© Gesa Riedel

Riedel, Gesa

Es ist wich­tig, die Men­schen zu zeigen“

Wie kann kulturelle Stiftungsarbeit gelingen? Gespräch mit Sandra Wiering

Rubrik: Gespräch
erschienen in: üben & musizieren 3/2022 , Seite 42

Viele künstlerische Projekte sind ohne das Engagement von Stiftungen kaum noch möglich. Das privat initiierte Ensemble Coole ElbStreicher aus Hamburg, ein Zweckbetrieb des Mensch Musik e. V., ermöglicht Kindern und Jugendlichen zwischen fünf und 20 Jahren eine innovative Orchesterarbeit. Zwei Stiftungen unter dem Dach der Haspa Hamburg Stiftung konnten 2021 das alteingesessene Kinder- und Jugendorchester vor dem finanziellen Aus bewahren. Wie war und ist das möglich? Gesa Riedel sprach mit Sandra Wiering von der PaulaStiftung darüber, wie moderne Stiftungsarbeit in Zeiten von Niedrig- und Negativzinsen dennoch funktionieren kann.

Lie­be Frau Wie­ring, kön­nen Sie beschrei­ben, war­um sich in den ver­gan­ge­nen Jah­ren die Lage und damit die Arbeit der Stif­tun­gen erschwert hat?
Das ist ganz ein­fach. Die Erträ­ge von Stif­tun­gen sind durch das Nied­rig­zins­ni­veau auf ein Mini­mum redu­ziert. Nor­ma­ler­wei­se konn­ten die Stif­ter Geld anle­gen und haben Zin­sen bekom­men, z. B. durch kon­ser­va­ti­ve Anla­gen wie Bun­des­an­lei­hen. Dafür gab es noch vor weni­gen Jah­ren 3% Zin­sen. Heut­zu­ta­ge zahlt man dafür, Geld bei einer Bank zu depo­nie­ren. Es gibt soge­nann­te Ver­wah­rent­gel­der. Für die genann­ten Bun­des­an­lei­hen müs­sen jetzt sogar 0,5% Zin­sen gezahlt wer­den. Das heißt, eine Stif­tung macht mit ihrem Ver­mö­gen ein Minus – und das darf sie nicht, denn sie darf nicht den soge­nann­ten Stif­tungs­stock schmä­lern. Wenn Stif­tun­gen mit ihren Geld­an­la­gen kei­ne Erträ­ge erzie­len, kön­nen die Stif­tungs­zie­le nicht erreicht wer­den, weil kei­ne Aus­schüt­tun­gen mehr mög­lich sind.

Ist abseh­bar, dass sich die­se Situa­ti­on ändern wird?
Nein, ist es nicht. Vie­le Indus­trie­län­der sind hoch ver­schul­det und könn­ten die­se Schul­den nie zurück­zah­len, wenn das Zins­ni­veau wie­der stei­gen wür­de. Es müs­sen neue Wege gegan­gen wer­den. Die Geset­ze haben sich in die­sem Zusam­men­hang für Stif­tun­gen gelo­ckert. Sie kön­nen heu­te z. B. auch in Wohn­pro­jek­te oder Akti­en inves­tie­ren. Auf die­se Wei­se kön­nen noch Erträ­ge erzielt wer­den, um den Stif­tungs­zweck zu erfüllen.

Sie lei­ten feder­füh­rend die Stif­tungs­ar­beit der Pau­laStif­tung und sind im August 2021 mit der Web­sei­te www.wir-sind-paula.de an den Start gegan­gen. Wor­in unter­schei­det sich die Stif­tungs­ar­beit der Pau­laStif­tung von ande­ren Stiftungen?
Wir ste­hen in engem Kon­takt mit unse­ren Pro­jek­ten, beglei­ten sie sehr nah und inten­siv, sind oft vor Ort und machen sie für ande­re Men­schen und wei­te­re Stif­tun­gen trans­pa­rent. Das geschieht über Film­auf­nah­men, Inter­views, Fotos und Berich­te, die über die sozia­len Medi­en und unse­re Inter­net­sei­te ver­folgt wer­den kön­nen. So wer­den zwi­schen Men­schen, die oft­mals sehr wenig von­ein­an­der wis­sen und erfah­ren kön­nen, Brü­cken gebaut und The­men in den öffent­li­chen Dia­log gebracht. Hier rufen wir natür­lich auch zu Spen­den auf. Das machen zwar die meis­ten Stif­tun­gen, aber sie errei­chen zu wenige.
Seit im August 2021 die Web­site der Pau­laStif­tung online gegan­gen ist, haben wir mit unse­rem neu­en Stif­tungs­kon­zept eine beträcht­li­che Sum­me an Spen­den über die Inter­net­sei­te für ver­schie­de­ne Pro­jek­te gene­rie­ren kön­nen. Außer­dem spre­chen wir auch ganz gezielt pas­sen­de Part­ner unse­res Netz­werks auf bestimm­te Pro­jek­te an, die kon­kret För­der­gel­der benö­ti­gen. Ein Pro­jekt, zum Bei­spiel ein musi­ka­li­sches, bekommt bei uns die Mög­lich­keit, sich dar­zu­stel­len. Mit die­ser Dar­stel­lung gehen wir in die Öffent­lich­keit und spre­chen dann auch mög­li­che Inves­to­ren aus unse­rem Netz­werk und ande­ren Stif­tun­gen an und spen­den zusätz­lich selbst.
Wir möch­ten Bezie­hun­gen schaf­fen, weil Bezie­hun­gen maß­geb­lich dafür ver­ant­wort­lich sind, dass Men­schen Ver­ant­wor­tung über­neh­men – und zwar nach­hal­tig. Wir wol­len Brü­cken bau­en zwi­schen denen, die spen­den, und den Spen­den­emp­fän­ge­rin­nen und ‑emp­fän­gern, sodass sie sich auf Augen­hö­he begeg­nen kön­nen. Dazu ist die Geschich­te, die Sie, Frau Rie­del, haut­nah erle­ben durf­ten – von der anony­men Spen­de­rin, die Ihr jüngs­tes Pro­jekt zum digi­ta­len Pro­ben des Ensem­bles Coo­le Elb­Strei­cher in Pan­de­mie­zei­ten unter­stützt hat –, ein ganz tol­les Bei­spiel. Die Spen­de­rin hat für Sie Mikro­fo­ne, Inter­faces und Kopf­hörer ange­schafft, die nötig waren, um im vir­tu­el­len Raum pro­ben zu können.

Im engen Kon­takt mit den Projekten

Wie sieht nach­hal­ti­ge Stif­tungs­ar­beit aus und was ist dar­an zukunftsweisend?
Wie bereits erwähnt spre­chen wir gezielt Men­schen aus unse­rem gro­ßen und stän­dig wach­sen­den Netz­werk an. Men­schen, bei denen wir uns vor­stel­len könn­ten, dass sie die­ses Pro­jekt inter­es­siert. So sind die Pro­jekt­in­itia­to­ren nicht die Bitt­stel­ler. Wir gehen in den Dia­log, sowohl mit den Pro­jek­ten als auch mit mög­li­chen Spen­de­rin­nen und Spen­dern. Wir pfle­gen einen engen Kon­takt zu unse­ren Pro­jek­ten und doku­men­tie­ren das. Wir berich­ten immer wie­der über aktu­el­le Ent­wick­lun­gen der Pro­jek­te: Was ist aus den Spen­den­gel­dern gewor­den, wie geht es dem Pro­jekt und was steht Neu­es an?

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 3/2022.