Mendelssohn Bartholdy, Felix
Frühe Stücke
für Violine und Klavier, hg. von Birgit Müller
Mendelssohns Nachlass erweist sich immer noch als unerschöpflich. Nachdem seit den 1950er Jahren eine Reihe beachtenswerter, noch vor seinem genialen Oktett von 1825 entstandene Frühwerke bekannt und veröffentlicht wurden, werden mit der vorliegenden Ausgabe erstmals fünf kurze Stücke für Violine und Klavier publiziert, die zu den allerfrühesten überlieferten Arbeiten des Knaben zählen. Sie stammen, wie die Herausgeberin Birgit Müller in ihrem knappen, aber zureichend informierenden Vorwort erläutert, aus zwei Übungsbüchern und einem Notenheft, die Mendelssohn zwischen September 1819 und Januar 1821 nutzte und die noch sein Kompositionslehrer Carl Friedrich Zelter durchsah.
Notiert sind in diesen Konvoluten vor allem Generalbass-Übungen, Choral-Ausarbeitungen, Kanons oder Fugen, aber auch satztechnisch freiere Formen wie Menuette, die natürlich noch keinen Personalstil aufweisen, aber doch weniger Stilimitationen als vielmehr tastende Versuche repräsentieren, selbstständig Musik zu erfinden, die freilich an den großen verehrten Vorbildern wie vor allem Bach oder Mozart gleichsam ihren Halt finden. Diese Stücke führen zumeist keine Besetzungsangaben und sind auch ganz unbezeichnet geblieben, tragen also keine dynamischen Angaben, Artikulationszeichen oder Tempovorschriften.
Die fünf Stücke (ein Andante d-Moll, eine Fuge d-Moll, ein Menuett G-Dur, ein Präludium und Fuge d-Moll/g-Moll sowie ein unbezeichnetes Stück g-Moll), die Birgit Müller aus diesen Konvoluten ausgesucht hat, lassen sich mit sehr plausiblen Gründen der Besetzung von Violine und Klavier zuordnen. Sie eignen sich vorzüglich für den Geigenunterricht: Die Spieltechnik des Klaviers bleibt sehr überschaubar und die Violinstimme ist (bis auf das Andante) in den drei ersten Lagen ausführbar, stellt auch keine großen Probleme, und das Fehlen der Auszeichnung kann sinnvoll genutzt werden, um verschiedene Möglichkeiten zu besprechen und zu probieren. Die zumeist kontrapunktische Faktur der Musik eignet sich vorzüglich, um beim Üben und Spielen auch Fragen der Stimmführung zu behandeln.
Beigefügt sind auch textkritische Anmerkungen der Herausgeberin, die über alle editorischen Maßnahmen mit einer Umsicht und Genauigkeit informieren, die bei dieser Musik fast schon übertrieben wirken, wenn es sich um Notationsfragen handelt. Sicherlich ist es nicht unbedingt nötig, etwa redundante Vorzeichen jeweils als „getilgt“ oder Triolenzahlen als ergänzt einzeln anzuführen; da hätten allgemeine Hinweise genügt. Auch die Identifizierung der Noten im Takt wirkt recht umständlich. Aber natürlich ist editorische Pedanterie eher zu tolerieren als allzu großzügige Pauschalität. Jedenfalls machen die Herausgeberin und der Druck diese kleinen Stücke in einer Weise zugänglich, die keine Wünsche offenlässt.
Giselher Schubert


