Berlioz, Hector

Hym­ne sacré

für Bläsersextett, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2016
erschienen in: üben & musizieren 4/2017 , Seite 59

Hec­tor Ber­li­oz ist für sei­ne wür­zi­ge Orches­trie­rung hin­läng­lich bekannt, sei­ne Instrumentations­lehre von 1844, die Richard Strauss noch 1905 revi­dier­te und ergänz­te, übte maß­geb­li­chen Ein­fluss aus auf die euro­päi­schen Kom­po­nis­ten bis ins 20. Jahr­hun­dert hin­ein. Ber­li­oz gehört auch zu den ers­ten fran­zö­si­schen Kom­po­nis­ten, der das in den 1840er Jah­ren ent­wi­ckel­te Saxo­fon und das eben­falls von Adol­phe Sax ent­wi­ckel­te Sax­horn in die Blä­ser­en­sem­bles und Mili­tär­or­ches­ter ein­führ­te.
So besetz­te Ber­li­oz die­se in sei­ner kur­zen, etwa sechs­mi­nü­ti­gen Hym­ne sacré für Blä­ser­sex­tett. Nico­las Prost gab sie her­aus und ver­fass­te außer­dem das kur­ze, drei­spra­chi­ge Vor­wort. Die Urauf­füh­rung fand dem­nach am 3. Febru­ar 1844 in Paris statt. Adol­phe Sax selbst soll sogar den Saxo­fon-Part gespielt haben und es sei das ers­te Mal gewe­sen, dass ein Saxo­fon in einem Kon­zert zu hören war.
Selbst die Ori­gi­nal­be­set­zung ist noch bekannt: Nach der Pari­ser Musik­zeit­schrift La gazet­te musi­ca­le bestand die­se aus einer Trom­pe­te und einem Flü­gel­horn jeweils in Es (hier auch bekannt als Pis­ton), einem gro­ßen Flü­gel­horn in B, einer Sopran- und einer Bass­kla­ri­net­te und einem Bass-Saxo­fon in Es. Vor­lie­gen­de Aus­ga­be ist aller­dings laut Vor­wort „eine freie Nach­schöp­fung des ver­lo­ren gegan­ge­nen Wer­kes Hym­ne sacré pour les instru­ments de Sax“.
Hier sei die Fra­ge erlaubt: Wie frei ist die­se „Nach­schöp­fung“? War­um wur­de nicht die ange­ge­be­ne Beset­zung gewählt, son­dern eine mit Instru­men­ten, die, wie die Trom­pe­te in C oder das Sax­horn in B, heu­te nicht mehr üblich sind, außer es wird dafür eine wei­te­re Bass­kla­ri­net­te besetzt? War­um dann nicht gleich ein Ser­pent in B (das noch Men­dels­sohn und Wag­ner besetz­ten) oder eine Ophik­leï­de in B (Klap­pen­horn)? Letz­te­re besetz­te Ber­li­oz in sei­ner Sym­pho­nie fantas­tique.
Für das „gro­ße Flü­gel­horn in B“ könn­te immer­hin noch ein Tenor­horn gefun­den wer­den, das Bass­saxofon in Es (heu­te in B) ist inzwi­schen das Bari­ton­sax in Es. Das Sax­horn ist wie die Bass­kla­ri­net­te indes unüb­lich im Bass­schlüs­sel notiert. B-Stim­men im Bass­schlüs­sel bei­spiels­wei­se für die B-Posau­ne sind aber inzwi­schen ver­al­tet. In Archi­ven süd­deut­scher Dorf­ka­pel­len fin­den sich noch wel­che, eben­so im älte­ren Stim­men­ma­te­ri­al von Mili­tär­or­ches­tern. Alternativvorschlä­ge sind lei­der nicht vor­han­den. Gewich­ti­ge Grün­de, wes­halb der Kreis der­je­ni­gen, die das Stück über­haupt spie­len kön­nen, ver­schwin­dend klein und umsatz­feind­lich für den Ver­lag wird.
Scha­de. Ein­falls­rei­cher wäre bei­spiels­wei­se ein Satz nur mit Saxo­fo­nen gewe­sen von Sopra­ni­no oder Sopran bis Bari­ton, wahl­wei­se mit Kla­ri­net­ten, Flügelhörnern/Trompeten oder wei­te­ren Blas­in­stru­men­ten. Oder der Ver­lag hät­te wie in den Schul­mu­sik-Aus­ga­ben nur Stim­men mit den Hin­wei­sen B/Es/C gedruckt. Da hät­ten sich sicher­lich meh­re­re inter­es­sier­te Musi­ke­rIn­nen gefun­den, die die­ses Stück für einen fei­er­li­chen Rah­men in Kir­chen auf­ge­führt hät­ten.
Wer­ner Boden­dorff