Arnold, Simon
„Für den Künstler wie für das kleine Kind“
Zur Lernmethode von Theodor Leschetizky (1830–1915)
Er galt als der Meistermacher des 19. Jahrhunderts: Der Klavierpädagoge Theodor Leschetizky unterrichtete die großen Pianisten seiner Zeit. Doch wie übte er konkret neue Stücke ein und was gab er seinen Schülerinnen und Schülern mit, um Werke zu erarbeiten?
Theodor Leschetizky wurde auf Schloss Łańcut im heutigen Polen geboren. Seine Eltern lebten auf dem Anwesen, da Leschetizkys Vater Josef dort als Musiklehrer für die Kinder der Adelsfamilie Potocki angestellt war.1 Schon im Alter von drei Jahren zeigte Theodor musikalisches Interesse und wurde bald darauf von seinem Vater unterrichtet.2 Gerne spielte er anderen am Klavier vor. Im Alter von neun Jahren gab er sein öffentliches Debüt.3 Mit elf schließlich wurde er Schüler des renommierten Klavierpädagogen Carl Czerny, von dessen Unterricht er sehr profitierte.4
Um einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, zog Leschetizky als junger Mann nach St. Petersburg. Hier machte er sich einen Namen als Klavierpädagoge und spielte eine wichtige Rolle bei der Entstehung des St. Petersburger Konservatoriums.5 1878 zog er schließlich nach Wien,6 wo er bis zu seinem Tod lebte. Als Pianist konzertierte er in ganz Europa. Zahlreiche seiner Schülerinnen und Schüler wie Ignacy Paderewski, Anna Jessipowa, Ignaz Friedman und Artur Schnabel prägten das pianistische Zeitgeschehen und sprachen voller Zuneigung und Respekt über ihre Zeit mit Leschetizky.
Leschetizkys „Methode“
Leschetizky genoss Zeit seines Lebens einen hervorragenden Ruf als Lehrer und die Meisterschaft seiner Schülerinnen und Schüler war so offensichtlich, dass viele sich fragten, was seinen Unterricht auszeichnete und worin seine Lehrmethode bestand.7 Tatsächlich hatte Leschetizky keine Methode für das Erlernen einer Spieltechnik und unterrichtete keinesfalls nach einer bestimmten „Schablone“, sondern im Hinblick auf die Individualität eines jeden Schülers. Seine Biografin Annette Hullah schreibt:
„,Ich habe keine technische Methode‘, betonte Leschetizky; ‚es gibt bestimmte Möglichkeiten, um bestimmte Wirkungen zu erzielen. Ich habe diejenigen herausgefunden, die am erfolgreichsten sind, aber ich habe keine eisernen Regeln. Wie sollte das auch funktionieren, wenn man sie hätte? Ein Schüler braucht dies, der andere das; die Hände unterscheiden sich und die geistigen Voraussetzungen auch. Da kann es keine Regeln geben. Ich bin eher wie ein Arzt, zu dem Schüler als Patienten kommen, um ihre musikalischen Krankheiten kurieren zu lassen. Und die Therapie sieht in jedem Fall eben anders aus.‘“8
Der Bereich hingegen, in dem man tatsächlich von einer Leschetizky-Methode sprechen kann, ist der klar umgrenzte Bereich der Werkerarbeitung. Leschetizky: „Einen gewissen Anteil in meinem Unterricht, den man, wenn Sie so wollen, als ‚Methode‘ bezeichnen könnte, gibt es schon. Sie besteht darin, dass ich meinen Schülern die Art und Weise aufzeige, wie man sich ein Musikstück erarbeitet. Diese ist für alle gleich – für den Künstler wie für das kleine Kind.“9
1 Potocka, Angèle: Theodor Leschetizky. Eine Studie des Menschen und Musikers aus persönlicher Bekanntschaft, Fernwald 22016, S. 35.
2 ebd., S. 37 f.
3 ebd., S. 67.
4 ebd., S. 74 f.
5 ebd., S. 213.
6 ebd., S. 236 f.
7 Hullah, Annette: Theodor Leschetizky. Bilinguale Neuausgabe/bilingual New Edition, hg. und kommentiert/ed. and commented von/by Burkhard Muth, Fernwald 32020, S. 69.
8 ebd., S. 70 f.
9 ebd., S. 71.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 4/2026.


