Röbke, Peter

Fähig­kei­ten trai­nie­ren oder Pro­zes­se erfor­schen?

Was heißt eigentlich „professionelles“ Unterrichten in der EMP?

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 2/2010 , Seite 12

Was bedeutet professionelles Unter­richten in einem Fach, in dem das menschlich Besondere und das künstlerisch Überraschende eine so große Rolle spielen können? Der Beitrag versucht pädagogische Professionalität vor allem in einer Haltung des Forschens zu fassen, einer Haltung, die sich auf die Singularität eines jeden Gruppengeschehens und die besonderen ästhetischen Momente im elementaren Musizieren einlassen kann, ohne der Beliebigkeit zu verfallen oder in einem Gruppenchaos unterzugehen.

muss im Herbst 1980 gewe­sen sein: Soeben hat­te ich mein Lehr­amts­stu­di­um hin­ter mich gebracht und schon fand ich mich mit einem Teil­zeit­ver­trag an einer klei­nen Musik­schu­le in der Nähe mei­ner Hei­mat­stadt Essen wie­der, aus­ge­stat­tet mit dem Auf­trag, ­eini­ge Kin­der auf der Gei­ge zu unter­rich­ten und dane­ben auch noch zwei Grup­pen der Musi­ka­li­schen Früh­erzie­hung zu füh­ren. Dass für die MFE an der Musik­schu­le der Schul­mu­si­ker Peter Röb­ke mit Haupt­fach Vio­li­ne ein­ge­stellt wur­de, also jemand, der sich in sei­ner Aus­bil­dung nicht ein ein­zi­ges Mal mit die­sem Fach befasst hat­te, war abso­lut die Norm, ja eigent­lich sogar eine recht gute Idee, denn MFE wur­de durch­aus auch von Per­so­nen ohne jedes musik­päd­ago­gi­sche Stu­di­um unter­rich­tet (böse Zun­gen spra­chen von der MFE als einer Neben­be­schäf­ti­gung für unter­for­der­te Haus­frau­en). Jeden­falls: Wenn Diet­lind Uhlig zufol­ge von einem wirk­li­chen Beruf, also einer „Profes­sion“ erst dann zu spre­chen ist, wenn die Berufs­grup­pe gute Beschäf­ti­gungs­aus­sich­ten hat, für ihre Tätig­keit ein klar defi­nier­ter gesell­schaft­li­cher Bedarf besteht und sie selbst­ständig orga­ni­siert sowie gut und spe­zi­fisch aus­ge­bil­det ist, dann war MFE-Leh­rer oder -Leh­re­rin kein Beruf, son­dern allen­falls eine Beschäftigung.1
Immer­hin aber stand ich nicht völ­lig allein – mein hilf­rei­cher Musik­schul­di­rek­tor drück­te mir das VdM-Cur­ri­cu­lum Tina und Tobi in die Hand, das sich für den ele­men­tar­päd­ago­gi­schen Anfän­ger zunächst durch­aus als hilf­reich erwies. Es nahm mich gewis­ser­ma­ßen an die Hand und prä­sen­tier­te Stun­de um Stun­de aus­ge­feil­te Ver­läu­fe: Wenn es mir nur gelän­ge, die­se Stun­den­bil­der mög­lichst rei­bungs­los in die Pra­xis zu über­set­zen, dann soll­te eigent­lich nicht viel pas­sie­ren und der didak­ti­sche Erfolg wäre mir sicher; Lern­zie­le wür­den effi­zi­ent erreicht, Lern­fel­der aus­rei­chend beackert, Kin­der opti­mal für den Inst­rumentalunterricht vor­be­rei­tet!

Der Ruf nach Pro­fes­sio­na­li­sie­rung

Aus heu­ti­ger Sicht, das heißt nach Jahr­zehn­ten der fach­li­chen Ent­wick­lung und Eta­blie­rung der EMP auch im aka­de­mi­schen Bereich – und das heißt auch: der Aus­bil­dung von hoch qua­li­fi­zier­ten Leh­re­rin­nen und Leh­rern –, ist es leicht, über die dama­li­gen Bemü­hun­gen zu schmun­zeln. Aber wir dür­fen nicht über­se­hen, dass das VdM-Cur­ri­cu­lum durch­aus einen Mei­len­stein in der pro­fes­sio­nel­len Ent­wick­lung der EMP dar­stell­te:
– Immer­hin waren der Erstel­lung ers­te Ansät­ze einer musik­psy­cho­lo­gi­schen Grund­la­gen­for­schung vor­aus­ge­gan­gen, wobei vor allem Hel­mut Moogs Schrift Das Musikerle­ben des vor­schul­pflich­ti­gen Kin­des zu nen­nen ist.
– Der Ver­such, auf die­ser Basis dann metho­di­sche Wege zu bah­nen, auf denen musi­ka­li­sches Wis­sen und musi­ka­li­sche Fähig­kei­ten im Vor­schul­al­ter sys­te­ma­tisch ent­wi­ckelt wer­den könn­ten, war kein Schnell­schuss oder die Kopf­ge­burt ein­zel­ner Autoren: Über Jah­re hin­weg bemüh­te sich ein Team, musik­päd­ago­gi­sche Zie­le und musik­psy­cho­lo­gi­sches Basis­wis­sen im Sin­ne einer ange­wand­ten Wis­sen­schaft („app­lied sci­ence“) zu ver­schmel­zen.
– Schließ­lich wur­den auch Anstren­gun­gen unter­nom­men, Leh­re­rin­nen und Leh­rer dafür zu qua­li­fi­zie­ren, die Resul­ta­te ange­wand­ter Wis­sen­schaft opti­mal und rei­bungs­los im Unter­richts­all­tag umzu­set­zen: Ich ver­wei­se auf den berufs­be­glei­ten­den Lehr­gang für MFE an der Bun­des­aka­de­mie Tros­sin­gen und schließ­lich die MFE-Aus­bil­dung an der Musik­hoch­schu­le Ham­burg unter der Lei­tung von Diethard Wucher.
Das nähert sich schon einer wirk­li­chen Pro­fes­sio­na­li­tät – wobei die Unter­schei­dung zwi­schen „Beruf“ und „Beschäf­ti­gung“ nicht von mir ist: Die Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen einer wis­sens- oder bes­ser: wis­sen­schafts­ba­sier­ten „pro­fes­si­on“ und einer „occupa­ti­on“, die hin­sicht­lich der Grund­la­gen ihres Han­delns im Nebel sto­chert, mehr oder weni­ger auf all­täg­li­chem Tri­al-and-Error beruht und eher zufäl­lig Ergeb­nis­se her­vor­bringt, durch­zieht die berufs­so­zio­lo­gi­sche Lite­ra­tur vor etwa 50 Jah­ren. Kon­kret: hier etwa der Arzt, der auf­grund sei­ner wis­sen­schaft­lich gestütz­ten Ein­sicht in das Kör­per­ge­sche­hen die Krank­heit dia­gnos­ti­ziert und jene The­ra­pie ver­ord­net, die zu evi­den­ten Heil­erfol­gen führt; dort der Sozi­al­ar­bei­ter, der haupt­säch­lich auf­grund von Men­schen­kennt­nis das Schlimms­te zu ver­hü­ten sucht und allen­falls gefähr­de­te und brü­chi­ge Erfol­ge erzielt.

1 vgl. Diet­lind Uhlig: „Auf dem Weg zur Professionali­sierung? Vom Jugend- und Volks­mu­sik­leh­rer zur Instru­men­tal­päd­ago­gin“, in: Üben & Musi­zie­ren 2/2002, S. 26–31.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 2/2010.