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Busch, Barbara

Es bleibt noch viel zu tun

Gespräch über gendersensibles Sprechen in Musik(hoch)schulen und im Unterricht

Rubrik: Kommunikation
erschienen in: üben & musizieren 4/2021 , Seite 34

„99 Sängerinnen und 1 Sänger sind 100 Sänger“, konstatierte die Sprachwissenschaftlerin Luise Pusch bereits 1990. Inzwischen gibt es ein gewachsenes Bewusstsein für geschlechtersensibles Sprechen, aber auch (neue) Vorbehalte gegen das Gendern. Immer mehr ­öffentliche und private Institutionen und Firmen erlassen Richtlinien für die Verwendung gendersensibler Sprache, darunter auch Musikhochschulen. Ein Gespräch mit Christine Busch, Gleich­stellungsbeauftragte der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart, und Daniela Hasenhündl, Frauenbeauftragte der Hochschule für Musik Würzburg.

Im Früh­jahr 2019 hast du, lie­be Danie­la, als Frau­en­be­auf­trag­te der Hoch­schu­le für Musik Würz­burg Emp­feh­lun­gen zum gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch ver­öf­fent­licht. Aus wel­chem Bedürf­nis her­aus kam es dazu?
Danie­la Hasen­hündl: Aus der Über­zeu­gung her­aus, dass Spra­che unser Den­ken, Füh­len und Han­deln beein­flusst, begann ich vor eini­gen Jah­ren, mich mit dem The­ma Chan­cen­gleich­heit und Diver­si­tät in der Spra­che zu beschäf­ti­gen. In das Amt der Frau­en­be­auf­trag­ten beru­fen, erach­te­te ich es als mei­ne Auf­ga­be, zunächst ein­mal genau hin­zu­hö­ren, ob ich in Gesprä­chen mit Kol­le­gen und Kol­le­gin­nen oder in Dis­kur­sen im Rah­men mei­ner Gre­mi­en­ar­beit ein Bewusst­sein für einen gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch erken­nen konn­te. Ich muss­te fest­stel­len, dass mas­ku­li­ne For­mu­lie­run­gen die Regel waren. Eine kri­ti­sche Hinter­fragung war kaum mög­lich und gen­der­ge­rech­te Spra­che wur­de häu­fig als zu komp­liziert und umständ­lich abge­tan. Dies ver­an­lass­te mich, die Hoch­schul­öf­fent­lich­keit auf das The­ma Gen­der­ge­rech­tig­keit in Spra­che und Schrift mit „Emp­feh­lun­gen zum gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch“ auf­merk­sam zu machen und so den respekt­vol­len Umgang mit­ein­an­der zu fördern.

Weni­ge Mona­te spä­ter, im Dezem­ber 2019, hat die Gleich­stel­lungs­kom­mis­si­on der Staat­li­chen Hoch­schu­le für Musik und Dar­stel­len­de Kunst Stutt­gart einen „Leit­fa­den für geschlech­ter­sen­si­ble Spra­che“ ver­ab­schie­det. Lie­be Chris­ti­ne, gab es aktu­el­le Vor­komm­nis­se, die dazu geführt haben?
Chris­ti­ne Busch: Im Umfeld unse­rer Hoch­schul­zei­tung Spek­trum gab es wohl immer wie­der Strei­tig­kei­ten über das Gen­dern von Arti­keln: Autoren von Arti­keln woll­ten sich von der Redak­ti­on nicht dazu über­re­den las­sen, zudem gab es offen­sicht­lich kri­ti­sche Zuschrif­ten, die sich über das Gen­dern (meis­tens mit Gen­der­stern­chen *) beschwer­ten. Des­halb wur­de ich von unse­rer Rek­to­rin und dem Lei­ter des Künst­le­ri­schen Betriebs­bü­ros ermun­tert bzw. aus­drück­lich dar­um gebe­ten, aktiv zu wer­den. Die Mei­nun­gen zum Gen­dern gehen immer noch sehr aus­ein­an­der in unse­rer Gesell­schaft! Vie­le Frau­en wol­len aber sicht­bar in Tex­ten sein und auch hör­bar expli­zit benannt wer­den, sie wol­len sich nicht mehr mit „mit­ge­meint“ in der männ­li­chen Sprach­form zufrie­den­ge­ben müssen.
Ich hat­te den „Leit­fa­den für geschlech­ter­sen­si­ble Spra­che“ der Hoch­schu­le für Musik Hanns Eis­ler Ber­lin von der dor­ti­gen Frau­en­be­auf­trag­ten Ant­je Kir­sch­ning bei einem Tref­fen der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten der künst­le­ri­schen Hoch­schu­len in Deutsch­land in die Hand gedrückt bekom­men. Weil ich ihn so inspi­rie­rend fand, habe ich ihn in unse­rer Hoch­schu­le bekannt gemacht und durf­te ihn dann auch für unse­ren Leit­fa­den als Vor­la­ge benutzen.

Emp­feh­lun­gen ent­ste­hen nicht von heu­te auf mor­gen. Wie muss ich mir den Ent­ste­hungs­pro­zess vorstellen?
Danie­la Hasen­hündl: In Würz­burg wur­den die Emp­feh­lun­gen von mir allei­ne zusam­men­ge­stellt. Zu die­sem Zeit­punkt exis­tier­te an der Hoch­schu­le noch kein Aus­schuss für Gleich­stel­lungs­fra­gen, der sich die­ser The­ma­tik hät­te anneh­men kön­nen. Ich habe damit begon­nen, Lösungs­vor­schlä­ge für einen gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch zusam­men­zu­tra­gen und die­se mit für unse­re Hoch­schu­le rele­van­ten For­mu­lie­rungs­hil­fen ergänzt. Zwei Din­ge stan­den für mich im Vor­der­grund, näm­lich unkom­pli­zier­te Sprach­al­ter­na­ti­ven anzu­bie­ten und die posi­ti­ven Aus­wir­kun­gen beim Gebrauch gen­der­sen­si­bler Spra­che her­aus­zu­stel­len. Denn das Wis­sen um eine Viel­zahl von Sprach­alternativen för­dert einen expe­ri­men­tier­freu­di­gen Umgang mit ihr und macht vie­les nicht umständ­li­cher, son­dern einfacher.

Wie ver­lief die Initia­ti­ve in Stutt­gart? Wer war betei­ligt und inwie­fern haben haus­interne Dis­kus­sio­nen stattgefunden?
Chris­ti­ne Busch: Über die Infor­ma­tio­nen der Lan­des­kon­fe­renz und der Bun­des­kon­fe­renz der Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten habe ich mich in den ver­gan­ge­nen bei­den Jah­ren in ver­schie­de­ne The­men­fel­der der „Gleich­stel­lung“ ein­ge­ar­bei­tet und mich auch mit Kol­le­gin­nen ande­rer Hoch­schu­len getrof­fen. Eine Kon­takt­per­son in unse­rem Minis­te­ri­um fand es durch­aus emp­feh­lens­wert, einen Leit­fa­den für unse­re Musik­hoch­schu­le zu ent­wer­fen; sie hat mich mit Links zu ver­schie­de­nen Ent­wür­fen von Uni­ver­si­tä­ten versorgt.
Ich woll­te es dann mög­lichst ein­fach machen, habe mei­nen Favo­ri­ten, den Ber­li­ner Fly­er, vor einer Senats­sit­zung zur Infor­ma­ti­on in alle Brief­käs­ten der Senats­mit­glie­der ver­teilt und hät­te es schön gefun­den, wenn er in der Senats­sit­zung direkt „abge­seg­net“ wor­den wäre. Doch es kam anders: Eini­ge Kol­le­gen hat­ten mas­si­ve Pro­ble­me mit dem „Frau­en­gedöns“ (salopp gesagt). Sie woll­ten sich nicht in ihre Pra­xis „rein­re­den las­sen“, woll­ten den Fly­er so nicht „durch­win­ken“ und es folg­te eine kon­tro­ver­se, hei­ße Dis­kus­si­on. Dar­auf­hin habe ich den Fly­er etwas umge­schrie­ben, mit mei­nen Fakul­täts-Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­ten und den Mit­glie­dern der Gleich­stel­lungs­kom­mis­si­on (dar­un­ter Leh­ren­de und Stu­die­ren­de) dis­ku­tiert und wei­ter­ent­wi­ckelt. Schließ­lich haben wir ihn in der Gleich­stel­lungs­kom­mis­si­on verabschiedet.
Übri­gens kön­nen die in der Gleich­stel­lungs­kom­mis­si­on und im AStA enga­gier­ten Stu­die­ren­den gar nicht ver­ste­hen, war­um mir oft Gegen­wind in mei­ner Gleich­stel­lungs­ar­beit ent­ge­gen­schlägt. Das trös­tet mich, wenn ich mich zeit­wei­lig ent­mu­tigt füh­le, weil ich den Gegen­wind ver­stö­rend fin­de und mehr Rücken­wind vermisse.

Wie wur­den bzw. wer­den die von euch erstell­ten Fly­er verbreitet?
Danie­la Hasen­hündl: Nach vor­he­ri­ger Ankün­di­gung per Rund­mail leg­te ich per­sön­lich die Fly­er in die Post­fä­cher aller Leh­ren­den. Die Fly­er sind auf wer­ti­gem Papier gedruckt, um einem Ver­schleiß bei hof­fent­lich häu­fi­ger Benut­zung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Idee ist ja, dass die Leh­ren­den den Fly­er beim Ver­fas­sen von Tex­ten immer wie­der als Rat­ge­ber zur Hand neh­men. Auf der Home­page wird zusätz­lich eine PDF-Datei zum Down­load bereit­ge­stellt, die noch etwas mehr Infor­ma­tio­nen enthält.1 Seit dem letz­ten Stu­di­en­jahr wird der Fly­er für die Neu­stu­die­ren­den zusam­men mit ande­ren Unter­la­gen in das soge­nann­te Erst­­se­mes­ter-Täsch­chen gepackt.
Chris­ti­ne Busch: Zusam­men mit ande­ren Papie­ren (unter ande­rem dem „Hand­lungs­leit­fa­den Sexu­el­le Beläs­ti­gung“) habe ich ihn in die Brief­fä­cher unse­rer Lehr­kräf­te gelegt, dem AStA Exem­pla­re gege­ben, ihn an unser Schwar­zes Brett „Chan­cen­gleich­heit – Respekt – Diver­si­ty“ gehängt und per Mail an alle Leh­ren­den geschickt. Es gibt ihn auch auf der Web­site der Staat­li­chen Hoch­schu­le für Musik und Dar­stel­len­de Kunst Stuttgart.2 Und wenn kein Gegen­wind kommt, könn­te er auch in unse­rer Hoch­schul­zei­tung Spek­trum abge­druckt werden.

Kön­nen Emp­feh­lun­gen Ver­bind­lich­keit ha­ben? Und war­um lehnst du, Danie­la, Ver­bind­lich­kei­ten inner­halb der Hoch­schu­le ab?
Danie­la Hasen­hündl: Mei­ner Ansicht nach darf das Ziel, Gen­der­ge­rech­tig­keit in der Spra­che zu schaf­fen, nicht mit Regle­men­tie­run­gen und Ein­schrän­kun­gen ver­bun­den sein. Die Frei­heit im Gebrauch von Spra­che muss stets gewahrt blei­ben. Eine Sen­si­bi­li­sie­rung ist sinn­voll; was der oder die Ein­zel­ne dar­aus macht, soll­te jedem und jeder selbst über­las­sen blei­ben. Des­halb wol­len die Emp­feh­lun­gen zum gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch auch kei­ne Nor­men set­zen, son­dern zur sprach­li­chen Krea­ti­vi­tät unter gen­der­sen­si­blem Aspekt anregen.
In der Schrift­spra­che erach­te ich es aller­dings als sinn­voll, inner­halb der Hoch­schu­le bei­spiels­wei­se für For­mu­la­re einen ein­heit­li­chen Weg zu wäh­len, der anzeigt, wie sich die Hoch­schu­le zu die­ser The­ma­tik stellt. In den Ziel­ver­ein­ba­run­gen unse­res Gleich­stel­lungs­kon­zepts wur­de beschlos­sen, dass alle Rechts­grund­la­gen, For­mu­la­re und Hand­rei­chun­gen bis 2023 gen­der­ge­recht for­mu­liert wer­den. Momen­tan sind wir auf einem guten Weg, Text­lö­sun­gen zu fin­den, die auch das diver­se Geschlecht inklu­die­ren. Der läs­ti­ge Satz „Alle mas­ku­li­nen Per­so­nen und Funk­ti­ons­be­zeich­nun­gen gel­ten im Fol­gen­den für Frau­en und Män­ner in glei­cher Wei­se“ ist dann end­lich Ver­gan­gen­heit. Wir haben aber auch die Bar­rie­re­frei­heit für Men­schen mit Seh­be­hin­de­rung im Blick.

Chris­ti­ne, in Stutt­gart betont ihr, dass es sich um einen Leit­fa­den han­delt, nicht um eine „erzwun­ge­ne Anord­nung“! Wie kam es zu die­ser abschlie­ßen­den Bemerkung?
Chris­ti­ne Busch: Ich habe mich wirk­lich sehr gewun­dert, dass man sich über einen „Leit­fa­den“ so auf­re­gen kann. Es ist doch im Wort „Leit­fa­den“ eigent­lich sowie­so ent­hal­ten, dass es nur eine Ori­en­tie­rung oder Sen­si­bi­li­sie­rung und kein Zwang ist! Das Enga­ge­ment der jun­gen Genera­ti­on und die gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lung wer­den sich hof­fent­lich durch Ein­zel­mei­nun­gen nicht brem­sen las­sen – und „ste­ter Trop­fen höhlt den Stein“. Außer­dem gibt es ja auch unzäh­li­ge Män­ner, die den Anlie­gen der Frau­en für wei­te­re Ver­bes­se­run­gen auf ver­schie­de­nen Fel­dern völ­lig auf­ge­schlos­sen und unter­stüt­zend gegen­über­ste­hen. Viel­leicht müs­sen wir aber auch dar­auf ach­ten, ande­re Män­ner, die sich teil­wei­se schon fast benach­tei­ligt füh­len und/ oder Pro­ble­me mit der #MeToo-Debat­te haben, nicht zu über­for­dern, son­dern empa­thi­scher mitzunehmen.

Wel­che Reak­tio­nen gab es in Würz­burg auf den Flyer?
Danie­la Hasen­hündl: Die Reak­tio­nen waren fast alle posi­tiv. Ledig­lich eine Lehr­per­son hat rück­ge­mel­det, sich in ihrer Spra­che kei­ne Vor­schrei­bun­gen machen zu las­sen. Ande­re haben rück­ge­mel­det, dass der Fly­er durch­aus akzep­ta­ble Alter­na­ti­ven bie­tet beim Ver­fas­sen eines Tex­tes. „Ich habe den Fly­er auf mei­nem Schreib­tisch lie­gen und fin­de dar­in gute Unter­stüt­zung beim gen­der­ge­rech­ten For­mu­lie­ren“ und „Ich ver­wen­de den Fly­er als Buch­zei­chen und wer­de so immer wie­der ange­regt, über Spra­che nach­zu­den­ken“ waren wohl die schöns­ten Rückmeldungen.

Die Her­aus­ga­be eines Fly­ers ist das eine. Mit wel­cher Ziel­set­zung seid ihr wei­ter in die­ser Sache aktiv?
Danie­la Hasen­hündl: Wich­tig wäre die Prä­senz der The­ma­tik in Lehr­ver­an­stal­tun­gen. Gera­de Stu­die­ren­de, die spä­ter als Lehr­kräf­te tätig sein wer­den, soll­ten für die­se The­ma­tik sen­si­bi­li­siert wer­den und sich mit gen­der­ge­rech­ter Unter­richts­spra­che aus­ein­an­der­set­zen. In mei­ner lang­jäh­ri­gen Unter­richts­tä­tig­keit habe ich erfah­ren, dass Kin­der völ­lig unvor­ein­ge­nom­men auf gen­der­ge­rech­te Spra­che reagie­ren und männ­lich bzw. weib­lich ein­deu­ti­ge Bezeich­nun­gen pro­blem­los in ihren Wort­schatz über­neh­men, wenn es ihnen vor­ge­lebt wird. Kin­der, die in einem sprach­lich gen­der­sen­si­blen Umfeld auf­wach­sen, wer­den – wenn sie danach gefragt wer­den – Feu­er­wehr­frau, Astro­nau­tin oder Koch. Und kein ande­res Kind schmun­zelt, wie es man­che Erwach­se­ne tun. So leis­ten Lehr­kräf­te in der Arbeit mit Kin­dern einen wich­ti­gen Betrag zur För­de­rung des Selbst­ver­trau­ens und der Akzep­tanz von Diversität.

Wie sehen wei­te­re Maß­nah­men in Stutt­gart aus?
Chris­ti­ne Busch: Wir haben regel­mä­ßi­ge Work­shops zu Gleich­stel­lungs­the­men geplant, z. B. einen län­ge­ren Work­shop bzw. Dis­kurs von Stu­die­ren­den und Leh­ren­den zum The­ma „Nähe und Distanz“, Schlag­fer­tig­keit-Work­shops für Stu­die­ren­de, Feed­back- und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­trai­ning für Leh­ren­de. Ich hof­fe, dass ich auch selbst die­se Fort­bil­dun­gen nut­zen kann, um mich selbst­be­wuss­ter zu allen The­men arti­ku­lie­ren zu kön­nen, eben­so in Kon­flik­ten mit kon­trä­ren Mei­nun­gen von Kol­le­gen. Wenn wir mit guten Argu­men­ten und Humor und den pas­sen­den Wor­ten ein­grei­fen, wo wir es nötig fin­den, kön­nen wir doch etwas bewegen!

Inwie­fern stoßt ihr mit dem Vor­ha­ben, über Spra­che für Gleich­be­rech­ti­gung zu sen­si­bi­li­sie­ren, an Grenzen?
Chris­ti­ne Busch: Ver­mut­lich rebel­liert das „Sprach­ge­fühl“ von eini­gen Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen! Da habe ich durch­aus Ver­ständ­nis: Mir ging es jah­re­lang selbst so mit der Kon­struk­ti­on „Stu­die­ren­de“, und fin­de die­se immer noch nicht ide­al – aber der Leit­fa­den aus Ber­lin war sehr über­zeu­gend für mich! Mei­ne Toch­ter hat im AStA der Musik­hoch­schu­le Frei­burg der­ar­tig vie­le „femi­nis­ti­sche“ fort­schritt­li­che Impul­se erfah­ren und mir davon berich­tet, dass ich den­ke, da müs­sen wir dran­blei­ben – egal in wel­cher Posi­ti­on. Ich bekom­me regel­mä­ßig von Stu­die­ren­den dank­ba­res, gutes Feedback!
Danie­la Hasen­hündl: Die juris­ti­schen Hür­den beim Gen­dern von Geset­zes­tex­ten las­sen lei­der nur enge sprach­li­che Spiel­räu­me und Ände­run­gen sind nur lang­fris­tig mög­lich. Inter­es­sant fin­de ich die Tat­sa­che, dass ich öfter mit jun­gen Frau­en ins Gespräch kom­me, die die Not­wen­dig­keit einer gen­der­sen­si­blen Spra­che nicht als sinn­voll erach­ten und dies mit Vehe­menz ableh­nen. Auch die­ser Ein­stel­lung muss zunächst ein­mal mit Respekt begeg­net wer­den. Die wohl schärfs­te Reak­ti­on auf einen Kom­men­tar von mir, als in einem Mee­ting wie­der ein­mal die mas­ku­li­nen For­mu­lie­run­gen domi­nier­ten, war: „Das ist mir sowas von scheiß­egal!“ Für mich als Frau­en­be­auf­trag­te bleibt also noch viel zu tun. Aber ich stel­le mich ger­ne die­ser Aufgabe.

Wie stellt sich die Situa­ti­on für dich per­sön­lich dar, Christine?
Chris­ti­ne Busch: Für die nächs­te Auf­la­ge habe ich den Fly­er schon wie­der ein biss­chen geän­dert; heut­zu­ta­ge geht das ja zum Glück rela­tiv ein­fach. Das ist für mich sym­bo­lisch für die Ent­wick­lung der Gesell­schaft: Nichts ist zemen­tiert. Alles soll­te in eine gute Rich­tung und posi­ti­ve Zukunft für alle flie­ßen. Eigent­lich ver­brin­ge einen Groß­teil mei­ner Zeit für mein Leben ger­ne mit mei­ner Gei­ge und der Musik und füh­le mich oft über­be­las­tet durch all mein Enga­ge­ment an der Hoch­schu­le. Aber die Gre­mi­en­ar­beit muss getan wer­den, und es fin­den sich nicht alle Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen dazu bereit, die Arbeit fair auf­zu­tei­len. Weil die Hoch­schu­le nicht ohne die vom Gesetz gefor­der­te Gleich­stel­lungs­be­auf­trag­te funk­tio­nie­ren wür­de und ich sehr dank­bar bin, dass sich unzäh­li­ge Men­schen in den ver­gan­ge­nen Jahr­hun­der­ten und Jahr­zehn­ten für die Rech­te von uns Frau­en ein­ge­setzt haben, füh­le ich mich ver­pflich­tet, mich eben­falls ein­zu­set­zen. Und es ist ja auch span­nend, sich zu infor­mie­ren und zu gestalten!
Ein klei­nes Bei­spiel: Ist es nicht ver­rückt, dass es ein „Leh­re­rin­nenz­ö­li­bat“ gab: in der Schweiz bis 1962, in Öster­reich bis 1949 und in Deutsch­land bis 1956 – bis nur zehn Jah­re vor mei­ner Geburt!? Es ist schon so viel für die Gleich­be­rech­ti­gung von Frau­en erreicht wor­den, aber der Weg ist noch nicht am Ende. Ger­ne möch­te ich an die­ser Stel­le eine Lan­ze bre­chen für mehr poli­ti­sches Enga­ge­ment von Musi­ke­rin­nen und Musi­kern: Wir wid­men uns ja vor­wie­gend unse­rer Kunst, doch soll­ten wir uns auch für Geschich­te und Poli­tik inter­es­sie­ren! Gera­de die durch die Coro­na-Pan­de­mie aus­ge­lös­te Kri­se zeigt uns über­deut­lich, dass poli­tisch-gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment der Künst­le­rin­nen und Künst­ler abso­lut not­wen­dig ist!

1 Emp­feh­lun­gen zum gen­der­sen­si­blen Sprach­ge­brauch, www.hfm-wuerzburg.de/service/Regeln/ Partnerschaftliches_Verhalten/Empfehlungen_gendersensible_Sprache.pdf (Stand: 9.6.2021).
2 Leit­fa­den für geschlech­ter­sen­si­ble Spra­che für die HMDK Stutt­gart, www.hmdk-stuttgart.de/fileadmin/downloads/Gleichstellung/Leitfaden_geschlechtersensible_Sprache_HMDK.pdf (Stand: 9.6.2021).

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