Stadtfeld, Martin

Hän­del Variations

Transkriptionen für Klavier solo auf Themen von Georg Friedrich Händel

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2019
erschienen in: üben & musizieren 3/2020 , Seite 63

Tran­skrip­tio­nen für Kla­vier waren im 19. Jahr­hun­dert üblich und hat­ten in einer Zeit, wo den Men­schen noch kei­ne Ton­trä­ger zur Ver­fü­gung stan­den, den Sinn, auch weni­ger bekann­te Wer­ke auf die­sem Wege zu ver­brei­ten. Heut­zu­ta­ge ist es eher unge­wöhn­lich und ein biss­chen wie aus der Zeit gefal­len, wenn ein nam­haf­ter Pia­nist, offen­sicht­lich unbe­rührt von his­to­ri­scher Auf­füh­rungs­pra­xis, einen gan­zen Band mit Tran­skrip­tio­nen von Georg Fried­rich Hän­del veröffentlicht.
Die elf pia­nis­tisch zum Teil recht anspruchs­vol­len Wer­ke ver­wen­den bekann­te Ari­en und wei­te­re The­men des Barock­meis­ters, unter ande­rem aus sei­ner Oper Giu­lio Cesa­re oder aus ver­schie­de­nen Instru­men­tal­stü­cken. Der oft­mals voll­grif­fi­ge, mit Ter­zen, Okta­ven und Arpeg­gi­en ange­häuf­te Kla­vier­satz ent­spricht dem Klang­ide­al des 19. Jahr­hun­derts. Dabei wird es klang­lich manch­mal opu­lent wie einst­mals bei Brahms oder Buso­ni, wenn die­se die alten Meis­ter bear­bei­te­ten. Sol­che Arran­ge­ments heu­te zu spie­len, berei­tet dem­je­ni­gen, der sich der his­to­ri­schen Auf­füh­rungs­pra­xis und den damals ver­wen­de­ten Ton­ar­ten sowie dem Ambi­tus der Baro­ck­in­stru­men­te ver­pflich­tet fühlt, eher Probleme.
Wer aber Mar­tin Stadt­felds uner­schüt­ter­li­cher Lie­be für sein Ins­trument und zu einem Kom­po­nis­ten, der unsterb­li­che Melo­dien und Har­mo­nie­fol­gen erfun­den hat, fol­gen möch­te, wird an machen der Arran­ge­ments Gefal­len fin­den. So bei­spiels­wei­se an der an Pachel­bels Kanon ange­lehn­ten Pas­sa­cail­le in Fis-Dur, wel­che sich auf acht Sei­ten va­riantenreich ent­fal­tet oder an den umfang­rei­chen Sara­ban­de Varia­ti­ons in d‑Moll.
Letz­te­re sind das span­nends­te Werk des Hefts. Aus der Melo­die­se­quenz in Quart­schrit­ten, von der Sub­bass­la­ge des Flü­gels aus­ge­hend, ent­wi­ckeln sich zehn fan­ta­sie­vol­le Varia­tio­nen mit weit auf­ge­fä­cher­ten Arpeg­gi­en und Akkord­re­pe­ti­tio­nen bis hin zum „assai agi­ta­to“. Ein kur­zes Rezi­ta­tiv erin­nert an Beet­ho­vens „Sturm-Sona­te“, bevor eine Fuge mit chro­ma­ti­scher Melo­die­be­we­gung und dar­aus sich bil­den­den span­nen­den Har­mo­nie­ver­bin­dun­gen anhebt. Gegen Ende in Varia­ti­on X erscheint das The­ma von Hän­dels d‑Moll-Sara­ban­de nahe­zu im Ori­gi­nal, anders als der Pia­nist im Vor­wort schreibt, und das Werk endet „improv­vi­san­do“ mit gelös­ten Melo­dief­los­keln, ganz in der Art einer baro­cken Fantasie.
Bei Lascia ch’io pia­n­ga und Omb­ra mai fù beschränkt sich Stadt­feld auf Wie­der­ho­lung der Melo­dien und Har­mo­nie­fol­gen. Ledig­lich der Kla­vier­satz ändert sich bei die­sen eher schlich­ten Arran­ge­ments, bei­spiels­wei­se wan­dert die Melo­die vom Dis­kant in die Mittellage.
Mar­tin Stadt­felds Hän­del Varia­tions sind ein sehr per­sön­li­ches Bekennt­nis zu einem der größ­ten Barock­meis­ter und soll­ten auch nur als ein sol­ches gese­hen wer­den. Im Kla­vier­un­ter­richt wären doch eher Ori­gi­nal­wer­ke Hän­dels zu emp­feh­len – und dem erfah­re­nen Pia­nis­ten sei­en die Ori­gi­nal­par­ti­tu­ren der Vokal­wer­ke ans Herz gelegt.
Chris­toph J. Keller