Hellhund, Herbert

Jazz

Harmonik, Melodik, Improvisation, Analyse

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Reclam, Ditzingen 2018
erschienen in: üben & musizieren 1/2019 , Seite 50

Das inhalt­li­che Ter­rain, das hier jeweils beschrie­ben, bear­bei­tet und trans­pa­rent gemacht wird, mag durch­aus ver­gleich­bar, wenn auch nicht deckungs­gleich sein. Bezo­gen auf Anspruch und Auf­bau, Umfang und Schwer­punkt­set­zung indes fal­len die bei­den vor­lie­gen­den Ver­öf­fent­li­chun­gen denn doch denk­bar unter­schied­lich aus. Wäh­rend es sich bei Rock & Jazz Har­mo­ny von Ma­thias Löff­ler um ein Arbeits­buch und Nach­schla­ge­werk han­delt, also ein eher enzy­klo­pä­disch-umfang­rei­cher Ansatz ins Werk gesetzt ist, so folgt Her­bert Hell­hunds Jazz in sei­ner kom­pri­mier­ten Dar­stel­lung, die einen ent­schie­de­nen Fokus auf Impro­vi­sa­ti­on setzt, eher einer phä­no­me­no­lo­gi­schen Her­an­ge­hens­wei­se. Je nach Inter­es­sen­la­ge – so viel vor­weg – war­tet jeweils eine durch­weg loh­nen­de Lek­tü­re.
Der Band von Her­bert Hell­hund eröff­net einen eben­so anspruchs­vollen wie prag­ma­ti­schen Ein­stieg in das Ana­ly­sie­ren von Jazz, hier ins­be­son­de­re der Impro­vi­sa­ti­on als des­sen her­vor­ra­gen­dem Pra­xis­merk­mal. Auf die Fra­ge, wie das rasend schnel­le Fin­den und bruch­lo­se Umset­zen musi­ka­li­scher Ide­en in Impro­vi­sa­ti­on über­haupt mög­lich sei und wodurch der Ein­druck eines inne­ren Zusam­men­hangs bei fort­wäh­rend spon­tan gene­rier­ten Ide­en ent­ste­hen kön­ne, weiß der Autor in sei­ner Dar­stel­lung erhel­len­de Ant­wor­ten zu geben.
Die ein­füh­ren­den Kapi­tel stel­len zunächst in denk­bar konzent­riertem Duk­tus zusam­men, was als Wis­sens­fun­da­ment, als ana­ly­ti­sches Rüst­zeug in Sachen musi­ka­li­sche Para­me­ter, Ska­len, Akkor­de und jazz­har­mo­ni­sche Grund­la­gen (dif­fe­ren­ziert nach Jazz­sti­len) gel­ten kann. Das zent­rale Kapi­tel „Struk­tur­mit­tel der Impro­vi­sa­ti­on: Kon­zep­te und Ma­terialien“ prä­sen­tiert dann ein anre­gungs­rei­ches Spek­trum sehr kon­kre­ter Impro­vi­sa­ti­ons­stra­te­gi­en; z. B. rhyth­misch-inter­val­li­sche Durch­bre­chung, das „Tar­nen“ von Ska­len; Addi­ti­ons- und Subs­trak­ti­ons­ver­fah­ren in der Gestal­tung von melo­di­schen Bögen, Akzen­tu­ie­rungs­ab­stu­fun­gen, das heißt Siche­rung einer inter­nen Logik inner­halb von Jazz Lines und vie­les mehr.
Weil aber vie­le gute Details noch nicht das Gelin­gen des Gan­zen garan­tie­ren, unter­streicht Hell­hund zusam­men­fas­send den Stel­len­wert impro­vi­sa­ti­ons­dra­ma­tur­gi­scher Pla­nung für eine fes­seln­de Gesamt­aus­sa­ge – gemäß des Cre­dos von Les­ter Young: „Tell a Sto­ry!“ Ver­voll­stän­digt wird dies alles durch eine gan­ze Rei­he von Improvisa­tionsanalysen aus dem Bereich des Modern Jazz.
Fazit: Begriff­li­che Klä­rung und Pra­xis-Anlei­tung, theo­re­ti­sche Grund­la­gen und hoch­kom­ple­xe Ana­ly­sen – durch und durch über­zeugend das eine wie das ande­re. Und, ohne dass damit das Fas­zi­no­sum ent­wer­tet, das Unein­hol­ba­re jeder gelin­gen­den Impro­vi­sa­ti­on ein­ge­holt wür­de: Es will dies alles ver­stan­den sein als Vor­aus­set­zung für „wis­sen­des“ Hören und „ganz­heit­li­ches“ Ver­ste­hen von Jazz bzw. Gestal­ten eige­ner Impro­vi­sa­ti­on. Unein­ge­schränk­te Lek­tü­re-Emp­feh­lung also für Jazz-Hören­de und Jazz-Prak­ti­zie­ren­de glei­cher­ma­ßen.
Gun­ther Diehl