Gänser, Norman

Gitar­re ONLINE Ele­men­tar 1

Gitarrenschule für Einsteiger, mit Videos, Onlinekurs (optional)

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Doblinger / guitarschool.at, Wien 2020
erschienen in: üben & musizieren 6/2020 , Seite 60

Digi­ta­les ler­nen und die Kom­bi­na­ti­on von digi­ta­len Werk­zeu­gen mit tra­di­tio­nel­len Unter­richts­me­tho­den wird immer wich­ti­ger, auch im Musik- und Instru­men­tal­un­ter­richt. Da klingt der Titel von Nor­man Gän­sers Heft Gitar­re ONLINE span­nend und viel­ver­spre­chend. Hin­ter dem modern klin­gen­den Titel ver­birgt sich jedoch lei­der kein revo­lu­tio­när-digi­ta­les Kon­zept, son­dern eine Gitar­ren­schu­le äußerst tra­di­tio­nel­ler Art, die mit Vide­os und Mit­spiel­tracks auf der zuge­hö­ri­gen Web­site ange­rei­chert wird.
Gegen die Lehr-Inhal­te ist nichts ein­zu­wen­den. Nach einer Ein­füh­rung in Gitar­ren­hal­tung, Fin­ger­be­zeich­nun­gen, Sai­ten­na­men und Noten­le­sen lernt der Schü­ler das Spiel mit Leer­sai­ten und dem Apoyan­do-Anschlag. Anschlie­ßend geht es mit Melo­dien auf der E- und H‑Saite und der Bass­be­glei­tung mit Leer­sai­ten wei­ter. Am Ende des Hefts gibt es auch noch Akkord­dia­gram­me für die gän­gigs­ten Akkor­de in der 1. Lage. Genau­so arbei­te­te schon mei­ne ers­te Gitar­ren­schu­le, die ich 1980 durch­zu­spie­len versuchte.
Und hier­in liegt das Pro­blem die­ser Aus­ga­be. Remi­nis­zen­zen an das Musik­ge­sche­hen der ver­gan­ge­nen 40 Jah­re fin­det man kei­ne. Gän­ser bewegt sich musi­ka­lisch zwi­schen Klas­sik, Folk­lo­re und nicht beson­ders span­nen­den Eigen­kom­po­si­tio­nen, an denen man sicher­lich die rich­ti­ge Tech­nik der klas­si­schen Gitar­re ler­nen kann. Eine Brü­cke zu den Hör­ge­wohn­hei­ten der Schü­le­rIn­nen wird so aber nicht geschla­gen. Auch die Akkor­de am Ende des Ban­des sind nicht für typi­sche Strumming-Pat­terns aus­ge­legt, son­dern meist nur mit drei Sai­ten im klas­si­schen Zupf­mus­ter spiel­bar, sodass eine Ver­bin­dung von Klas­sik-Spiel und Lager­feu­er-Beglei­tung nur sehr schwer her­zu­stel­len ist.
Die Vide­os auf der Web­site hel­fen auch nur bedingt wei­ter. Zuerst fällt auf, dass im Preis des Gitar­ren­hefts nur ein Teil der Songs ent­hal­ten sind. Will man alle Stü­cke als Video/­Play-along haben, muss zuerst der Online-Kurs für 69 Euro gekauft wer­den. Immer­hin wird der Kauf­preis des Hefts ange­rech­net, aber auch 45 Euro sind nicht der preis­güns­tigs­te Deal im Bereich Gitarrenunterricht.
Die kos­ten­lo­sen Vide­os selbst sind rei­ne Per­for­mance-Vide­os, in denen ein nicht sehr modern aus­se­hen­der Schü­ler das Stück durch­spielt. Durch den Anzäh­ler, gut sicht­ba­re Fin­ger­po­si­tio­nen und ein­ge­blen­de­te Noten sind die Vide­os durch­aus hilf­reich beim Üben, bie­ten aber auch nur wenig mehr als die Gitar­ren­stim­me. Gera­de beim Üben ein­fa­cher Anfän­ger-Melo­dien kann ein inspi­rie­ren­der Begleit­track Wun­der wir­ken und die eige­nen beschei­de­nen Anfän­ger­fä­hig­kei­ten musi­ka­lisch deut­lich auf­wer­ten. So bleibt am Ende ein zwie­späl­ti­ger Ein­druck der Online-Gitar­ren­schu­le. Sie wirkt eher wie  der Ver­such, alte Metho­den neu zu ver­pa­cken, als wie ein wirk­lich neu­er digi­ta­ler Ansatz.
Mar­tin Schmidt