Arendt, Gerd

Instru­men­tal­un­ter­richt für alle?

Zur langfristigen Relevanz des Klassenmusizierens und der Notwendigkeit einer Reform des Musikunterrichts

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Wißner, Augsburg 2009
erschienen in: üben & musizieren 3/2010 , Seite 54

Mit Band 91 der Rei­he „Forum Musik­päd­ago­gik“ der Augs­bur­ger Schrif­ten legt Gerd Arendt sei­ne Dis­ser­ta­ti­on an der Uni­ver­si­tät Köln vor. Sein Unter­su­chungs­ge­gen­stand, dem Arendt sich sowohl theo­re­tisch als auch empi­risch nähert, ist das Klassen­musizieren, das der Autor ver­dienst­voll­er­wei­se gegen den Begriff des „Musi­zie­rens im Klas­sen­ver­band“ abgrenzt, womit er der Gefahr ent­geht, sich im gegen­wär­ti­gen dif­fu­sen Gebrauch die­ser Ter­mi­ni zu ver­stri­cken. Arendt kon­kre­ti­siert sein Vor­ha­ben an Strei­cher­klas­sen und führt dazu u. a. eine Befra­gung von 76 Schü­le­rIn­nen der Klas­sen­stu­fen 9, 10 und 13 eines Gym­na­si­ums durch. Ein wei­te­res empi­ri­sches Instru­ment sind Inter­views mit acht ehe­ma­li­gen Schü­lern im Alter zwi­schen 20 und 25 Jahren.
Arendt erör­tert in sei­ner Ver­öf­fent­li­chung nicht nur den der­zei­ti­gen fach­wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­stand, son­dern setzt sich auch kennt­nis­reich mit unter­su­chungs­me­tho­di­schen Fra­gen aus­ein­an­der. Der Autor ent­schei­det sich begrün­det und nach­voll­zieh­bar für sei­ne Vor­ge­hens­wei­se und legi­ti­miert so den Gül­tig­keits­an­spruch sei­ner Unter­su­chungs­er­geb­nis­se. Er spricht vom „gelun­ge­nen inne­ren Ver­suchs­auf­bau“ als wich­ti­gem Kri­te­ri­um für die Plau­si­bi­li­tät der Methodenwahl.
Die von Arendt for­mu­lier­ten Ergeb­nis­se sei­ner Unter­su­chung sind vor allem in den Punk­ten inter­es­sant und zum Teil über­ra­schend, in denen er nahe lie­gen­de The­sen fal­si­fi­ziert. So ergibt sich etwa, dass das Klas­sen­mu­si­zie­ren nicht für die spä­te­re Berufs­wahl ent­schei­dend ist, dass die Puber­tät nicht der ent­schei­den­de Fak­tor bei Brü­chen in der musi­ka­li­schen Bio­gra­fie ist oder dass das Klas­sen­mu­si­zie­ren die Scheu vor Auf­trit­ten nicht min­dert. Was es aber auf jeden Fall leis­tet, ist z. B. ein ver­bes­ser­tes Sozi­al­kli­ma zu schaf­fen oder die Funk­ti­on einer Initi­al­zün­dung zu erfül­len, von der die wei­te­re musi­kalische Ent­wick­lung abhängt.
Die­se Rezen­si­on bie­tet nicht den Raum, alle Ergeb­nis­se des Autors zu refe­rie­ren. Auch sei­ne am Ende for­mu­lier­ten Kon­se­quen­zen für die Fach­di­dak­tik kön­nen hier nur kurz gestreift wer­den, z. B. die For­de­rung nach Ent­wick­lung fach­di­dak­ti­scher Kon­zep­te auf der Grund­la­ge wis­sen­schaft­li­cher For­schung oder die  Idee einer „Agen­da zur För­de­rung indi­vi­du­el­ler Instru­ment­al­leis­tun­gen“ im Zusam­men­hang mit der Fra­ge der Indi­vi­dua­li­sie­rung von Lernprozessen.
Wer sich inten­si­ver mit dem Klas­sen­mu­si­zie­ren aus­ein­an­der­set­zen und sei­ne eige­ne Pra­xis theo­re­tisch gespie­gelt wis­sen möch­te, soll­te die Ver­öf­fent­li­chung von Gerd Arendt unbe­dingt lesen. Sie ist, obwohl sie als Dis­ser­ta­ti­on natur­ge­mäß mit vie­len Tabel­len und „tro­cke­nem“ sta­tis­ti­schen Mate­ri­al auf­war­ten muss, erstaun­lich gut les­bar und ver­ständ­lich geschrie­ben, wofür dem Autor beson­ders zu dan­ken ist.
Wolf­gang Koperski