Spychiger, Maria
Geduld bringt Rosen?
Metaphorologische und motivationspsychologische Überlegungen im Begriffsfeld der Geduld
Man kann dem Sprichwort „Geduld bringt Rosen“ nachspüren, sich das Bild der königlichen Blume innerlich vorstellen und die Rosen mit Schönheit, Liebe und Erfolg assoziieren. Hat die Metapher auch Erklärungswert für die nötige Geduld beim Üben und Musizieren und damit für erfolgreiches musikalisches Lernen?
Geduld, ein einheimischer Begriff der Pädagogik1
Metapherntheoretisch gesprochen sind die Rosen das „Vehikel“. Der Linguist Ivor A. Richards hat diese Bezeichnung für das sprachliche Bild eingeführt, zusammen mit dem Begriff „Tenor“ für das damit Gemeinte.2 Das Vehikel transportiert Bedeutung. Es hilft, etwas zu verstehen, was ansonsten schwierig zu erklären wäre. Bei „Geduld bringt Rosen“ geht die Funktion des Vehikels sogar noch weiter: Das Sprachbild steht nicht nur im Dienst des Verstehens bzw. der Vermeidung von Missverständnissen, sondern verweist auf ein Ursache-Wirkungs-Verhältnis, auf ein Ergebnis. Geduld führt zu Erfolg.
Der Bezug von Tenor und Vehikel ist metaphorologisch gesichert, wenn die beiden – das Gemeinte und das Sprachbild – mindestens ein strukturelles Merkmal gemeinsam haben, das man auch wirklich versteht. Sagt jemand „Die Sonne versank wie eine riesige Blutorange im Meer“ handelt es sich um das Beispiel einer lebendigen Metapher,3 das heißt, sie befördert das Vorstellungsvermögen und das Verstehen: Form und Farbe des Gegenstands stimmen überein, gegebenenfalls vermittelt das Bild auch eine Assoziation zum Vorgang des Sinkens via Schwerkraft der Orange, für die man ein kinästhetisches Empfinden hat. Zwischen Rosen und Erfolg gibt es im Kontext des Musiklernens ebenfalls zahlreiche Bezüge und Interaktionen. Mit dem Vehikel, das zusätzlich mehrdeutig ist, entsteht zum Tenor eine kreative semantische Spannung, die erst durch Nachdenken und Interpretation aufgelöst werden kann.
Im Folgenden fächern wir den Begriff auf und sensibilisieren für den doppelten Ort der Geduld im pädagogischen Verhältnis – auf Seiten der Lehrenden und Lernenden –, um die motivationspsychologischen Implikationen der Geduld zu ergründen. Während die Geduld in pädagogischen Arbeitsfeldern als notwendige Kompetenz eine offensichtliche Präsenz hat, steht sie in der Psychologie, die auf das Individuum blickt, im Schatten anderer Termini, etwa: Bedürfnisaufschub, Resilienz, Hoffnung auf Erfolg, Ausdauer oder Frustrationstoleranz und natürlich die heute omnipräsente Selbstwirksamkeit4 – und deren Erwartung, die self efficacy expectancy.
Für die pädagogische Geduld sei demgegenüber als theoretisches Bezugsfeld etwa an Lev Vygotskijs „Zone der nächsten Entwicklung“5 erinnert. Lernende darin zu begleiten, erfordert pädagogische Kompetenzen wie Lern- und Zielorientierung, Toleranz, Fehlerfreundlichkeit und Vertrauensvorschuss der Lehrperson. Die Abbildung zeigt einen Vorschlag, das Konstrukt der Geduld auf einer ersten Achse vom Lehren hin zum Lernen anzulegen. Am linken Pol findet sich die Geduld der Lehrperson mit den Lernenden, am rechten die Geduld des Lernenden mit sich selbst. Auf der zweiten Achse steht die Zielbezogenheit: Es gibt die Geduld mit bekanntem oder aber unbekanntem Ziel. Letzteres ist oft anspruchsvoller, weil der Ausgang ungewiss ist. Aber auch für die Geduld, mit welcher anhand von Strategien auf ein Ziel hingearbeitet werden kann, etwa mit deliberate practice,6 müssen wichtige Rahmenbedingungen erfüllt sein. Selbstwirksamkeitsüberzeugung zum Beispiel kann nur erreichen, wer schon positive Lernerfahrungen gemacht hat, und zum Bedürfnisaufschub wird eher bereit sein, wer erlebt hat, dass sich das Warten lohnt.
„Jetzt hat er ihn, jetzt hat er ihn!“
Ein ergreifendes Beispiel pädagogischer Geduld erzählte mir einmal eine Lehrperson, in deren Musikunterricht (im 4. Schuljahr) ein Schüler, wir nennen ihn Thilo, einen besonderen Platz einnahm: Er war ein sogenannter Brummer. Die Klasse nahm an einem dreijährigen Schulversuch teil, in dessen Rahmen täglich Zeit für Musik und Singen zur Verfügung stand. Die Lehrperson nutzte die Zeit unter anderem für regelmäßige Stimmbildung, wofür sie gern mit der Klasse im Kreis saß. Die Gruppe machte gute Fortschritte, wobei der brummende Schüler während der Übung eine erhebliche Belastung war. Es bestand die Übereinkunft, dass er immer mitsingt und die Klasse das mitträgt.7 Die Lehrperson übte mit dem Jungen über längere Zeit auch zusätzlich zu zweit. Sie berichtete im Interview, wie – nach Wochen – eines Tages der Junge sich plötzlich in den klingenden Ton einreihte und sein Brummen verschwunden war. In diesem Moment hätte die Klasse unisono angehalten, es sei eine Welle der Erleichterung durch die Gruppe gegangen, und ein Mädchen hätte begeistert gerufen: „Jetzt hat er ihn, jetzt hat er ihn!“
1 Der Terminus „einheimischer Begriff der Pädagogik“ geht auf Johann Friedrich Herbart zurück. Er steht für das unverfälschte Vokabular der Pädagogik mit dessen direkter Verständlichkeit und den eigenen disziplinären theoretischen Bezügen. Demgegenüber verwendet die Pädagogik sehr viel öfter (und zunehmend) psychologische und soziologische Begriffe, um sich theoretisch zu legitimieren.
2 Richards, Ivor Armstrong: „Die Metapher“ (Orig. engl. 1936), in: Haverkamp, Anselm (Hg.): Theorie der Metapher, Darmstadt 1983, S. 31-52.
3 vgl. Ricoeur, Paul: Die lebendige Metapher. Übergänge (Orig. franz. 1975), München 2004.
4 vgl. Bandura, Albert: „Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change“, in: Psychological Review, 2, 1977, 84 Jg., S. 191-215, https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191
5 Die „Zone der nächsten Entwicklung“ nach Lev Vygotskij (1896-1934) kann „als ein Maß für das Lernpotenzial eines Individuums relativ zu seinem momentanen Entwicklungsstand verstanden werden. Ausgehend von dem Konzept der Zone der nächsten Entwicklung soll sich die Instruktion nach Vygotskij mehr an dem Stand der möglichen Entwicklung als an dem Stand der aktuellen Entwicklung orientieren.“ https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/zone-der-naechsten-entwicklung (Stand: 31.8.2026).
6 Eine geeignete Übersetzung ist etwa „absichtsvolles, geplantes, überlegtes Üben“. Ericsson, Anders K./Krampe, Ralf/ Tesch-Römer, Clemens: „The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance“ in: Psychological Review, 3, 1993, 100. Jg., S. 363-406, https://psycnet.apa.org/ record/1993-40718-001 (Stand: 31.8.2026).
7 Eine ausführlichere Beschreibung findet sich in Weber, Ernst Waldemar/Spychiger, Maria/Patry, Jean-Luc: Musik macht Schule. Biografie und Ergebnisse eines Schulversuchs mit erweitertem Musikunterricht, Essen 1993. Es handelt sich um einen Bericht zum Schulversuch mit erweitertem Musikunterricht in der Schweiz in den Jahren 1989 bis 1992.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.


