge, bis­her wenig beach­te­te per­sön­li­che und insti­tu­tio­nel­le Gestaltungs­möglichkeiten genutzt wer­den. Des­halb möch­te ich in die­sem zwei­ten Teil mei­nes Bei­trags für die bewuss­te, geziel­te und stim­mi­ge Nut­zung des Pro­fil­po­ten­zi­als wer­ben. Dazu for­mu­lie­re ich im Fol­gen­den sie­ben Anre­gun­gen bzw. Vor­schlä­ge und erläu­te­re die­se anhand mei­ner Pra­xis­be­ob­ach­tun­gen.
Ich möch­te damit im Sin­ne von Hart­mut von Hen­tigs päd­ago­gi­schem Dik­tum: „Die Men­schen stär­ken, die Sachen klären“2 (man beach­te die Rei­hen­fol­ge), dazu bei­tra­gen, dass sich jeder ein­zel­ne Musik­pädagoge und unse­re Berufs­ge­mein­schaft ins­ge­samt über­zeu­gen­der, attrak­ti­ver und glaub­wür­di­ger erle­ben und dadurch sowohl der ein­zel­ne wie auch unser Fach über­zeu­gen­der, attrak­ti­ver und glaub­wür­di­ger nach außen wir­ken.

Anre­gung 1

Die all­ge­mei­ne Wei­ter­ent­wick­lung der eige­nen Per­sön­lich­keit in den Blick neh­men und „Selbst-Bil­dung“ üben

Pro­fil­be­schrei­bun­gen von Instrumental­pädagogInnen ver­mit­teln anhand der For­mu­lie­run­gen und der Wort­wahl, auch anhand der (Nicht-)Verwendung bzw. der indi­vi­du­el­len Bedeu­tungs­ge­bung zen­tra­ler Begrif­fe des Fachs3 einen Ein­druck vom per­sön­li­chen Stand der geis­ti­gen Durch­drin­gung des Berufs. In der Art die­ser (Selbst-)Beschreibungen, Wert­set­zun­gen und Begrün­dun­gen zeigt sich (auch) eine Sprach­kom­pe­tenz, die nach Wil­helm von Hum­boldt zugleich ein Ele­ment und Aus­druck von Bil­dung ist.4
Und obwohl Bil­dung ein aktu­el­les, gro­ßes gesell­schafts­po­li­ti­sches The­ma ist, ist doch frag­lich, ob nicht in Beruf und Pri­vat­le­ben (von Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen) ange­sichts der viel­fäl­tig zu beob­ach­ten­den Ten­den­zen zur „Selb­st­op­ti­mie­rung“ das, was Hum­boldt ursprüng­lich mit dem Wort Bil­dung mein­te, eher in das Gegen­teil ver­kehrt wird. Auch Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen schei­nen nicht davor gefeit, einer ziel­fi­xier­ten Out­put-Ori­en­tie­rung und der Abso­lut­set­zung von Effi­zi­enz zu erlie­gen. Dies zeigt sich bei­spiels­wei­se, wenn Frei­be­ruf­ler betriebs­wirt­schaft­li­che Grund­an­nah­men, Prin­zi­pi­en und Stra­te­gi­en auf ihren Beruf über­tra­gen in der Annah­me, dass damit eine finan­zi­el­le Exis­tenz­si­che­rung bzw. eine Ein­kom­mens­ver­bes­se­rung grund­sätzlich und zuver­läs­sig, am bes­ten auf direk­tem Weg und in mög­lichst kur­zer Zeit mach­bar sei. Dem­ge­gen­über plä­diert der Per­so­nal­be­ra­ter Ste­phen Covey für das Ver­än­de­rungs­prin­zip „von innen nach außen“.5 Bevor eine gewünsch­te Ver­än­de­rung im Außen ein­tre­ten kön­ne, sei zunächst eine Ver­än­de­rung der kogni­ti­ven und emo­tio­na­len Mus­ter notwendig.6
Die­se Art von „Selbst-Bil­dung“ könn­te berufs­prak­tisch unter ande­rem so aus­se­hen, dass Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen es sich zur Gewohn­heit machen, in gewis­sen Zeit­ab­stän­den über sich und ihre Berufs­tätigkeit nach­zu­den­ken. Hier­zu neh­men sie sich eine Aus­zeit vom All­tag, bei­spiels­wei­se in ritua­li­sier­ter Form an einem jähr­lich fest­ge­leg­ten Wochen­en­de allei­ne oder in der Grup­pe mit Kol­le­gIn­nen an einem schö­nen aus­wär­ti­gen Ort. Aspek­te der Refle­xi­on kön­nen sein:
– die Impuls­fra­gen aus dem ers­ten Teil,
– eine Bestands­auf­nah­me der aktu­el­len beruf­li­chen Situa­ti­on,
– eine bilan­zie­ren­de Rück­schau,
– anste­hen­de Auf­ga­ben,
– (neue) fach­li­che Inter­es­sen, Vor­ha­ben und Pro­jek­te,
– dazu eine Vor­aus­schau mit offe­ner Pla­nung inklu­si­ve einem ganz anders­ar­ti­gen „Plan B“,
– „Best-“ und „Worst-Case“-Szenarien…
Dabei ist es hilf­reich, inhalt­lich und metho­disch eine gewis­se „Denk­dis­zi­plin“ zu wah­ren, eben­so, in eine gewis­se Distanz zu sich selbst gehen zu kön­nen. Dies hilft, sta­bi­li­sie­ren­de Pro­blem­mus­ter leich­ter erken­nen und ein Abschwei­fen vom The­ma leich­ter ver­mei­den zu kön­nen. Kei­nes­falls soll­te eine beruf­li­che Selbst­re­fle­xi­on in „Pro­fi­lie­rungs­stress“ aus­ar­ten, näm­lich dann, wenn durch eine unrea­lis­ti­sche Selbst­ein­schät­zung, durch über­höh­te Erwar­tun­gen und über­am­bi­tio­nier­te Zie­le selbst­er­zeug­ter Umset­zungs­druck ent­steht, statt dass die Lust und Freu­de an der eige­nen Wei­ter­ent­wick­lung posi­tiv ver­stär­kend auf den Berufs­all­tag wir­ken kann.
Sich selbst in der Welt begrün­det ver­or­ten zu kön­nen (und dies nicht nur fach­lich), hat Aus­wir­kun­gen auf die Qua­li­tät der Kom­mu­ni­ka­ti­on mit sich selbst und ande­ren – nicht nur im Unter­richt.

Anre­gung 2

Per­sön­lich wer­den

Instru­ment­al­lehr­kräf­te beschrän­ken sich in ihren Pro­fil­be­schrei­bun­gen häu­fig auf die Auf­zäh­lung von Sach­in­for­ma­tio­nen. Anga­ben über Ausbildungsort(e), über frü­he­re und aktu­el­le Tätig­keits­or­te, aktu­el­le Unter­richts­fä­cher, even­tu­ell künst­le­ri­sche Tätig­kei­ten, über Zusatz­aus­bil­dun­gen und Wei­te­res mehr kön­nen im indi­vi­du­el­len Fall selbst­ver­ständ­lich wich­ti­ge Teil­in­for­ma­tio­nen einer Pro­fil­be­schrei­bung sein.7 Aller­dings sagen die­se Infor­ma­tio­nen kaum etwas aus über die per­sön­li­chen Beweg­grün­de, die Begeis­te­rung und Lei­den­schaft des Päd­ago­gen oder der Päd­ago­gin. Aus­sa­ge­kräf­ti­ger wäre bei­spiels­wei­se eine Beschrei­bung des roten Fadens, der eine Berufs­bio­gra­fie und die unter­schied­li­chen Tätig­keits­fa­cet­ten zusam­men­hält. Nicht (nur), was ein Instru­men­tal­päd­ago­ge wo und wann tut, son­dern vor allem wie, war­um (im Sin­ne eines Erklä­rungs­ver­suchs für das Gewor­de­ne) und wofür (im Sin­ne des Ange­streb­ten, des als sinn­voll Erleb­ten) er sei­nen Beruf aus­übt, beschreibt sein Wesen und sei­ne Ein­zig­ar­tig­keit. Die­sen Wesens­kern immer genau­er zu erken­nen und beschrei­ben zu kön­nen, ist Grund­la­ge für eine gesun­de lebens­lan­ge Berufs­aus­übung und gleich­zei­tig blei­ben­de Auf­ga­be. Hilf­reich wäre es, wenn dem „Per­sön­lich-Wer­den“ in Aus- und Wei­ter­bil­dung sowie im Berufs­all­tag mehr Auf­merk­sam­keit und Wert­schät­zung ent­ge­gen­ge­bracht wür­de.

Anre­gung 3

Sich „in guten Zei­ten“ aktiv und vor­aus­schau­end mit der eige­nen Pro­fil­ent­wick­lung beschäf­ti­gen

Vie­le Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen den­ken in der Regel erst dann über ihr beruf­li­ches Pro­fil nach, wenn ein äuße­rer Anlass, der meist zunächst als unan­ge­nehm emp­fun­den wird, dies not­wen­dig macht. Sol­che Anläs­se kön­nen sein gehäuf­te Schü­ler­ab­mel­dun­gen bei Frei­be­ruf­lern oder Vor­ga­ben der Poli­tik wie z. B. Koope­ra­tio­nen der Musik­schu­le mit ande­ren Insti­tu­tio­nen (sie­he JeKi) oder Inklu­si­on. Fin­det die beruf­li­che Selbst­re­fle­xi­on jedoch aus­schließ­lich als Reak­ti­on auf äuße­re Ver­än­de­run­gen statt, sind die per­sön­li­chen Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten von vorn­her­ein ein­ge­schränkt, weil sich die­se auf den vorge­gebenen, begrenz­ten Rah­men bezie­hen (müs­sen). Eine eigen­in­itia­ti­ve und vor­aus­schau­en­de Pro­fil­schär­fung „in guten Zei­ten“ bie­tet per se mehr Hand­lungs­op­tio­nen, weil zunächst fast alles denk­bar ist (sie­he Anre­gung 1).

Anre­gung 4

Der eige­nen Ein­zig­ar­tig­keit und dem indi­vi­du­el­len Bei­trag zum Fach ver­trau­en

Frei­be­ruf­li­che Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen (und zum Teil auch Hono­rar­kräf­te) den­ken in der Regel mehr über ihr Berufs­pro­fil nach als Musik­schul­an­ge­stell­te. Frei­be­ruf­ler sind es gewohnt, sich auf dem „inst­rumentalpädagogischen Markt“ in Wort und Tat als Exper­te zu posi­tio­nie­ren und dar­zu­stel­len und bei Inter­es­sen­ten, Kun­den und der Öffent­lich­keit Kompetenz­zuschreibungen zu erwir­ken. Weil ihnen wie jedem unter­neh­me­risch Han­deln­dem die Abhän­gig­keit von die­sen Außen­zu­schrei­bun­gen bewusst ist, inves­tie­ren sie kon­ti­nu­ier­lich Zeit und Geld in ihre Pro­fi­lie­rung. In über­spitz­ter, ungüns­ti­ger Form kann dies aller­dings dazu füh­ren, dass sich Frei­be­ruf­ler als Dau­er­zu­stand stän­dig (zu sehr) selbst­kri­tisch hin­ter­fra­gen – vor allem in Pha­sen, in denen Unter­richts­an­fra­gen aus­blei­ben. Kom­men Selbst­zwei­fel auf, die die per­sön­li­che und fach­li­che Sou­ve­rä­ni­tät beein­träch­ti­gen, ent­steht ein Teu­fels­kreis. Um dem zu ent­kom­men, ist es hilf­reich, sich Refe­renz­erfah­run­gen aus der Berufs­bio­gra­fie, in denen man einen guten emo­tio­na­len Zugang zur eige­nen Ein­zig­ar­tig­keit hat­te, wie­der aktiv bewusst zu machen.8

Anre­gung 5

Selbst­ver­ant­wort­lich, das heißt eigen­in­itia­tiv und inner­lich unab­hän­gig mit per­sön­li­chen und beruf­li­chen Ent­wick­lungs­fel­dern aus­ein­an­der­set­zen

Im Unter­schied zu Frei­be­ruf­lern pro­fi­tie­ren Musik­schul­leh­re­rIn­nen in Bezug auf ihren Exper­ten­sta­tus und die Schü­ler­ak­qui­se vom Renom­mee und vom Bekannt­heits­grad ihres Arbeit­ge­bers Musik­schu­le. Für ange­stell­te Musik­schul­leh­rer besteht aus die­ser Sicht in der Regel kei­ne drin­gen­de Not­wen­dig­keit, sich bewusst und eigen­in­itia­tiv mit dem per­sön­li­chen Berufs­pro­fil aus­ein­an­der­zu­set­zen und die­ses lang­fris­tig gezielt wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Natür­lich könn(t)en poli­tisch gewoll­te Neue­run­gen wie bei­spiels­wei­se Koope­ra­tio­nen oder Inklu­si­on zumin­dest als äuße­re Anläs­se für eine per­sön­li­che Pro­fil­ent­wick­lung genutzt wer­den. Die­se Anläs­se wer­den aber häu­fig von den Kol­le­gIn­nen eher als Fremd­be­stim­mung gewer­tet, denn als Chan­ce begrüßt (sie­he Anre­gung 3).
Statt sich als ange­stell­ter Musik­schul­leh­rer hin­sicht­lich sei­ner beruf­li­chen Wei­ter­ent­wick­lung lang­fris­tig (zu sehr) im Schutz­raum des Arbeit­ge­bers Musik­schu­le ein­zu­rich­ten, ist es ein Zei­chen sou­ve­rä­ner Pro­fes­sio­na­li­tät, sich als unab­hän­gi­gen Exper­ten zu begrei­fen, der inne­ren (fach­li­chen) Impul­sen folgt, die­se in das Sys­tem Musik­schu­le ein­bringt und es dadurch zugleich berei­chert und for­dert.

Anre­gung 6

Im Arbeits­all­tag bewusst eine „Pro­fil­kul­tur“ leben

Musik­schul­lei­tun­gen nut­zen in der Regel ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, um die beruf­li­che Wei­ter­ent­wick­lung ihrer Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter zu unter­stüt­zen. Sie geben die­sen hier­zu Raum, indem sie bei­spiels­wei­se bestimm­te künst­le­ri­sche, päd­ago­gi­sche, orga­ni­sa­to­ri­sche oder kon­zep­tio­nel­le (Gestaltungs-)Aufgaben inner­halb der Musik­schul­ar­beit an die Mit­ar­bei­ter dele­gie­ren. Wei­ter­hin för­dern Lei­te­rIn­nen die Teil­nah­me der Kol­le­gIn­nen an musik­päd­ago­gi­schen Fort­bil­dungs­maß­nah­men genau­so wie an Schu­lun­gen für den Musik­schul-Füh­rungs­kräf­te­nach­wuchs. Hier­zu wer­den die Mit­ar­bei­ter frei­ge­stellt und die Finan­zie­rung von der Schu­le über­nom­men. In der Regel ent­steht eine Win-win-Situa­ti­on: Die Musik­schu­le unter­stützt ihre Mit­ar­bei­ter in ihrer Ent­wick­lung und die­se berei­chern mit ihrer Exper­ti­se, das heißt in der Gesamt­heit der ver­schie­de­nen Berufs­pro­fi­le im Team die Musik­schul­ar­beit.
Bei genaue­rer Betrach­tung trü­ben aller­dings zwei Aspek­te die­se Pra­xis. So führt der Sta­tus­un­ter­schied zwi­schen TVöD-Mit­ar­bei­tern und soge­nann­ten „frei­en Mit­ar­bei­tern“ per defi­ni­tio­nem zu einer Ungleich­be­hand­lung. Nach mei­nem Über­blick kom­men in der Regel aus­schließ­lich fest­an­ge­stell­te Musik­lehr­kräf­te in den Genuss einer akti­ven beruf­li­chen För­de­rung, „freie Mit­ar­bei­ter“ müs­sen hin­ge­gen ihre beruf­li­che Wei­ter­ent­wick­lung aus eige­ner Kraft betrei­ben.
Des Wei­te­ren han­delt es sich all­ge­mein bei der „För­der­pra­xis“ meist um punk­tu­el­le und selek­ti­ve Maß­nah­men. För­der­maß­nah­men wer­den in der all­ge­mei­nen Orga­ni­sa­ti­ons­theo­rie auch als „Instru­men­te zur Per­so­nal­ent­wick­lung“ bezeich­net (vgl. „Mit­ar­bei­ter­ge­sprä­che“, „leis­tungs­ori­en­tier­te Bezah­lung“). In die­sem Sin­ne wer­den Maß­nah­men für eine bestimm­te Ziel­er­rei­chung „instru­men­ta­li­siert“, sie erschei­nen impli­zit als etwas Beson­de­res, als etwas vom nor­ma­len All­tag Abge­son­der­tes. Mit­ar­bei­ter „ler­nen“ unter­schwel­lig auf die­se Wei­se, dass beruf­li­che Wei­ter­ent­wick­lung immer mit „Maß­nah­men“ ver­bun­den ist.
Dem­ge­gen­über möch­te ich für eine All­tags­kul­tur in der Musik­schul­ar­beit wer­ben, in der sich alle Betei­lig­ten als „Potenzialentfaltungsgemeinschaft“9 ver­ste­hen. Nach die­sem Para­dig­ma unter­stüt­zen sich die Mit­ar­bei­ter grund­sätz­lich gegen­sei­tig in der Ent­wick­lung ihres jewei­li­gen Pro­fils, indem u. a. eine wert­schät­zen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on und das Prin­zip der Res­sour­cen­ori­en­tie­rung im Mit­ein­an­der „der Nor­mal­fall“ sind. (Und dies auch und beson­ders in Belas­tungs- und Kon­flikt­si­tua­tio­nen.)
Solch eine „Pro­fil­ent­wick­lungs­kul­tur“ könn­te in der Pra­xis z. B. an Fol­gen­dem erkenn­bar sein:
) Ein regel­mä­ßi­ger Tages­or­dungs­punkt von Fach­kon­fe­ren­zen lau­tet: „mein Pro­fil“. Hier erhält jeweils eine Lehr­kraft zehn Minu­ten Zeit, sich als Instru­men­tal­päd­ago­gIn zu beschrei­ben. Auf Wunsch geben die Kol­le­gIn­nen eine Rück­mel­dung.
) Kol­le­gIn­nen tref­fen sich eigen­in­itia­tiv in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zu „Pro­fil­grup­pen“ (sie­he Anre­gung 1).
) Nach Art des Modells „Mit­ar­bei­ter des Monats“ wird jeweils das Pro­fil eines Kol­le­gen am öffent­li­chen Aus­hang­brett und auf den Inter­net­sei­ten der Musik­schu­le vor­ge­stellt („Fea­ture“).
) In kol­le­gia­len, Lei­tungs- und Kon­fe­renz­ge­sprä­chen ist eine Hal­tung des wirk­li­chen und offe­nen Inter­es­ses am ande­ren kon­kret erleb­bar – vor allem des Inter­es­ses an den Stär­ken, Nei­gun­gen und an dem, was den ande­ren fas­zi­niert.
Musik­schu­len kön­nen ihren Mit­ar­bei­tern, vor allem den Hono­rar­kräf­ten (nach heu­ti­gem Stand) lei­der kaum finan­zi­el­le Ent­wick­lungs­mög­lich­kei­ten bie­ten, eine bewuss­te „Pro­fil­ent­wick­lungs­kul­tur“ wäre zumin­dest ein fach­lich-inhalt­li­cher Bei­trag der Insti­tu­ti­on zur Berufs­zu­frie­den­heit der Mit­ar­bei­te­rIn­nen. Eben­so kön­nen Funk­tio­nä­re und Füh­rungs­kräf­te in Berufs­ver­bän­den die Idee einer „Poten­ti­a­l­ent­fal­tungs­ge­mein­schaft“ (noch mehr) im All­tag der Ver­bands­ar­beit kul­ti­vie­ren.

Anre­gung 7

Die Ent­wick­lung des Berufs­pro­fils von Inst­rumentalpädagogInnen zum zen­tra­len Leit­the­ma machen und viel­fäl­ti­ge Räu­me zur per­sön­li­chen Pro­fil­schär­fung anbie­ten

Aktu­el­le Dis­kursthe­men in Berufs­ver­bän­den, Fort­bil­dungs­the­men in Pro­gram­men ver­schie­de­ner Anbie­ter sowie Vor­trags- und Work­sh­op­the­men auf Fachkongressen10 sind in der Regel über­wie­gend „fak­tisch“ aus­ge­rich­tet. Alle Betei­lig­ten gehen dabei schein­bar von der Annah­me aus, dass es Ziel sein soll­te, pri­mär „Sachen zu klä­ren“ und dass hier­für bestimm­te (exklu­si­ve) Infor­ma­tio­nen nötig sind bzw. aus­ge­tauscht wer­den müs­sen. Damit ein Fort­schritt in der Sache oder eine Lösung im wei­te­ren Sin­ne jedoch gelin­gen kann, muss die per­sön­li­che Anbin­dung der Betei­lig­ten an das The­ma berück­sich­tigt werden.11
Erfah­run­gen, Ein­stel­lun­gen, Beschrei­bun­gen, Bewer­tun­gen und Schluss­fol­ge­run­gen, kurz: das, was ein Instru­men­tal­päd­ago­ge an kogni­ti­ven und emo­tio­na­len Mus­tern mit­bringt, sind aus­schlag­ge­bend dafür, wel­che per­sön­li­che Bedeu­tung ein Musik­leh­rer einem The­ma des Berufs und des­sen viel­fäl­ti­gen Aspek­ten zuweist. Ein hoher Grad an Klar­heit in den persön­lichen Mus­tern (= Pro­fil­be­wusst­sein) wirkt sich deut­lich posi­tiv auf die Art der Aus­ein­an­der­set­zung mit berufs­be­zo­ge­nen The­men aus. Inso­fern soll­ten in die­sem Sin­ne zunächst – oder zumin­dest Hand in Hand mit sach­be­zo­ge­nen The­men – expli­zit die „Men­schen gestärkt wer­den“. Hier­zu könn­ten über­ge­ord­ne­te instru­men­tal­päd­ago­gi­sche Insti­tu­tio­nen wie Berufs­ver­bän­de und Inter­es­sen­ver­tre­tun­gen sowie Wei­ter­bil­dungs­an­bie­ter die Berufs­pro­fil­ent­wick­lung von Instru­men­tal­päd­ago­gIn­nen zu ­einem für alle Betei­lig­ten attrak­ti­ven und berei­chern­den Leit­the­ma machen und dau­er­haft ent­spre­chen­de Räu­me zur prak­ti­schen Umset­zung schaf­fen. Musik­aka­de­mi­en könn­ten bei­spiels­wei­se Ange­bo­te zur Anre­gung 1 ent­wi­ckeln, Regio­nal­be­zir­ke des Deut­schen Ton­künst­ler­ver­bands regel­mä­ßig sich tref­fen­de „Pro­fil­grup­pen“ für ihre Mit­glie­der ein­rich­ten und Fach­kon­gres­se das The­ma aus einer über­ge­ord­ne­ten Per­spek­ti­ve behan­deln.

1 Bernd Dah­l­haus: „Ein­zig­ar­tig. Wert­voll. Instru­men­tal­päd­ago­gi­sche Pro­fi­le. Teil I: Was mich als Instru­men­tal­päd­ago­ge aus­zeich­net“, in: musik­schu­le )) DIREKT 3/2015, S. 9–11, www. schott-musikpädagogik.de > instru­men­tal­un­ter­richt > zeit­schrift > musik­schu­le direkt > alle aus­ga­ben > musik­schu­le )) DIREKT 3/2015. Sie­he dort auch die Erläu­te­rung des Begriffs „Berufs­pro­fil“.
2 Hart­mut von Hen­tig: Die Men­schen stär­ken, die Sachen klä­ren. Ein Plä­doy­er für die Wie­der­her­stel­lung der Auf­klä­rung, Stutt­gart 1985.
3 unter ande­rem Musik­ler­nen, musikalische/ästhetische Erfah­rung, musi­ka­li­sche Bil­dung, Kul­tur.
4 vgl. Kapi­tel 6.4 „Bil­dung und Spra­che“ in: Andre­as Dörpinghaus/Andreas Poenitsch/Lothar Wig­ger: Ein­füh­rung in die Theo­rie der Bil­dung. Darm­stadt 52013, S. 73 ff.
5 Ste­phen Covey: Die sie­ben Wege zur Effek­ti­vi­tät: Prin­zi­pi­en für per­sön­li­chen und beruf­li­chen Erfolg, Frank­furt am Main 272013.
6 vgl. Bernd Dah­l­haus: „Der Musik­leh­rer­be­ruf als Pas­si­on?! – Selbst­ma­nage­ment für Instru­men­tal­päd­ago­gen“, in: musik­schu­le )) DIREKT 6/2013, Sei­te 7–9.
7 Eine Erklä­rung für die Beschrän­kung auf Sach­informationen in Pro­fil­be­schrei­bun­gen von Instru­men­tal­päd­ago­gen könn­te dar­in bestehen, dass eine Pra­xis aus dem Kon­zert­we­sen (unbe­wusst) über­nom­men wird. Hier ist es in Programm­ankündigungen und -bro­schü­ren bekann­ter­ma­ßen üblich, den Künst­ler mit einer Auf­zäh­lung von aus­ge­wähl­ten bio­gra­fi­schen Sach­in­for­ma­tio­nen vor­zu­stel­len („Künst­ler­kurz­bio“).
8 vgl. die Impuls­fra­ge zur „musik­päd­ago­gi­schen Stern­stun­de“ im ers­ten Teil des Bei­trags.
9 Gerald Hüt­her: Etwas mehr Hirn, bit­te. Eine Ein­la­dung zur Wie­der­ent­de­ckung der Freu­de am eige­nen Den­ken und der Lust am eige­nen ­Gestal­ten, Göt­tin­gen 2015; sie­he auch die „Aka­demie für Poten­ti­a­l­ent­fal­tung“ (www.akademie­fuer­potentialentfaltung.org).
10 Recht, Steu­ern und Ver­si­che­run­gen für Frei­berufler, (Unterrichts-)Methoden und -kon­zep­te, (Selbst-)Management und Kul­tur-, Bil­dungs- und Berufs­po­li­tik.
11 Dies hat auch ent­spre­chen­de Kon­se­quen­zen für eine Fort­bil­dungs- bzw. „Ver­an­stal­tungs­di­dak­tik“.