Drösser, Christoph

Hast du Töne?

Warum wir alle musikalisch sind

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2009
erschienen in: üben & musizieren 6/2009 , Seite 56

Sonn­tag­abends, wenn aus dem Fern­se­her der musi­ka­li­sche Abspann zum Tat­ort tönt, erhebt sich der Hund des Rezen­sen­ten und schaut erwar­tungs­voll in Rich­tung Sofa. Es ist Zeit für den Abend­spa­zier­gang. Das glei­che fin­det übri­gens auch statt bei Tat­ort-Wie­der­ho­lun­gen zu Zei­ten, zu denen das Gas­si-Gehen gar nicht zur Debat­te steht. Ist der Hund des Rezen­sen­ten musi­ka­lisch? Ist hin­ge­gen die klei­ne Kla­vier­schü­le­rin, die auch nach einem Jahr Unter­richt bei der Fra­ge nach „höher“ oder „tie­fer“ im Ver­hält­nis zwei­er Nach­bar­tö­ne immer noch fra­gend schaut, unmusikalisch?
Hil­fe bei der Beant­wor­tung sol­cher Fra­gen gibt die­ses unge­heu­er fak­ten­rei­che Buch, das sich mit „Musi­ka­li­tät“ popu­lär­wis­sen­schaft­lich, grund­la­gen­ori­en­tiert befasst, auf neu­es­te Ergeb­nis­se der Hirn­for­schung zurück­greift und mit sei­ner an zahl­lo­sen Fak­ten beleg­ten The­se, dass wir eine grund­sätz­lich ange­bo­re­ne Musi­ka­li­tät besit­zen, „eine Lan­ze bre­chen [will] für die musi­ka­li­schen Lai­en und Ama­teu­re, die in Chö­ren sin­gen, in Bands spie­len oder in Laienorchestern“.
Chris­toph Drös­ser ist Mathe­ma­ti­ker und Phi­lo­soph, arbei­tet als Wis­sen­schafts­re­dak­teur bei der Zeit, ist beken­nen­der und kennt­nis­rei­cher Pop-Rezi­pi­ent, ‑Gitar­rist und ‑Sän­ger. Sei­ne Affi­ni­tät zur Klas­sik ist anschei­nend weni­ger aus­ge­prägt. Hät­te er sonst Robert Weis­bergs „Ergeb­nis“, dass Mozart „sein ers­tes Meis­ter­werk mit 21 Jah­ren kom­po­nier­te“ (KV 271), so leicht­fer­tig bestä­tigt und frü­he­re Wer­ke Mozart als „Kurio­si­tä­ten“ bezeich­net, die „kaum öffent­lich auf­ge­führt“ wer­den? Auch man­che Äuße­rung zur Neu­en Musik („schrä­ge Expe­ri­men­te der Zwölf­tö­ner“) blen­det den Hörer aus, der sich einem auto­no­men Musik­werk reflek­tie­rend nähert, Musik ver­ste­hend hört, nicht – wie intel­lek­tu­ell aus­ge­rich­tet auch immer – kon­su­miert. In man­chen sei­ner Bewer­tun­gen scheint Drös­ser zu sehr aus­ge­rich­tet auf die Art von Basis­mu­si­ka­li­tät des nicht musi­ka­lisch aus­ge­bil­de­ten Musik­hö­rers, wel­cher sich sein Buch in beein­dru­cken­der Wei­se wid­met und es zu einem (zumin­dest vor­läu­fi­gen) Kom­pen­di­um zum The­ma „Musi­ka­li­tät“ macht.
Wenn wir alle musi­ka­lisch sind, und zwar von Geburt an, wozu sind wir es? Musik, musi­ka­li­sche Äuße­run­gen auch rudi­men­tärs­ter Art, die Auf­nah­me­be­reit­schaft dafür ver­schafft uns einen evo­lu­tio­nä­ren Vor­teil. Dar­wins Satz von der Musik als Mit­tel, „das ande­re Geschlecht zu bezau­bern“, gilt heu­te noch, sie ist nach wie vor Balz­ri­tu­al, auch wenn nicht mehr unter dem urzeit­li­chen Zwang, mög­lichst vie­le Nach­kom­men zu zeu­gen. Art­erhal­tend wirkt Musik auch in Kriegs­ge­sän­gen mit­tels mut­ma­chen­der Endor­phin-Aus­schüt­tung. Die „fried­li­che“ Wir­kung von Musik schränkt Drös­ser nicht nur in die­sem Zusam­men­hang ein, auch bezüg­lich der gern pro­pa­gier­ten Trans­fer­wir­kun­gen von Musik und Musi­zie­ren hat er einen durch­aus kri­ti­schen Standpunkt.
Über die Tat­sa­che, dass das Ohr uns die Omni­prä­senz unse­rer akus­ti­schen Umwelt beschert, gelangt Drös­ser zu einer Dar­stel­lung des Hör­sinns, die uns ein­dring­lich macht, dass es der „feins­te aller Sin­ne“ ist. Die Wun­der des Schalls, das Ohr und sei­ne Tech­nik und deren Ver­drah­tung im Gehirn wer­den eben­so prä­zi­se wie kurz­wei­lig ver­ständ­ver­ständ­lich gemacht. Musi­ka­li­sche Grund­la­gen (Ska­len, Drei­klän­ge) sind The­ma, wobei die Ska­len­phy­sik trotz allen Stre­bens nach Ver­ständ­lich­keit für musi­ka­li­sche „Dys­kal­ku­lan­ten“ ein Pro­blem blei­ben mag.
Aus­führ­lich nimmt sich das Buch des wei­ten Bereichs all­ge­mei­ner mensch­li­cher Musi­ka­li­tät an, mit zahl­lo­sen Nach­wei­sen und Beschrei­bun­gen von Testar­ten und Test­rei­hen – hier schei­nen anglo­ame­ri­ka­ni­sche For­scher füh­rend zu sein, aus­ge­nom­men der immer wie­der zitier­te Eck­art Alten­mül­ler, „Deutsch­lands pro­fi­lier­tes­ter Musik­for­scher“. Gedan­ken­reich geht es ums Sin­gen und sei­ne Pro­ble­me, um den „Sound­track des Lebens“, um den „uni­ver­sel­len Chill“ im Kapi­tel „Feel – Musik und Gefühl“, um Musik und Gesund­heit im Kapi­tel „Doc­tor, Doc­tor…“, das sich mit Autis­mus oder dem Wil­liams-Syn­drom beschäf­tigt. Übri­gens, es gibt auch unmu­si­ka­li­sche Men­schen: „Amu­sie“ nennt man die­sen Zustand oder auch „ton­taub“. Man kann sogar tes­ten, ob man „tone deaf“ ist: Auf einer Inter­net­sei­te sind aller­lei Ton­bei­spie­le, aber auch Hör­tests und wei­ter­füh­ren­de Links abrufbar.
Für alle, die des Noten­le­sens nicht kun­dig sind, hat Chris­toph Drös­ser eine prak­ti­ka­ble Ersatz­no­ten­schrift erfun­den. Regis­ter, Lite­ra­tur­ver­zeich­nis und Lese­bänd­chen kom­plet­tie­ren den Band, der nicht nur dem basis­mu­si­ka­li­schen Leser, son­dern auch dem musi­ka­lisch aus­ge­bil­de­ten eine Fül­le von Infor­ma­tio­nen in geist­rei­cher Zusam­men­schau bietet.
Gün­ter Matysiak