Spiekermann, Reinhild

Gelas­sen­heit und Lebenserfahrung

Instrumentalunterricht mit Erwachsenen ­bietet auch für die ­Lehrenden große ­Chancen

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 6/2009 , Seite 08

Ein Projekt der Hochschule für Musik Detmold untersuchte das Lehren und Lernen von Erwachsenen im Instrumentalunterricht. Die Ergebnisse wurden in Schriftform und auf DVD ausführlich dokumentiert und zeigen, welche Chancen der Instrumental­unterricht mit Erwachsenen nicht zuletzt für die Lehrenden selbst bietet.

Der Erwach­se­ne im Instru­men­tal­un­ter­richt scheint ein the­ma­ti­scher Dau­er­bren­ner zu sein. Schon vor mehr als 25 Jah­ren rich­te­ten die ers­ten Musik­schu­len ihr Augen­merk auf Erwach­se­ne. Mit Argu­men­ten wie Ziel­grup­pen­er­wei­te­rung und unter Ver­weis auf die zukünf­ti­ge demo­gra­fi­sche Ent­wick­lung sowie Ver­än­de­run­gen in der Lebens­ar­beits­zeit wur­de damals ein zukunfts­träch­ti­ger Bereich ent­wor­fen, des­sen Aus­ge­stal­tung aller­dings eini­ge Fra­gen auf­warf. Zu wenig gesi­cher­te Erkennt­nis­se über das musi­ka­li­sche Ler­nen Erwach­se­ner lagen vor, zugleich erhob sich ein Lamen­to über die man­gel­haf­te Aus­bil­dung der Instru­ment­al­lehr­kräf­te. Mit der Ver­öf­fent­li­chung des Sam­mel­bands Musi­ka­li­sche Erwach­se­nen­bil­dung. Grund­zü­ge – Ent­wick­lun­gen – Per­spek­ti­ven durch Gert Holt­mey­er wur­de 1989 ein ers­ter Ver­such unter­nom­men, diver­gie­ren­de Blick­win­kel zu bün­deln und einer Öffent­lich­keit zur Ver­fü­gung zu stel­len. Hubert Dasch­ner steu­er­te 1991 ­eine umfas­sen­de Biblio­gra­fie bei, deren Ursprün­ge in einem Frei­bur­ger For­schungs­vor­ha­ben lagen.
Und heu­te? Die öffent­li­che Dis­kus­si­on um den musi­ka­li­schen Erwach­se­nen ist – nach der anfäng­li­chen Eupho­rie der 1980er Jah­re – zwi­schen­zeit­lich von ande­ren The­men ver­drängt wor­den, was sich leicht nach­voll­zie­hen lässt, wenn man die Erschei­nungs­jah­re der ent­spre­chen­den Publi­ka­tio­nen durchsieht.1 Durch die sich ver­schär­fen­de Dis­kus­si­on um den demo­gra­fi­schen Wan­del, durch zuneh­men­de Ver­brei­tung der Erkennt­nis­se der Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gie der Lebens­span­ne wie auch durch den wei­ter­hin stei­gen­den Legi­ti­ma­ti­ons­druck auf öffent­li­che Bil­dungs­ein­rich­tun­gen scheint der musi­ka­li­sche Erwach­se­ne (vor allem aus der Alters­grup­pe 50+) jetzt erneut in den Blick­punkt der Inter­es­sen zu geraten.2 Auch wenn es inzwi­schen eine beacht­li­che Zahl an wis­sen­schaft­li­chen Ein­zel­un­ter­su­chun­gen gibt, die um unter­schied­lichs­te, von Ver­tre­tern der Pra­xis stam­men­de Bei­trä­ge ergänzt wer­den, lie­gen die­se Schrif­ten ledig­lich ver­sprengt vor. Bild­ge­stütz­te Mate­ria­li­en exis­tie­ren so gut wie nicht.
An die­ser Stel­le setzt ein Pro­jekt der Hoch­schu­le für Musik Det­mold an, das von 2007 bis 2009 unter mei­ner Lei­tung durch­ge­führt wur­de: Einer­seits glaub­te ich an die Mög­lich­keit einer enge­ren Ver­bin­dung von Theo­rie und Pra­xis. Ande­rer­seits woll­te ich Film­ma­te­ri­al erstel­len, wel­ches die Pro­fes­sio­na­li­sie­rung ange­hen­der Instru­men­tal­päd­ago­gen unter­stüt­zen soll­te. Mein Wunsch war darü­ber hin­aus, mög­lichst vie­le Stu­die­ren­de in die Pro­jekt­ar­beit ein­zu­bin­den und die bei ihnen schon vor­han­de­nen Kom­pe­ten­zen in Bezug auf Instru­men­tal­un­ter­richt mit Erwach­se­nen zu erschlie­ßen. Prä­gnan­te Ergeb­nis­se aus dem gesam­ten Pro­jekt soll­ten in Schrift­form und als DVD doku­men­tiert und in Bezug gesetzt wer­den zu bis­lang vor­lie­gen­den Erkennt­nis­sen über den Instru­men­tal­un­ter­richt im Erwachsenenalter.

1 vgl. Rein­hild Spie­ker­mann: Erwach­se­ne im Instru­men­tal­un­ter­richt. Didak­ti­sche Impul­se für ein Ler­nen in der Lebens­span­ne (= üben & musi­zie­ren – tex­te zur instru­men­tal­päd­ago­gik), Mainz 2009, Biblio­gra­fie im Down­­load-Bereich auf www.musikpaedagogik-online.de.
2 Auf Musik­schul­ebe­ne geben zwei aktu­el­le Veröffent­lichungen Auf­schluss über die der­zei­ti­ge Situa­ti­on Erwach­se­ner an Musik­schu­len. So haben vier euro­päi­sche Musik­schu­len in einem gemein­sa­men Pro­jekt, das von 2004 bis 2007 durch­ge­führt wur­de, ver­schie­de­ne Fak­to­ren des Instru­men­tal­un­ter­richts mit ihren Lehr­kräf­ten unter­sucht und dar­aus didak­ti­sche Leit­li­ni­en for­mu­liert: Ted Pawloff/Christian Fürst (Hg.): Neue Wege der Erwach­se­nen­bil­dung an Musik­schu­len. Doku­men­ta­ti­on eines drei­jäh­ri­gen Pro­jekts von vier euro­päi­schen Musik­schu­len, St. Geor­gen 2007. Der Ver­band deut­scher Musik­schu­len hat jüngst unter dem Titel Musik – ein Leben lang! Grund­la­gen und Pra­xis­bei­spie­le zur musi­ka­li­schen Bil­dung von Men­schen im drit­ten und vier­ten Lebens­ab­schnitt ver­öf­fent­licht (Bonn 2008).

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