Lessing, Wolfgang

Erfah­rungs­raum ­Spe­zi­al­schu­le

Rekonstruktion eines musikpädagogischen Modells

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: transcript, Bielefeld 2017
erschienen in: üben & musizieren 1/2018 , Seite 51

Die ehe­ma­li­gen Spe­zi­al­schu­len der DDR stel­len ein viel­be­schwo­re­nes und viel­dis­ku­tier­tes Bei­spiel musi­ka­li­scher Bega­bungs­för­de­rung dar. Die Dis­kus­si­on über ihre Poten­zia­le und Gren­zen, ihre Wir­kun­gen und Neben­wir­kun­gen erfolg­te aber bis jetzt auf der Grund­la­ge sub­jek­ti­ver Erfah­run­gen und Berich­te: Eine wis­sen­schaft­li­che Annä­he­rung an die­ses Modell musi­ka­li­scher Aus­bil­dung stand noch aus. Mit sei­nem Buch unter­nimmt Wolf­gang Les­sing in Zusammen­arbeit mit Maria Ber­ge, Caro­la Klin­kert und Anne-Kath­rin Wag­ler den Ver­such, die­se Lücke zu schlie­ßen und lie­fert damit einen unge­mein rele­van­ten Bei­trag zur Auf­ar­bei­tung eines zent­ralen Abschnitts musik­päd­ago­gi­scher Geschich­te und zum Dis­kurs der Bega­bungs­for­schung und Bega­bungs­för­de­rung.
In der Publi­ka­ti­on wird ein empi­ri­sches For­schungs­pro­jekt geschil­dert, das dar­auf ziel­te, die Spe­zi­al­schu­le für Musik Dres­den im Zeit­raum zwi­schen 1965 und 1990 als Erfah­rungs­raum zu erfas­sen, das heißt die expli­zi­ten und impli­zi­ten Regeln zu rekons­t­ruieren, die die­sen Erfah­rungs­raum her­vor­brach­ten und das Han­deln der Akteu­re im Span­nungs­feld zwi­schen objek­ti­ven Struk­tu­ren und sub­jek­ti­ven Spiel­räumen zu betrach­ten.
Das Ergeb­nis ist beein­dru­ckend: Die Spe­zi­al­schu­le Dres­den erscheint als ein kom­ple­xes Bezie­hungs­ge­flecht, geprägt von Anti­no­mi­en, Pas­sungs­pro­zes­sen und Wirk­kräf­ten, die ihrer­seits unter­schied­li­che Schü­ler­ty­pen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten her­vor­ge­bracht haben. Bei der Lek­tü­re staunt man dar­über, wie viel von die­ser zeit- und kon­text­spe­zi­fi­schen Insti­tu­ti­on in den aktu­el­len Musik­hoch­schu­len wie­der­zu­er­ken­nen ist: Der Autor bleibt aber bei der Dis­kus­si­on der Ergeb­nis­se kon­se­quent kri­tisch und arbei­tet Gemein­sam­kei­ten und Beson­der­hei­ten behut­sam her­aus.
Beson­ders inter­es­sant erscheint mir die Ver­knüp­fung der gewon­ne­nen Erkennt­nis­se mit den zent­ralen The­sen der Exper­ti­se­for­schung: Phä­no­me­ne wie etwa die für Musik­ex­per­tIn­nen typi­sche, intrinsi­sche musik­be­zo­ge­ne Moti­va­ti­on oder der Zusam­men­hang zwi­schen Vor­stel­lun­gen von musi­ka­li­scher Bega­bung und Selek­ti­ons­pro­zes­sen erschei­nen hier in einem ande­ren Licht und erhal­ten dadurch neue Facet­ten und schär­fe­re Kon­tu­ren.
Das Buch rich­tet sich sowohl an ein wis­sen­schaft­lich geschul­tes Publi­kum als auch an Pra­ti­ke­rIn­nen, die in der Spit­zen­för­de­rung tätig sind. Es lie­fert nicht nur fach­li­che, son­dern auch theo­re­ti­sche und metho­di­sche Impul­se: Die Ver­or­tung und Bestim­mung des Begriffs Schul­kul­tur wie auch die plas­ti­sche Schil­de­rung der doku­men­ta­ri­schen Metho­de bie­ten kon­kre­te Anknüp­fungs­punk­te für künf­ti­ge For­schungs­pro­jek­te. Wis­sen­schaft­li­chen Lai­en mutet die­ser anspruchs­vol­le Text eini­ges zu. Trotz­dem ist die Bemü­hung des Autors spür­bar, kom­ple­xe Zusam­men­hän­ge ver­ständ­lich dar­zu­stel­len.
Nata­lia Ardi­la-Man­til­la