Alpheis, Stine
Gut genug statt perfekt?
Zum Umgang mit Leistungsdruck in der Musik
Zwischen Exzellenzanspruch und mentaler Gesundheit bewegt sich der Alltag vieler MusikerInnen seit jeher in einem Spannungsfeld. Welche psychologischen Mechanismen stecken hinter Leistungsdruck und wie können wir gesund damit umgehen? Drei Wege werden skizziert, wie wir eigenständig und innerhalb von Institutionen Leistung neu denken und produktiv gestalten können.
Jemand, der – wie ich – im Februar intensiv die olympischen Winterspiele verfolgt hat, wird sicherlich auch das große Eiskunstlauf-Drama der Männer mitbekommen haben. Der junge 21-jährige Top-Favorit, der in der bisherigen Saison noch keinen Wettkampf verloren hatte, der Sprünge aufs Eis brachte, die technisch sonst niemand annähernd umsetzen kann, und der nach dem Kurzprogramm weit in Führung lag, brach in der Kür gleich im zweiten Sprung ein, stürzte mehrfach und wurde schließlich Achter. Was der junge Eiskünstler erlebt hat, ist in der Sportwelt als „choking under pressure“ bekannt.1 Dieser Begriff beschreibt das Phänomen, dass eine Person – trotz des Strebens nach besonders guter Leistung – das Gegenteil erreicht und weit unter ihrem üblichen Leistungsniveau bleibt. Vermutlich etwas, das viele MusikerInnen im Laufe ihrer Karriere mindestens einmal erleben.
Zwei Theorien versuchen zu erklären, warum wir manchmal unter Druck trotz gegenteiliger Bemühungen versagen: Die Distraktionstheorie geht davon aus, dass bei erhöhtem Druck unsere Aufmerksamkeit von aufgabenrelevanten Reizen weggeleitet wird. Statt uns auf die Musik zu konzentrieren, denken wir plötzlich darüber nach, ob unser Schwarm wohl im Publikum sitzt und was er oder sie über unser Spiel denkt.2 Im Gegensatz dazu postuliert die Explicit-Monitoring-Theorie einen Überfokus auf die Aufgabe.3 Vor einem schwierigen Lauf fokussieren wir uns besonders stark auf den kniffligen Fingersatz – und blockieren damit die automatisierten Prozesse, die über Monate eingeübt wurden. Diese Blockade lässt sich auch neurologisch abbilden: Automatisierte Bewegungen werden tendenziell in der rechten Gehirnhälfte verarbeitet. Versuchen wir jedoch einzelne Bewegungen bewusst zu steuern, ist vor allem die analytischere linke Gehirnhälfte aktiv – die automatisierten Abläufe geraten ins Stocken.4
Scheitern und Wachsen
Auf den ersten Blick wirken die beiden Theorien gegensätzlich. Dennoch kommen beide wohl vielen MusikerInnen bekannt vor und sind vermutlich gleichermaßen gültig. Die Ursache des Leistungsversagens liegt wahrscheinlich in der Art des wahrgenommenen Drucks. Druck wird als wahrgenommene Steigerung der Anreize definiert. Outcome pressure bezeichnet dabei Druck, der durch die Aussicht auf konkrete Ergebnisse oder Belohnungen entsteht – etwa das Gewinnen eines Preises oder Probespiels. Der Fokus liegt auf den Konsequenzen der Leistung. Monitoring pressure hingegen bezeichnet Druck, der durch Anwesenheit von Beobachtenden entsteht, z. B. Publikum oder KollegInnen. Es wird vermutet, dass Aufgaben, die das Arbeitsgedächtnis stark fordern (z. B. Auswendigspielen eines Stücks), bei besonders hohen Anreizen (outcome pressure) besonders anfällig für Ablenkungen oder Sorgen (Distraktionen) sind. Automatisierte Prozesse hingegen, die durch explizites Beobachten gestört werden, sind anfälliger für monitoring pressure, also die Beobachtung durch ein Publikum.5
1 Baumeister, Roy F./Showers, Carolin. J.: „A review of paradoxical performance effects: Choking under pressure in sports and mental tests“, in: European Journal of Social Psychology, 16. Jg., 1986, Heft 4, S. 361-383.
2 Hill, Denise M./Hanton, Sheldon/Matthews, Nic/Fleming, Scott: „Choking in sport: A review“, in: International Review of Sport and Exercise Psychology, 3. Jg., 2010, Heft 1, S. 24-39.
3 Baumeister, Roy F.: „Choking under pressure: Self-consciousness and paradoxical effects of incentives on skillful performance“, in: Journal of Personality and Social Psychology, 46. Jg., 1984, Heft 3, S. 610-620.
4 Masters, Rich/Maxwell, Jon: „The theory of reinvestment“, in: International Review of Sport and Exercise Psychology, 1. Jg., 2008, Heft 2, S. 160-183.
5 Soleimani Rad, Mohammad/Boroujeni, Shahzad Tahmasebi/Jaberimoghaddam, Ali Akbar/Shahbazi, Mehdi: „Performance and decision making of a complex skill under monitoring and outcome pressure conditions: Which of them can reinvestment predict?“, in: Psychology of Sport and Exercise, 59. Jg., 2022, 102128.
Lesen Sie weiter in Ausgabe 3/2026.


