© vectorass_www.stock.adobe.com

Godau, Marc

Hacking Music Education

Über das Potenzial einer Kulturtechnik des Digitalzeitalters für musikpädagogisches Denken und Handeln

Rubrik: Diskussion
erschienen in: üben & musizieren 2/2022 , Seite 52

Ende April 2021 haben SchülerInnen fast ihren gesamten Schuldistrikt im US-Bundesstaat Illinois „gerickrolled“. Die 14-Jährigen ließen zeitgleich auf allen Bildschirmen in sechs Schulen das Musikvideo „Never Gonna Give You Up“ von Rick Astley (1987) abspielen.1 Im Folgenden möchte ich das Potenzial von Hacking für eine Musikpädagogik im 21. Jahrhundert skizzieren. Dazu werde ich Hacking medienhistorisch einordnen, damit verbundene Praktiken und Haltungen beleuchten sowie auf Spielarten und deren Relevanz für Musikschulen hinweisen.

Berich­te wie der ein­gangs erwähn­te Vor­fall in Illi­nois ver­blüf­fen auf­grund ihrer Ambi­va­lenz: Zum einen amü­siert die Situa­ti­on, da das Musik­vi­deo im Früh­jahr 2021 auf Social Media Platt­for­men viral ging, was die Wahl eines über 30 Jah­re alten Songs recht­fer­tigt und die Wit­zig­keit des Streichs unter­streicht. Zum ande­ren wur­de offen­sicht­lich von min­der­jäh­ri­gen Hacke­rIn­nen eine Straf­tat began­gen, die jedoch ent­schei­den­de Sicherheits­lücken auf­deck­te. Und so ern­te­ten die Jugend­li­chen anstatt einer Dis­zi­pli­nie­rung den Dank des tech­ni­schen Direktors.2

Hel­din­nen der nächs­ten Gesellschaft

Medi­al ste­hen Hacke­rIn­nen regel­mä­ßig im Ram­pen­licht. Dazu gehö­ren fik­tio­na­le Film­hel­dIn­nen wie Mac­Gy­ver, Lex (Juras­sic Park), Neo (Matrix) und Lis­beth Salan­der (Ver­blen­dung) oder rea­le Per­so­nen und Grup­pen wie Juli­an Assan­ge (Wiki­Leaks), Edward Snow­den, der Cha­os Com­pu­ter Club (CCC) und Anonymous.
Hacke­rIn­nen sind ein Pro­dukt des Digi­tal­zeit­al­ters. Folgt man dem Sozio­lo­gen Dirk Baecker,3 dann gehen Medi­en­um­schwün­ge mit gesell­schaft­li­chen Ver­än­de­run­gen ein­her. So sei die Erfin­dung der Schrift mit einem Sym­bol­über­schuss und der Ent­ste­hung zweck­orientierten Den­kens ein­her­ge­gan­gen, der Buch­druck sowie die mas­sen­haf­te Ver­viel­fäl­ti­gung und Ver­brei­tung von Tex­ten habe einen Über­schuss an Kri­tik pro­du­ziert, wobei die Kul­tur­form das Gleich­ge­wicht beför­der­te, sodass Gegen­kri­tik auf Kri­tik fol­gen konn­te. Schließ­lich führ­te die Ver­brei­tung des Com­pu­ters zu einem Kontrollüberschuss.
Das beschränkt sich nicht auf staat­li­che oder insti­tu­tio­nel­le Kon­troll­for­men. Bei­spiels­wei­se geht die Zunah­me immer intui­ti­ve­rer, kos­ten­frei­er Musik-Soft­ware und ‑Hard­ware sowie von Musi­kapps mit einer Zunah­me geschlos­se­ner Sys­te­me ein­her. Bedien­freund­lich­keit ist über­spitzt for­mu­liert ein Poten­zi­al einer Tech­no­lo­gie, die uns schnell mit ihr umge­hen lässt, sodass wir als Use­rIn­nen das machen, was wir tun sol­len. Wer kon­trol­liert hier wen, wir die Tech­no­lo­gie oder sie uns? Gra­vie­rend kommt hier oft der geplan­te Ver­schleiß (plan­ned obso­los­cen­se) hin­zu, ein Design­fea­ture vie­ler Digi­tal­tech­no­lo­gien, das zur Ver­schlech­te­rung der Nut­zung bis hin zur Unbrauch­bar­keit führt und wie­der­um zum Neu­erwerb drängt. Die­ses Phä­no­men betrifft einer­seits Gren­zen der Lega­li­tät und der Vor­herr­schaft von Unter­neh­men. Ande­rer­seits legen wir so heu­te die Grund­la­ge für die Müll­ber­ge von morgen.
In der Kul­tur­tech­nik des Hacking ver­wirk­licht sich nun­mehr die Idee, auf andau­ern­des Kon­trol­liert-Wer­den mit Kon­trol­lie­ren eben­die­ses Kon­trol­liert-Wer­dens zu ant­wor­ten. Der Köl­ner Kunst­päd­ago­ge Tors­ten Mey­er poin­tiert das wie folgt: „Der Held der nächs­ten Gesell­schaft, Sach­ver­wal­ter der Kul­tur und vor­bild­li­ches Ide­al für Bil­dungs­pro­jek­te ist nicht mehr der an die öffent­li­che Ver­nunft appel­lie­ren­de Intel­lek­tu­el­le der Auf­klä­rung, nicht mehr der den Ver­gleich des Rea­len mit dem Idea­len beherr­schen­de Kri­ti­ker, kurz: nicht mehr das sou­ve­rä­ne Sub­jekt der Moder­ne, son­dern der Hacker.“4

Hacking als ethi­sche Haltung

In vie­len Fäl­len sind Hacks Not­lö­sun­gen, inso­fern die ori­gi­nel­len Ein­fäl­le auf exis­ten­zi­el­le Pro­blem­la­gen und Ohn­macht reagie­ren. Aus­gangs­punkt ist stets ein Wider­stand gegen einen Sta­tus Quo, mit dem sich Hacke­rIn­nen auf­grund der Ein­schrän­kun­gen in Frei­heit und Mit­be­stim­mung nicht zufrie­den­ge­ben (wol­len). Für den Kul­tur- und Medi­en­wis­sen­schaft­ler Felix Stal­der sind Künst­le­rIn­nen und Hacke­rIn­nen zwei Sei­ten einer Medail­le, da bei­de nach Frei­heit streben.5 Aller­dings bil­den nicht künst­le­ri­sche Frei­heit, son­dern Unfrei­heits­er­fah­run­gen die Grund­la­ge für HackerInnen.

1 White­Hood­Ha­cker: „IoT Hacking and Rick­rol­ling My High School District“, 4.10.21, https://whitehoodhacker.net/posts/2021–10-04-the-big-rick (Stand: 3.3.2022).
2 t3n digi­tal pioneers: „Rick­rol­ling: Schü­ler hacken gan­zen Schul­be­zirk für 80er-Hit, https://t3n.de/news/big-rick-schueler-hacken-rick-rolling-1417275 (Stand: 3.3.2022).
3 Dirk Baecker: Stu­di­en zur nächs­ten Gesell­schaft, Frank­furt am Main 2007, S. 147–169.
4 Tors­ten Mey­er: Next Art Edu­ca­ti­on, Köln 2013, S. 14, http://kunst.uni-koeln.de/_kpp_daten/pdf/ KPP29_Meyer.pdf (Stand: 3.3.2022)
5 Felix Stal­der: „Hacker als Pro­du­zen­ten“, in: Domi­nik Land­wehr (Hg.): Hacking, Basel 2014, S. 182–191.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 2/2022.