© Kristin Gründler_stock.adobe.com

Koch, Michael

Kein Klotz am Bein

Zur Ergonomie des Gitarrenspiels

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2017 , Seite 16

Klassische Gitarre und Fußbank gehörten ehedem wie selbstverständlich zusammen. Doch dieses Bild hat sich gewandelt: Das Angebot an Gitarren­stützen und möglichen Varianten der Spielhaltung wächst beständig, ebenso dasjenige an "kleinen Gitarren für kleine Menschen". Es bieten sich also mittlerweile mannigfache Möglichkeiten, die Ergo­no­mie des Spiels zu beeinflussen.

Beim Gitar­ren­spiel gibt es drei Wege, um für eine ver­bes­ser­te Ergo­no­mie zu sor­gen:
1. Sitz ver­än­dern,
2. Hal­tung ver­än­dern,
3. Gitar­re ver­än­dern.

Sitz ver­än­dern

Klei­ne Spie­le­rIn­nen sit­zen oft auf zu hohen Stüh­len, abschüs­si­ge Ober­schen­kel und damit Weg­rut­schen des Instru­ments in Rich­tung Knie sind die Fol­ge. Dies führt zu Fest­hal­ten: Lin­ke Hand und rech­ter Arm wer­den (bei rechts­hän­dig Spie­len­den) zu Hal­te­werk­zeu­gen. Abhil­fe schaf­fen Stüh­le in geeig­ne­ter Höhe, grob gesagt sol­che, bei denen die Ober­schenkel mehr oder weni­ger waa­ge­recht blei­ben. So banal die­se Inter­ven­ti­on ist und so ein­fach sie im Unter­richt meist geleis­tet wer­den kann: Wenn nicht gewähr­leis­tet ist, dass zu Hau­se tat­säch­lich eine ent­spre­chen­de Sitz­ge­le­gen­heit zuver­läs­sig genutzt wird, ist die Mühe im Unter­richt umsonst.
Das Bestre­ben, die Gitar­re fest­zu­hal­ten, tritt selbst bei kor­rek­ter Sitz­hö­he beson­ders häu­fig bei kor­pu­len­ten Spie­le­rin­nen und Spie­lern auf. Bei ihnen ist die Gitar­re ein­fach auf­grund des Kör­per­um­fangs so nah zum Knie hin posi­tio­niert, dass sie sich ver­an­lasst füh­len, sie fest­zu­hal­ten. Hier kann es eine gro­ße Hil­fe sein, die Gitar­re durch eine Kor­del zu sichern. Die­se wird vom End­knopf der Gitar­re (oder ersatz­wei­se einem Saug­napf, den man am obe­ren rech­ten Rand des Gitar­ren­bo­dens anbringt) hin­ter dem Rücken wie­der nach vorn zur Gitar­ren­stüt­ze geführt und dort befes­tigt. Bei Ver­wen­dung einer Fuß­bank kann ein wei­te­rer Saug­napf – auf dem Gitarren­boden in Höhe des Hals­fu­ßes ange­bracht – als zwei­ter Befes­ti­gungs­punkt die­nen.
Die Gitar­re wird auf die­se Wei­se am Spie­ler fixiert und die­ser selbst von jeg­li­cher Hal­te­ar­beit befreit. So kann der Auf­la­ge­druck des rech­ten Arms ver­min­dert und auch die lin­ke Hand buch­stäb­lich „frei­ge­stellt“ wer­den. Die ent­las­ten­de Wir­kung der Fixier­kor­del tritt unmit­tel­bar ein und wird vom Spie­len­den sofort als Ver­bes­se­rung wahr­ge­nom­men und wert­ge­schätzt. Im Prin­zip kann man jeg­li­chem Fest­hal­ten der Gitar­re durch Ver­wen­den einer Fixier­kor­del gegen­steu­ern.

Hal­tung ver­än­dern

Bereits 1826 hat Fer­nan­do Sor in sei­ner Gitar­renschule das kar­di­na­le Pro­blem der Gitarren­haltung als einen Man­gel an Mit­ten­an­pas­sung beschrie­ben: Die Mit­te der Gitar­re – der 12. Bund, der Über­gang vom Gitar­ren­hals in den -kor­pus – befin­det sich links der Kör­per­mit­te. Dies zwingt Gitar­ren­spie­le­rIn­nen in eine Asym­me­trie: Rech­te Hand vor die Kör­per­mit­te, lin­ke Hand links neben den Kör­per. Als Fol­ge ver­sucht sich der Rumpf (im Sinn einer Gleich­ge­wichts­re­ak­ti­on) einer Mit­ten­po­si­ti­on zwi­schen den obe­ren Extre­mi­tä­ten wie­der an­zunähern, dazu neigt und/oder dreht er sich nach links.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2017.