© Stephan Polzer

Petri-Preis, Axel

Im frucht­ba­ren Zwischen

Zum Gemeinsamen von Musikvermittlung und Community Music

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 5/2022 , Seite 16

Mit kultureller Teilhabe, Partizipa­tion und Inklusion teilen sich Musik­vermitt­lung und Community Music zentrale gemeinsame Werte und Ziele. Und doch erfolgt in Theorie und Praxis in der Regel eine klare Abgrenzung voneinander, indem Differenzen benannt werden. Wo aber könnte – im Wissen um die Ver­schiedenheit der beiden Felder – ihr Gemeinsames verortet werden? Und welches Potenzial könnte in einem engeren Austausch ihrer AkteurInnen liegen?

Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music gewan­nen in den ver­gan­ge­nen zwei Jahr­zehn­ten im deutsch­spra­chi­gen Raum sowohl im theo­re­ti­schen Dis­kurs als auch in der Pra­xis stei­gen­de Bedeu­tung und Auf­merk­sam­keit. In bei­den Fel­dern sind Pro­zes­se der Aka­de­mi­sie­rung, Insti­tu­tio­na­li­sie­rung und Pro­fes­sio­na­li­sie­rung deut­lich erkennbar.1 Dies ist nicht zuletzt vor dem Hin­ter­grund umfas­sen­der gesell­schaft­li­cher Ver­än­de­run­gen zu erklä­ren, die alle Teil­be­rei­che der Gesell­schaft durch­drin­gen und beein­flus­sen. So beschreibt der Sozio­lo­ge Andre­as Reck­witz die gegen­wär­ti­ge spät­mo­der­ne Gesell­schafts­form als „Gesell­schaft der Sin­gu­la­ri­tä­ten“, in der Indi­vi­dua­li­tät, Par­ti­ku­la­ri­tät und das Außer­ge­wöhn­li­che sozi­al und öko­no­misch prä­miert würden.2
Ange­sichts die­ser radi­ka­len Indi­vi­dua­li­sie­rung sowie von Phä­no­me­nen wie Glo­ba­li­sie­rung, Mobi­li­tät und Migra­ti­on wer­den die Hin­ter­grün­de und Lebens­ent­wür­fe von Men­schen zuneh­mend diver­ser und immer weni­ger ver­gleich­bar. In immer gerin­ge­rem Aus­maß kann daher von gemein­sam geteil­ten Wis­sens­be­stän­den, kul­tu­rel­len Prak­ti­ken und Wer­ten aus­ge­gan­gen wer­den, sodass sich zuneh­mend die Fra­ge stellt, was unse­re Gesell­schaft eigent­lich zusam­men­hält, wenn die Men­schen nur mehr wenig mit­ein­an­der ver­bin­det. Rechts­po­pu­lis­ti­sche und natio­na­lis­ti­sche Grup­pie­run­gen und Strö­mun­gen machen sich die Ver­un­si­che­rung zunut­ze, die aus der zuneh­men­den gesell­schaft­li­chen Sin­gu­la­ri­sie­rung resul­tiert, indem sie ihr einen star­ken Gemein­schafts­be­griff gegenüberstellen.
Die­se Ent­wick­lun­gen wir­ken sich auch auf die musik­päd­ago­gi­sche Pra­xis aus, die auf künst­le­ri­scher und künst­le­risch-päd­ago­gi­scher Ebe­ne nach Ant­wor­ten dar­auf sucht. Für die schu­li­sche Musik­päd­ago­gik beschreibt Mario Dun­kel bei­spiels­wei­se, wie im Musik­un­ter­richt mit popu­lis­ti­schen und natio­na­lis­ti­schen musi­ka­li­schen Pra­xen umge­gan­gen wer­den kann.3 Dem Band Vor­zei­chen­wech­sel, her­aus­ge­ge­ben von Peter Röb­ke, Ivo I. Berg und Han­nah Lind­mai­er, liegt die The­se zugrun­de, dass „Musik­päd­ago­gik mehr denn je in den Sog gesell­schaft­li­cher und poli­ti­scher Span­nungs­fel­der zu gera­ten“ scheint.4 Die Diver­si­tät der Gesell­schaft, so die Her­aus­ge­be­rIn­nen, for­de­re das Selbst­ver­ständ­nis einer sich als exklu­siv ver­ste­hen­den künst­le­ri­schen Aus­bil­dung her­aus. Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music wie­der­um, um die sich der vor­lie­gen­de Bei­trag dreht, for­dern das Selbst­ver­ständ­nis eines öffent­li­chen Musik­le­bens her­aus, in dem die soge­nann­te klas­si­sche Musik oder euro­päi­sche Kunst­mu­sik eine hege­mo­nia­le Posi­ti­on ein­nimmt. Klas­si­sche Musik ist, wie Anna Bull ein­drück­lich zeigt, „ein idea­ler Ort für das Bür­ger­tum, um zur Siche­rung ihrer Pri­vi­le­gi­en sym­bo­li­sche, kul­tu­rel­le und öko­no­mi­sche Gren­zen zu konstruieren“.5 Als Dis­tink­ti­ons­ma­schi­ne und Ort bür­ger­li­cher Selbst­ver­ge­wis­se­rung ver­fügt der klas­si­sche Kon­zert­be­trieb über zahl­rei­che Exklusions­mechanismen und gerät ange­sichts gesell­schafts- und kul­tur­po­li­ti­scher For­de­run­gen nach mehr Diver­si­tät und unter dem Ein­druck schwin­den­den Publi­kums zuneh­mend unter Legi­ti­ma­ti­ons- und Veränderungsdruck.
Mit ihrem Fokus auf Wer­te wie kul­tu­rel­le Teil­ha­be, Par­ti­zi­pa­ti­on und Inklusion6 ent­wi­ckeln Akteu­rIn­nen der Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music zahl­rei­che Prä­sen­ta­ti­ons- und Partizipationsformate,7 in denen demo­kra­ti­sche­re Ansät­ze der Pro­duk­ti­on, Auf­füh­rung und Rezep­ti­on von Musik erprobt wer­den. Sie tun dies aus ihrer je unter­schied­li­chen fach­li­chen Sozia­li­sa­ti­on in zwei Fel­dern, die trotz deut­li­cher Unter­schie­de auch über his­to­ri­sche und inhalt­li­che Schnitt­men­gen ver­fü­gen, wie ich noch zei­gen werde.

Der Abstand zwi­schen Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music

In der Lite­ra­tur ist eine deut­li­che Bemü­hung zur Abgren­zung zwi­schen Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music erkenn­bar, wie ich bei­spiel­haft an zwei Tex­ten der Musik­ver­mitt­le­rin Irena Mül­ler-Bro­zo­vic und der Com­mu­ni­ty Musi­ke­rin Ali­cia de Bánffy-Hall zei­gen möch­te. Bei­de Autorin­nen kon­sta­tie­ren aus ihrer jewei­li­gen Per­spek­ti­ve zwar Schnitt­men­gen zwi­schen Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music, gren­zen in der Fol­ge jedoch ihre „eige­ne“ Pra­xis von der jeweils ande­ren ab, indem sie Dif­fe­ren­zen beschrei­ben. So stellt de Bánffy-Hall fest: „Over­all, this wide and varied field [von Musik­ver­mitt­lung] is still main­ly con­cer­ned with the media­ti­on of musi­cal know­ledge, appre­cia­ti­on of clas­si­cal pie­ces of music and skill deve­lo­p­ment from an insti­tu­tio­nal per­spec­ti­ve […] and has no inter­sec­tions with com­mu­ni­ty music in terms of its empha­sis on social chan­ge, con­text and focus on the participant’s needs and aims.“8 Mül­ler-Bro­zo­vic wie­der­um sieht zwar Schnitt­men­gen in par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­jek­ten, kon­stru­iert jedoch eine Dif­fe­renz über unter­schied­li­che Ver­ständ­nis­se von „Musik als sozia­lem Pro­zess“ in der Com­mu­ni­ty Music und einer Kunst­werk­ori­en­tie­rung in der Musikvermittlung.9
Die­se Grenz­zie­hun­gen sind auf Grund der inhalt­li­chen Nähe von Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music mit Pierre Bour­dieu als Sym­ptom eines Kamp­fes um Res­sour­cen und sym­bo­li­sche Macht inter­pre­tier­bar. Mein Ziel in die­sem Bei­trag ist aller­dings, statt einer Abgren­zung durch Dif­fe­renz eine pro­duk­ti­ve Nut­zung der Ver­schie­den­heit vor­zu­schla­gen, um zu erkun­den, wor­in das dar­aus ent­ste­hen­de Gemein­sa­me bestehen könn­te. Bei mei­nen Betrach­tun­gen grei­fe ich eine Denk­fi­gur des fran­zö­si­schen Phi­lo­so­phen Fran­çois Jul­li­en auf. Er argu­men­tiert, dass ein Ver­ständ­nis von Unter­schie­den als Dif­fe­renz zu Iso­la­ti­on und Essen­zia­li­sie­rung führe.10 Für Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music wür­de das ein sta­ti­sches Ver­har­ren in der Ver­schie­den­heit bedeu­ten, was die Flui­di­tät bei­der Fel­der eben­so außer Acht lie­ße wie die Mög­lich­keit einer pro­duk­ti­ven Nut­zung ihrer Unter­schie­de. Jul­li­en emp­fiehlt viel­mehr, Unter­schie­de als Abstän­de zu ver­ste­hen, die in einer Span­nung zuein­an­der ste­hen und dadurch in der Lage sind, aus einem frucht­ba­ren Zwi­schen etwas Gemein­sa­mes hervorzubringen.11 Ich wer­de daher zunächst ver­su­chen, die jewei­li­gen Eigen­hei­ten samt ihrer Über­schnei­dun­gen her­aus­zu­ar­bei­ten, und in der Fol­ge ein Gemein­sa­mes vorschlagen.

1 vgl. Cha­ker, Sarah/­Pe­tri-Preis, Axel: „Pro­fes­sio­na­li­sa­ti­on in the field of Music Media­ti­on“ (= Musik­ver­mitt­lung), unver­öf­fent­lich­ter Vor­trag im Rah­men der Kon­fe­renz isa­sci­ence 2019; de Bánffy-Hall, Ali­cia: The deve­lo­p­ment of com­mu­ni­ty music in Munich, Müns­ter 2019.
2 vgl. Reck­witz, Andre­as: Das Ende der Illu­sio­nen. Poli­tik, Öko­no­mie und Kul­tur in der Spät­mo­der­ne, Ber­lin 2021, S. 19.
3 vgl. z. B. Dun­kel, Mario: „Popu­lis­mus und auto­ri­tä­rer Natio­na­lis­mus in euro­päi­schen Musik­kul­tu­ren als musik­päd­ago­gi­sche Her­aus­for­de­rung“, in: Zeit­schrift für Kri­ti­sche Musik­päd­ago­gik, Son­der­edi­ti­on 5, 2021, S. 121–137.
4 Berg, Ivo I./Lindmaier, Hannah/Röbke, Peter: Vor­zei­chen­wech­sel. Gesell­schafts­po­li­ti­sche Dimen­sio­nen von Musik­päd­ago­gik heu­te, Müns­ter 2019, S. 7.
5 Bull, Anna: Class, Con­trol and Clas­si­cal Music, New York 2019, S. xiv, eige­ne Übersetzung.
6 vgl. hier­zu auch Petri-Preis, Axel: „Musik­ver­mitt­lung und Com­mu­ni­ty Music als Moto­ren von Inklu­si­on im klas­si­schen Kon­zert­le­ben“, in: Hen­nen­berg, Beate/Röb­ke, Peter: Inklu­si­ves Musi­zie­ren. Pra­xis, Päd­ago­gik, Ästhe­tik – am Bei­spiel der All Stars Inclu­si­ve Band Wien, Müns­ter 2022, S. 349–362.
7 Zur Unter­schei­dung von „pre­sen­ta­tio­nal“ und „parti­cipatory for­mats“ vgl. Turi­no, Tho­mas: Music as Social Life: The Poli­tics of Par­ti­ci­pa­ti­on, Chi­ca­go 2008.
8 de Bánffy-Hall, Ali­cia, The deve­lo­p­ment of com­mu­ni­ty music in Munich, S. 58.
9 Mül­ler-Bro­zo­vic, Irena: „Musik­ver­mitt­lung“, www.kubi-online.de/artikel/musikvermittlung (Stand: 21.6.2022).
10 vgl. Jul­li­en, Fran­çois: Es gibt kei­ne kul­tu­rel­le Iden­ti­tät, Ber­lin 2017, S. 76.
11 vgl. ebd., S. 77.

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