Brüggemeyer, Maik

I’ve been loo­king for Frie­den

Eine deutsche Geschichte in zehn Songs

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Penguin, München 2018
erschienen in: üben & musizieren 2/2019 , Seite 51

Ihr lun­gert her­um in Parks und in Gas­sen, wer kann eure sinn­lo­se Faul­heit nicht fas­sen? Wir! Wir! Wir!“ Dies ist kein Hetz­kom­men­tar im Inter­net, son­dern die ers­te Stro­phe des Songs Wir von Fred­dy Quinn, mit dem er sich 1966 gegen die auf­kom­men­de stu­den­­tische Pro­test­be­we­gung wand­te. Zur glei­chen Zeit san­gen Lie­der­ma­cher wie Wolf Bier­mann oder Franz-Josef Degen­hardt gegen den klein­bür­ger­li­chen Muff einer Eltern­ge­nera­ti­on an, die unfä­hig war, mit ihren Kin­dern über die per­sön­li­che Ver­stri­ckung in die Gräu­el­ta­ten des Nazi-Regimes zu spre­chen.
Wie sich zu allen Zei­ten die gesell­schaft­li­chen Strö­mun­gen in Lie­dern wider­spie­geln, dies arbei­tet Maik Brüg­ge­mey­er über­zeu­gend her­aus. In zehn Kapi­teln (plus Ein­lei­tung und Zwi­schen­spiel) lässt er die deut­sche Geschich­te vom Ende des Zwei­ten Welt­kriegs bis heu­te Revue pas­sie­ren. Jeweils aus­ge­hend von einem cha­rak­te­ris­ti­schen Song mäan­dern Brüg­ge­mey­ers Gedan­ken anhand vie­ler wei­te­rer Songs durch den jewei­li­gen Zeit­ab­schnitt, um am Ende jedes Kapi­tels wie­der zum Aus­gangs­song zurück­zu­keh­ren.
Brüg­ge­mey­ers Zeit­rei­se beginnt mit den Capri-Fischern, ein Lied, von dem sich heu­te nie­mand mehr vor­stel­len kann, dass es einst von den Nazis ver­bo­ten wor­den war. Einer­seits aus dem offen­sicht­li­chen Grund, dass die Alli­ier­ten an der West­küs­te Ita­li­ens gelan­det waren und qua­si von Capri aus den Vor­marsch gegen Deutsch­land antra­ten; ande­rer­seits weil der auf den ers­ten Blick harm­lo­se Text einen Sub­text ent­hält: „Unter­be­wusst schei­nen hier eher Män­ner in Wehrmachts­helmen auf Fisch­zug zu sein. Denn das ,Ver­giss mich nie‘ spie­gelt viel eher die Erfah­rungs­welt des Sol­da­ten fern der Hei­mat als die des Fischers…“ Erst nach dem Krieg wan­del­ten sich die Capri-Fischer vom Sehn­suchts­lied der Trüm­mer­frau­en, die auf ihre Män­ner war­te­ten, zum Lied der Ita­li­en-Sehn­sucht des Wirt­schafts­wun­der­lan­des.
Aus­ge­hend von der 68er-Revo­lu­ti­on boten Ton, Stei­ne, Scher­ben mit Macht kaputt, was euch kaputt macht – wider Wil­len! – den Sound­track zum blu­ti­gen Deut­schen Herbst, bevor Nena mit 99 Luft­bal­lons das Lebens­ge­fühl des Kal­ten Kriegs mit der all­ge­gen­wär­ti­gen Angst vor der ato­ma­ren Bedro­hung zum Aus­druck brach­te. David Has­sel­hoff lie­fer­te mit I’ve been loo­king for free­dom das pas­sen­de Lied zum Fall der Mau­er, wäh­rend Xavier Nai­doo uns mit Die­ser Weg klar mach­te, war­um ein deut­sches (Fuß­ball-) Mär­chen har­te Arbeit ist.
Und heu­te? Brüg­ge­mey­er hat den Mut, mit sei­ner Ana­ly­se der deut­schen Geschich­te bis in unse­re Gegen­wart zu gehen. Beim Tag der offe­nen Tür im Kanz­ler­amt 2017 sang die deutsch-pol­ni­­sche Sän­ge­rin Bal­bi­na: „Ich muss was gegen das Nichts­tun tun, denn das Nichts­tun tut mir gar nicht gut.“ Bes­ser kann man nicht auf den Punkt brin­gen, was ange­sichts der Läh­mung un­serer Gesell­schaft und der Bedro­hung unse­rer Demo­kra­tie Not tut.
Rüdi­ger Beh­schnitt