Lehmann, Andreas C. / Reinhard Kopiez (Hg.)

Hand­buch ­Musik­psy­cho­lo­gie

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Hogrefe, Bern 2018
erschienen in: üben & musizieren 4/2018 , Seite 56

Das vor­lie­gen­de Nach­schla­ge­werk zu weit auf­ge­fä­cher­ten musik­psy­cho­lo­gi­schen The­men erscheint nun­mehr seit 1985; 1993 und 2008 wur­de es jeweils über­ar­bei­tet. Der Unter­schied zu frü­he­ren Aus­ga­ben besteht dies­mal dar­in, dass es vom Umfang her deut­lich gewach­sen ist und vor allem aktua­li­sier­te und neu geord­ne­te Inhal­te und Anre­gun­gen ent­hält, wie z. B. den Bereich „Musi­ka­li­sche Ent­wick­lung“, der nun über­sicht­lich nach Alters­grup­pen geglie­dert ist. Ins­ge­samt wur­den die sie­ben The­men­ab­schnit­te „Musik­kul­tur und Sozia­lisation“, „Musi­ka­li­sche Entwick­lung“, „Musik und Medi­en“, „Mu­sikleben“, „Grund­la­gen der Musik­wahr­neh­mung“, „Wir­kun­gen“ und „For­schung“ bei­be­hal­ten.
Da die AutorIn­nen hier Infor­ma­tio­nen aus­brei­ten, die auf­grund gesi­cher­ter For­schungs­er­geb­nis­se vor­lie­gen, dürf­ten pro­fes­sio­nel­le Musi­ke­rIn­nen nur bedingt Hil­fen und Ant­wor­ten auf indi­vi­du­ell sich auf­drän­gen­de pra­xis­re­le­van­te Fra­gen fin­den. Oft ist der aus­üben­de Musi­ker mit sei­nem (funk­tio­nie­ren­den) Wis­sen und Kön­nen schon einen Schritt vor­aus; doch kann er sich hier einen ers­ten Über­blick zum For­schungs­stand ver­schaf­fen.
So wird in „Kom­po­si­ti­on und Impro­vi­sa­ti­on“ deut­lich, dass die unter­schied­li­chen Mecha­nis­men für krea­ti­ve Pro­zes­se wohl auch in Zukunft nur indi­vi­du­ell phä­no­me­nologisch beschrie­ben wer­den kön­nen und sich einer zeit­über­grei­fen­den all­ge­mei­nen Theo­rie ent­zie­hen – glück­li­cher­wei­se!
Oder es wird in „Mythen und Legen­den zur Wir­kung von Musik“ deut­lich belegt, dass bei­spiels­wei­se die soge­nann­ten Trans­fer­ef­fek­te wie Stei­ge­rung von Intel­li­genz und Sozi­al­ver­hal­ten durch Musik­hö­ren ledig­lich den Zweck ver­fol­gen, media­le Auf­merk­sam­keit zu erre­gen. Im Kapi­tel „Amu­sien – Stö­run­gen der Musik­ver­ar­bei­tung“ wer­den schließ­lich Fort­schrit­te in der neu­ro­wis­sen­schaft­li­chen For­schung beschrie­ben, bei denen es um bestimm­te Ver­fah­ren der zen­tral­ner­vö­sen Musik­ver­ar­bei­tung geht.
Inter­es­sant sind vor allem die Bei­trä­ge, die für das Fach­ge­biet Musik­ver­mitt­lung bzw. Musik­un­ter­richt grund­le­gen­de Aspek­te bereit­stel­len. So bei­spiels­wei­se in den Kapi­teln „Ler­nen, Übung und Moti­va­ti­on“ oder auch in „Musi­ka­li­sche Ent­wick­lung“ und hier ins­be­son­de­re in den Abschnit­ten „Alters­be­zo­ge­ne Funk­ti­ons­ver­lus­te“, „Flui­de und kris­tal­li­ne Intel­li­genz…“ und „Musik­hö­ren, Sin­gen, Tan­zen und Musi­zie­ren: Bei­trä­ge zum Wohl­be­fin­den“.
Neu auf­ge­nom­men wur­de auch der Arti­kel über Grup­pie­rung, Ord­nung und Ähn­lich­keit in der Musik, der wesent­li­che Grund­lagen der Musik­wahr­neh­mung auf­zeigt. Die hier beschrie­be­nen Gestalt­ge­set­ze soll­ten jedoch eher Gestaltprinzipi­en oder Gestal­theu­ris­ti­ken genannt wer­den, da sonst der Ein­druck ent­steht, dass es sich um regel­haf­te und ein­deu­ti­ge Vor­her­sa­gen han­delt. Unter die­sen Aspek­ten wäre eine Erwei­te­rung der The­men um den Bereich einer päd­ago­gi­schen Musik­psy­cho­lo­gie denk­bar, ana­log der eta­blier­ten Part­ner­dis­zi­plin. Viel­leicht ja in der nächs­ten Aus­ga­be?
Romald Fischer