Köhler, Wolfgang

Jazz Sona­ti­na

für Violoncello und Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Schott, Mainz 2015
erschienen in: üben & musizieren 1/2016 , Seite 60

Jazz auf dem Cel­lo für Schü­le­rIn­nen? Ganz neu ist die Idee nicht, doch nicht immer gelingt der Spa­gat: Mal gerät der Cel­lo­part rhyth­misch oder lagen­tech­nisch eine Spur zu tri­cky, ein ande­res Mal ist das musi­ka­li­sche Resul­tat (im Inter­es­se der leich­ten Spiel­bar­keit) dann doch nicht wirk­lich span­nend. Wie schafft man es, ganz „nor­ma­le“ Cel­lo­schü­le­rIn­nen für jaz­zi­ge Har­mo­ni­en, Rhyth­men und For­men zu begeis­tern? Gemeint sind sol­che Schü­ler, die noch nicht in den obe­ren Lagen­be­reich ein­ge­stie­gen sind und zugleich (dies kön­nen ver­mut­lich vie­le Fach­kol­le­gIn­nen bestä­ti­gen) am aller­liebs­ten Melo­di­en aus Fluch der Kari­bik und ähn­lich ein­gän­gi­ge Hits spie­len.
Ein Bei­spiel für einen gelun­ge­nen Brü­cken­schlag liegt nun vor. Wolf­gang Köh­ler ist ein ech­ter Pro­fi: Der 1960 Gebo­re­ne hat Jazz von der Pike auf gelernt. Nach Stu­di­en in Ber­lin und den USA spiel­te er in der RIAS-Big- Band, in ver­schie­de­nen For­ma­tio­nen mit Kory­phä­en wie Jiggs Whig­ham und Ran­dy Bre­cker und arbei­te­te für zahl­rei­che Thea­ter-, Film- und Fern­seh­pro­duk­tio­nen. Zugleich ist er pas­sio­nier­ter Leh­rer: seit 1992 zunächst als Lehr­be­auf­trag­ter an der Ber­li­ner UdK, seit 1999 als Pro­fes­sor an der dor­ti­gen Hoch­schu­le für Musik.
Köh­lers drei­sät­zi­ge Jazz Sona­tina zeugt von kom­po­si­to­ri­scher Fan­ta­sie eben­so wie von Ein­füh­lungs­ver­mö­gen in die Mög­lich­kei­ten (und Gren­zen) eines Cel­lo­schü­lers. Das Stück steht in C, es beginnt mit einem Jazz Waltz, der im ter­nä­ren Ach­tel­rhyth­mus gespielt wer­den soll. Der melo­di­sche Ver­lauf ist einer­seits so schlicht, dass genü­gend Gehirn­ka­pa­zi­tät zur Rea­li­sie­rung der swin­gen­den Ach­tel übrig bleibt, ande­rer­seits ent­wi­ckelt sich eine anspre­chen­de Jazz-Melo­die mit Ohr­wurm­qua­li­tä­ten. Es folgt ein lang­sa­mer Satz in c-Moll – gespielt in „strai­ght 8“ – inklu­si­ve kur­zer Blues-Kadenz, und als Final­satz schließt sich unter dem Titel „Latin Jazz“ eine stark syn­ko­pen­hal­ti­ge Rum­ba an. Reiz­voll kon­tras­tie­rend zum Anfangs- und Schluss­ab­schnitt mit sei­nen kräf­ti­gen Kla­vier­bäs­sen erklingt im Mit­tel­teil eine schwe­ben­de E-Dur-Pas­sa­ge, in der sich das Cel­lo ein­mal teno­ral und ein­mal im tie­fen Regis­ter kan­ta­bel ver­neh­men lässt.
Den Cel­lo­part hat die Ber­li­ner Cel­lo­päd­ago­gin Chris­tia­ne Köh­ler mit gut spiel­ba­ren Fin­ger­sät­zen und Strich­emp­feh­lun­gen ver­sehen. Der Ton­raum über­steigt das a' nicht, aller­dings bedarf es einer siche­ren Beherr­schung auch der zwei­ten und drit­ten Lage. In punk­to rhyth­mi­scher Wen­dig­keit wird dem Schü­ler oder der Schü­le­rin im Final­satz eini­ges abver­langt. Zur per­fek­ten Rea­li­sie­rung des raf­fi­niert erson­ne­nen, kei­nes­wegs nur beglei­ten­den Kla­vier­parts sind zwei ver­sier­te Pro­fi­hän­de abso­lu­te Vor­aus­set­zung. Ein gutes Stück, ein geglück­ter Spa­gat – wir wün­schen fröh­li­ches Jaz­zen auf dem Cel­lo!
Ger­hard Anders