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Dartsch, Michael

Geduld im Musizierunterricht

Impulse aus Theologie, Philosophie, Päda­gogik und Psychologie

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2026 , Seite 06

Über Geduld wird vor allem in der Theologie, der Philosophie, der Päda­gogik und der Psychologie nachgedacht. Die Ergebnisse dieses Nachden­kens können auch für die Instrumental- und Gesangspädagogik sowie für die Elementare Musikpädagogik Impulse bereithalten. In einem ersten Schritt sollen Schriften über Geduld gesichtet werden. Dabei geht es insbesondere darum, wie der Begriff der Geduld jeweils verstanden wird und was er beinhaltet.

Geduld in der Theologie
Als ältester Gewährsmann soll der frühchristliche Theologe Tertullian konsultiert werden. Seine Schrift De patientia entstand um das Jahr 200. Wie generell in der Theologie, so ist die Geduld für Tertul­lian eine Tugend. Er verweist dabei auf die Ansicht von Philosophen, dass sie sogar die höchste Tugend sei.1 Dementsprechend bringt er sie mit der Liebe in Verbindung, die nach Paulus als die größte unter den göttlichen Tugenden angesehen werden kann.2 Tertullian zufolge erweckt Geduld die Liebe und erhält darüber hinaus den Frieden.3 Schließlich weist er darauf hin, dass Geduld keineswegs mit Gefühl­losigkeit oder sittlicher Gleichgültigkeit zu verwechseln sei.4
Etwa 50 Jahre später schließt Cyprian von Karthago mit einer einschlägigen Schrift an Tertullian an. Er fasst den Segen, den die Geduld „für den Christen in allen Lebens­lagen in sich birgt“,5 unter anderem so zusammen: „demütig im Glück, mutig im Unglück“.6 Hier wird eine Sichtweise deutlich, die das eigene Vermögen, Glück zu schaffen, nicht überschätzt und die dennoch tatkräftig gegen das Unglück zu Werke geht. Ungefähr tausend Jahre später verfasst Thomas von Aquin seine Summa theologiae, in der er sich ebenfalls der Geduld widmet. Auch für ihn ist sie eine Tugend. Als solche verhilft sie der Vernunft gegen die Leidenschaften zu ihrem Recht. Insbesondere wirkt sie gegen die Trauer und verbreitet im Gegenteil Freude.7
In jüngerer Zeit hat der evangelische Theologe Eberhard Jüngel die Geduld allerdings als langen Atem der Leidenschaft bezeichnet, die Leidenschaft also wiederum ins Recht gesetzt.8 Die Geduld, die für etwas aufgebracht wird, speist sich danach aus der Leidenschaft dafür. Im selben Band beschreibt der katholische Theologe Karl Rahner Geduld als „Ausharren in der […] Spannung zwischen rationaler Einsicht und freier Entscheidung“.9 Einerseits gilt es vernünftig zu handeln, andererseits gibt es im Letzten keine zwingenden Gründe dafür, wie in einer konkreten Situation zu handeln wäre, sodass eine freie Entscheidung notwendig ist.

Geduld in der Philosophie
Auch der Philosoph Christian Garve, ein Zeitgenosse Immanuel Kants, sieht Geduld als eine Tugend an.10 Ihm zufolge ist sie für den Menschen notwendig11 und führt zu vernünftigem Nachdenken12 ebenso wie zu guter Laune.13 Nicht zuletzt hängt es für ihn von den Eigenschaften des Individuums ab, ob es Geduld aufbringen kann. So befindet er: „Überhaupt ist derjenige Mensch zur Geduld am fähigsten, der in sich selbst eine Quelle der Zufriedenheit und des Vergnügens hat, welche unabhängig von den Dingen und Menschen ist, die ihn umgeben.“14 Garve erörtert auch, was getan werden kann, wenn es an Geduld fehlt, und empfiehlt Übung, um sie befördern.15
Rund 200 Jahre später entfaltet Peter Sloterdijk sein Verständnis von Gelassenheit in einem Sammelband zur Geduld vor dem Hintergrund historischer und drohender Katastrophen und akzentuiert – vergleichbar dem „Mut im Unglück“ bei Cyprian von Karthago – den Zusammenhang von Gelassenheit und Mut: „In unseren besten Augenblicken, wenn vor lauter Gelingen auch das energischste Tun im Lassen aufgeht und die Rhythmik des Lebendigen spontan uns trägt, kann sich der Mut plötzlich melden wie eine euphorische Klarheit oder ein wunderbar in sich gelassener Ernst. Er weckt in uns die Gegenwart. In ihr steigt die Wahrheit mit einem Mal auf die Höhe des Seins. […] Schlechte Erfahrungen weichen zurück vor den neuen Gelegenheiten. […] Jede bewußte Sekunde tilgt das hoffnungslose Gewesene und wird zur ersten einer Anderen [sic!] Geschichte.“16

Geduld in Pädagogik und Psychologie
Bevor der Ertrag der ausgewählten Schriften aus Theologie und Philosophie auf die Praxis des Unterrichts übertragen wird, soll der Blick auf wenige Beispiele aus Pädagogik und Psychologie die Recherchen ergänzen. Für Otto Friedrich Bollnow besteht Geduld im Einklang zwischen objektivem und gewünschtem Zeitablauf.17 Als Voraussetzung von Geduld sieht er die Hoffnung an: „Nur wo Hoffnung ist, da ist auch Geduld möglich, und mit der Hoffnung schwindet notwendig zugleich auch die innere Möglichkeit der Geduld.“18 Die Geduld hat sich so den Glauben, „daß das Ziel doch noch erreicht werden kann, bewahrt“.19 Als weitere Voraussetzung des Übens von Geduld – hier bezogen auf Beziehungen zu anderen Menschen – nennt Jos Schnurer die Empathie. Im sozialen Kontext bedeute Geduld, „wach sein für Menschlichkeit“.20 Als Feld des Einübens von Geduld sieht Schnurer den Dialog.21

1 Tertullian: „Über die Geduld“, aus dem Lateinischen übersetzt von Dr. K. A. Heinrich Kellner, in: Tertullian: Private und katechetische Schriften (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 7), München 1912, S. 34-59, original: ca. 200, https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-9/versions/uber-die-geduld-bkv (Stand: 28.6.2026), hier: S. 35.
2 1. Korinther 13, 13.
3 Tertullian, S. 52 f.
4 ebd., S. 58 f.
5 Cyprian von Karthago: „Vom Segen der Geduld“, in: Des heiligen Kirchenvaters Caecilius Cyprianus sämtliche Schriften, aus dem Lateinischen übersetzt von Julius Baer (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 34), München 1918, unter der Mitarbeit von Ursula Schultheiß, S. 290-310, original: 256, https://bkv.unifr.ch/de/works/cpl-48/versions/ vom-segen-der-geduld-bkv/divisions/3 (Stand: 28.6.2026), hier: S. 306.
6 ebd., S. 307.
7 Aquin, Thomas von: „Summe der Theologie“, in: Die katholische Wahrheit oder die theologische Summa des Thomas von Aquin, deutsch wiedergegeben durch Ceslaus Maria Schneider, Verlagsanstalt von G. J. Manz, Regensburg 1886-1892, original: ca. 1270, https://bkv.unifr.ch/de/works/sth/ versions/summe-der-theologie (Stand: 28.6.2026), hier: ­Secunda pars, quaestio 136, Artikel 1.
8 Jüngel, Eberhard: „Gottes Geduld – Geduld der Liebe“, in: Jüngel, Eberhard/Rahner, Karl: Über die Geduld, Freiburg im Breisgau 1983, S. 9-35, hier: S. 10.
9 Rahner, Karl: „Über die intellektuelle Geduld mit sich selbst“, in: Jüngel, Eberhard/Rahner, Karl: Über die Geduld, Freiburg im Breisgau 1983, S. 37-63, hier: S. 61.
10 Garve, Christian: „Ueber die Geduld“, in: Garve, Christian: Versuche über verschiedene Gegenstände aus der Moral, der Litteratur und dem gesellschaftlichen Leben. Erster Theil, Breslau 1792, S. 1-116, hier: S. 1 ff.
11 ebd., S. 16 ff.
12 ebd., S. 23 f.
13 ebd., S. 27.
14 ebd., S. 38.
15 ebd., S. 71 f.
16 Sloterdijk, Peter: „Die Kunst der Gelassenheit“, in: Stäblein, Ruthard (Hg.): Geduld. Die Kunst des Wartens, Frankfurt am Main 1996, S. 187-198, hier: S. 197 f.
17 Bollnow, Otto Friedrich: „Die Tugend der Geduld,“ in: Die Sammlung, 7. Jg., 1952, S. 296-304, hier: S. 299.
18 ebd., S. 300.
19 ebd.
20 Schnurer, Jos: „Geduld ist eine Tugend“, 22.5.2020, https://www.sozial.de/geduld-ist-eine-tugend.html (Stand: 28.6.2026).
21 ebd.

Lesen Sie weiter in Ausgabe 5/2026.

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