Tschemer, Marlies

Erwach­se­ne in Musikschulen

Motive – Ziele – Erwartungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Trauner Verlag, Linz 2010
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 54

Wenn eine Sozio­lo­gin ein Buch über Erwach­se­ne an Musik­schu­len schreibt, darf man gespannt sein: Mar­lies Tsche­mer, bis 2009 Assis­ten­tin am Insti­tut für Sozio­lo­gie der Johan­nes Kep­ler Uni­ver­si­tät Linz, hat sich dem The­ma aus per­sön­li­cher Erfah­rung – spon­ta­ner Beginn des Cello­un­ter­richts nach Besuch einer Musik­schul­ver­an­stal­tung – zuge­wen­det. In einer reprä­sen­ta­ti­ven Befra­gung erwach­se­ner Musik­ler­nen­der an Musik­schu­len in Ober­ös­ter­reich unter­such­te sie gesell­schaft­li­che Hin­ter­grün­de bzw. sozia­les Umfeld der musi­zie­ren­den Lai­en. Auch Moti­ve, Zie­le und Erwar­tun­gen die­ser Kli­en­tel wur­den einer Unter­su­chung unterzogen.
Die vor­lie­gen­de Ver­öf­fent­li­chung ist zwei­ge­teilt, wobei zunächst theo­re­ti­sche Basis­in­for­ma­tio­nen gelie­fert wer­den. Ein kur­zer Ein­blick in drei Kon­zep­te zur Sozi­al­struk­tur der Gegen­warts­ge­sell­schaft bil­det den Auf­takt; es fol­gen Infor­ma­tio­nen zu lebens­lan­gem Ler­nen, dem gegen­wär­ti­gen Stel­len­wert von Musik­schu­len sowie deren Posi­tio­nie­rung gegen­über erwach­se­nen Instru­men­tal­spie­lern. Ergän­zend äußert sich die Autorin zu Funk­tio­nen und Wir­kun­gen von Musik. Die zwei­te Hälf­te des Buchs stellt dann Vor­ge­hens­wei­se und Ergeb­nis­se des For­schungs­pro­jekts vor, dies mit umfang­rei­chen Tabel­len und Grafiken.
Auch wenn ein­zel­ne Ergeb­nis­se der Befra­gung sehr inter­es­sant sind (Grün­de für den Besuch einer Musik­schu­le bzw. damit gegen den Pri­vat­un­ter­richt; eine im Wider­spruch zu ande­ren Stu­di­en ste­hen­de hohe Leis­tungs­be­zo­gen­heit der Befrag­ten; sämt­li­che geschlechts­spe­zi­fi­schen Aus­sa­gen), ent­täuscht die vor­lie­gen­de Ver­öf­fent­li­chung als Gan­zes. Auf den ers­ten Blick sys­te­ma­tisch ange­legt, in einem Uni­ver­si­täts­ver­lag her­aus­ge­ge­ben – den­noch bleibt man bei der Lek­tü­re oft rat­los. Muss ich als Lese­rin den Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Anto­nio Dama­sio so gut ken­nen, dass ich den nach­fol­gen­den Satz ver­ste­he: „Dama­sio (1999, 88 f) gibt ein Bei­spiel für den Ablauf des Pro­zes­ses vom Reiz zum Gefühl anhand eines Besuchs von Tan­te Mag­gie, ich will ver­su­chen ana­log den Bereich der Musik he­ranzuziehen.“ Oder: „Mit die­sen schö­nen Wor­ten berühm­ter Kom­po­nis­ten, die an Stel­le einer Zusam­men­fas­sung der theo­re­ti­schen Über­le­gun­gen zum Musik­schul­be­such Erwach­se­ner ste­hen, wol­len wir uns der empi­ri­schen Stu­die zuwen­den…“ Bedau­er­lich auch, dass sich einer der bei­den berühm­ten Komponis­ten nicht „Schuh­mann“ schreibt. Das darf nicht pas­sie­ren! Dass Gerd Eicker unter Umstän­den durch Inter­net­be­le­ge zu „Eiker“ wird, könn­te man viel­leicht noch nach­se­hen, jedoch nicht die Aus­legung der Abkür­zung „VdM“ als „Ver­ein deut­scher Musik­schu­len“. Das Buch strotzt vor Feh­lern. Wenn man Lay­out­pro­ble­me oder Unein­heit­lich­kei­ten sowie Recht­schreib­fehler mit­zählt, ist die Anzahl völ­lig indis­ku­ta­bel. Da gehen ansons­ten gute Gedan­ken­gän­ge – z. B. dass der musi­zie­ren­de Erwach­se­ne nicht allein auf den älte­ren musik­lie­ben­den Erwach­se­nen redu­ziert wer­den darf – lei­der unter!
Rein­hild Spiekermann