Lessing, Kolja

Kadenz

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2020 , Seite 22

Haben Sie schon ein­mal eine Kadenz kom­po­niert oder Ihre Schü­le­rIn­nen dazu ange­regt? Falls nicht, mögen fol­gen­de Aus­füh­run­gen als Inspi­ra­ti­on und Ermu­ti­gung die­nen. Die Wur­zeln des Begriffs „Kadenz“ lie­gen im latei­ni­schen Verb cade­re = fal­len. Im musi­ka­li­schen Sprach­ge­brauch defi­niert Kadenz zunächst den abschlie­ßen­den har­mo­ni­schen „Fall“ von der Domi­nan­te zurück zur Toni­ka, davon aus­ge­hend zudem jenen Teil solis­ti­schen Allein­gangs, der in einem Instru­men­tal­kon­zert zumeist am Ende eines Sat­zes jener har­mo­ni­schen Wei­chen­stel­lung (Domi­nant-Sept­ak­kord bzw. Toni­ka-Quart­sext­ak­kord) folgt und Raum zur vir­tuo­sen Selbst­ent­fal­tung eröff­net.
Hilf­reich bei der Kom­po­si­ti­on – im Ide­al­fall sogar Impro­vi­sa­ti­on – einer eige­nen Kadenz ist ein Blick zurück in die Musik­ge­schich­te, zurück zu den ver­gan­ge­nen Stil­epo­chen, die unter­schied­li­che Aus­prä­gun­gen der Instru­men­tal­ka­denz her­vor­ge­bracht haben. Etli­che bedeu­ten­de Kom­po­nis­ten schu­fen mit eige­nen Kaden­zen zu ihren Kon­zer­ten durch­aus ver­schie­den­ar­ti­ge Model­le für die Gestal­tung jenes aus dem sin­fo­ni­schen Kon­text ent­sprin­gen­den solis­ti­schen Auf­tritts: Johann Sebas­ti­an Bach mit der rie­si­gen, rausch­haft sich gleich­sam in Exta­se stei­gern­den Cem­ba­lo­ka­denz im ers­ten Satz des 5. Bran­den­bur­gi­schen Kon­zerts, Wolf­gang Ama­de­us Mozart mit den char­mant dia­lo­gi­sie­ren­den Kaden­zen zu sei­ner Sin­fo­nia con­cer­tan­te für Vio­li­ne und Vio­la Es-Dur KV 364, Felix Men­dels­sohn Bar­thol­dy mit der Kadenz zum ers­ten Satz sei­nes Vio­lin­kon­zerts e-Moll op. 64, in der der Solist erst­mals vom vehe­men­ten Haupt­akteur zum lei­sen Beglei­ter des Orches­ters mutiert und somit einen eben­so naht­losen wie inti­men Über­gang zum sin­fo­ni­schen Gesche­hen ermög­licht. Eben­so neu­ar­tig ist nahe­zu zeit­gleich Robert Schu­manns Idee, die gro­ße Kadenz im ers­ten Satz sei­nes Kla­vier­kon­zerts a-Moll op. 54 mit einem Zitat aus dem Kopf­satz der Gran­de Sona­te g-Moll op. 3 sei­nes früh ver­stor­be­nen Jugend­freun­des Lud­wig Schuncke ein­zu­lei­ten.
Bemer­kens­wert ist die aus dem Geist des Neo­klas­si­zis­mus ent­sprun­ge­ne Syn­the­se aus satz­tech­ni­scher Meis­ter­schaft, kom­po­si­to­ri­scher Fan­ta­sie und höchs­ter Vir­tuo­si­tät, die Kom­po­nis­ten um 1930 in den Kaden­zen zu ihren Instru­men­tal­kon­zer­ten offen­ba­ren. Es scheint, als habe die Rück­kehr zur Tona­li­tät der ver­meint­lich ana­chro­nis­ti­schen Solo­ka­denz neue Impul­se ver­lie­hen. Mau­rice Ravel hat dafür in sei­nen bei­den Kla­vier­kon­zer­ten eben­so bered­tes Bei­spiel gege­ben wie zeit­gleich Béla Bar­tók im ers­ten Satz sei­nes 2. Kla­vier­kon­zerts und Karol Szy­ma­now­ski in sei­ner Sym­pho­nie con­cer­tan­te op. 60 für Kla­vier und Orches­ter.
1933 gestal­tet Dmi­tri Schosta­ko­witsch im ­Fina­le sei­nes ers­ten Kla­vier­kon­zerts c-Moll op. 35 die Kadenz als kapri­zi­ös-par­odis­ti­schen Exkurs, aus­ge­hend von der ver­stö­rend brüsk ein­ge­füg­ten klas­si­schen Kadenz­flos­kel auf dem Domi­nant-Sept­ak­kord. Der hier noch aus­ge­brei­te­te sar­kas­ti­sche Witz im Spiel mit tra­dier­ten Model­len und Moti­ven wan­delt sich Jahr­zehn­te spä­ter in Schosta­ko­witschs Kaden­zen zu sei­nen Vio­lin­kon­zer­ten zu apo­ka­lyp­ti­schen Sze­na­ri­en.
Was zeich­net eine gute Kadenz aus? Zual­ler­erst die über­ra­schungs­rei­che Mischung aus Spiel mit ver­trau­tem Mate­ri­al (figu­ra­tiv, moti­visch, the­ma­tisch) und instru­men­ta­ler Vir­tuo­si­tät, die sich stets an der Rhe­to­rik und har­mo­ni­schen Spra­che des Kon­zerts, eben­so an der spe­zi­fi­schen Instru­men­tal­tech­nik des jewei­li­gen Kom­po­nis­ten ori­en­tiert. Eine gelun­ge­ne Kadenz glie­dert sich orga­nisch in den for­ma­len Gesamt­bau eines Kon­zerts ein, sie wird sich modu­la­to­risch in ihrer Ent­wick­lung vom tona­len Aus­gangs­punkt ent­fer­nen und einen strin­gen­ten Weg zurück ins sin­fo­ni­sche Mit­ein­an­der fin­den. Gera­de bei Kon­zer­ten der Klas­sik eig­nen sich schein­bar unbe­deu­ten­de Moti­ve bzw. Ges­ten, die viel­leicht sogar aus­schließ­lich im Tut­ti erklin­gen, als unver­brauch­te Ele­men­te eines fan­ta­sie­vol­len solis­ti­schen „Spiels“, das gleich­sam rück­bli­ckend oder gege­be­nen­falls anti­zi­pie­rend unge­ahn­te Ver­bin­dun­gen zum sin­fo­ni­schen Gesche­hen hör­bar macht.
Kre­ieren Sie Ihre eige­ne Kadenz zum Mozart-, Haydn- oder …-Kon­zert: Sie wer­den dabei das so wohl­be­kann­te Werk neu für sich ent­de­cken!

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