© Markus Himmelmann

Spiekermann, Reinhild

„Klavier mal anders“

Studierende der Hochschule für Musik Detmold erarbeiten mit MusikschülerInnen experimentelle Techniken am Klavier

Rubrik: Hochschule
erschienen in: üben & musizieren 4/2026 , Seite 36

„Wie schön wäre es, wenn es im Bau­markt eine Abteilung ,John Cage‘ gäbe!“ Mit diesem Satz wurden am 23. November 2025 zwölf Klavier­schülerInnen der Johannes-Brahms-Musikschule in Detmold, ihre fünf Lehrkräfte, sieben Studierende der Hochschule für Musik Detmold sowie etliche neugierige Eltern begrüßt und aufgefordert, zur Vorbereitung ihres musikalischen Projekts „Klavier mal anders“ zunächst einmal den Baumarkt zu besuchen.

Die Pianistin, Klavierpädagogin, Autorin und Konzertmacherin Ji-Youn Song (Kassel) ließ keinen Zweifel daran, dass beispielsweise das Präparieren des Flügelinnenraums mit Alltagsgegenständen oder Baumarktprodukten nicht nur Spaß macht, sondern ungeahnte Kreativität freisetzt. Die Expertin für experimentelle Herangehensweisen im Klavierunterricht war auf Einladung des Netzwerks „MusikLernen“ in die örtliche Musikschule gekommen, um alle AkteurInnen auf das Projekt einzustimmen, methodische Anregungen zu geben und sich als prozessbegleitende Expertin vorzustellen. Als Teil der „Modellregion Detmold“1 strebt das Netzwerk „MusikLernen“ die institutionelle Verzahnung musikalischer Lernorte an. Die Identifikation von Talenten und ihre gezielte Förderung wie auch die Unterstützung von Übergängen zwischen Schule, Musikschule und professioneller Ausbildung stehen an zentraler Stelle.

Chancen der Zusammenarbeit

Im Juni 2025 kam Ji-Youn Song mit ihrem Workshop „Mein Klavier – GANZ – am Anfang. Methodische Anleitung zum experimentellen Musizieren“2 auf meine Einladung hin an die Hochschule für Musik Detmold, um mit meinen Studierenden der Klavier­pädagogik Erweiterungen traditioneller Klavierdidaktik zu erproben. Ausgehend von diesem Workshop wurde gemeinsam mit Moritz Reuter, dem stellvertretenden Leiter der Johannes-Brahms-Musikschule und Projektkoordinator der Modellregion Detmold, mit dem Projekt „Klavier mal anders“ ein innovatives Format entwickelt, in dem sich Lernorte und Lernsettings von KlavierschülerInnen, ihren Lehrpersonen und Studierenden der Klavierpädagogik durchdringen und gegenseitig beflügeln.
In verschiedenen Konstellationen (Lehrkraft der Musikschule und SchülerIn bzw. Lehrkraft der Musikschule, StudentIn und SchülerIn) sollten in einem achtwöchigen Zeitraum kreative und explorative Zugänge zum Instrument erprobt werden, unter kontinuierlicher Einbindung der Studierenden in die Abläufe der Musikschule. Die Vorerfahrung der beteiligten Studierenden steuerte den Grad der Selbstständigkeit in der Arbeit mit dem bzw. der zugeordneten SchülerIn; der jeweils anwesenden Lehrperson war es freigestellt einzugreifen, mitzuwirken oder den Prozess lediglich zu beobachten.

„Kostbare Momente“

Wenn man sich dem Instrument mit Neugier und Experimentierfreude nähert, dann ist in diesem Augenblick völlig offen, was daraus entstehen wird. Es ist ein „kostbarer Moment“, den man methodisch gestalten und didaktisch nutzen sollte.3 Dieser Gestaltungsprozess, in dem mit Hilfe von Spieltechniken der Neuen Musik ein improvisatorischer Zugang zum Instrument erfahren werden konnte, fand im regulären wöchentlichen Klavierunterricht der SchülerInnen statt. Im Gespräch mit den eigenen Lehr­personen und den jeweiligen Studierenden entwickelten die SchülerInnen, die zwischen acht und 27 Jahren alt waren und unterschiedliche Lern- und Spielerfahrungen aufweisen konnten, ausdrucksstarke Kompositionen. Diese erforderten faszinierende Präparationen des Flügels, ein souveränes Bespielen des Flügelinnenraums und erzählten dabei oft persönliche, berührende und spannende Geschichten.
So entwickelte beispielsweise ein elfjähriger Schüler das Stück Der wilde Wald. In entfernter Anlehnung an Mussorgskis „Modell“ eines Rundgangs durch eine Ausstellung konzipierte der Schüler einen Spaziergang durch den Wald, im Laufe dessen verschiedene Märchencharaktere wie Frau Holle, der Wolf oder die sieben Zwerge angetroffen werden. Die ihn begleitende Studentin erzählt rückblickend: „Besonders schön war es für mich zu erleben, wie viel die Kinder ausdrücken wollten und mit welcher Offenheit und Kreativität sie an die Aufgabe herangingen. Es hat unglaublich viel Freude gemacht, ihren kreativen Prozess zu begleiten und gemeinsam neue Ideen auszuprobieren. Nachdem die Geschichte entstanden war, überlegten wir zusammen, wie wir es notieren und daraus eine möglichst spannende, überzeugende Performance gestalten können. Dafür experimentierten wir mit verschiedenen Materialien und Gegenständen, die die Klangwelt des Klaviers auf faszinierende Weise erweiterten und ganz neue Klangfarben und Geräusche entstehen ließen.“
Aber auch Verfremdungen von vorhandenem klassischen Notenmaterial wurden getestet, teilweise unter Einbezug von elektronischen Mitteln. Alle Stücke wurden grafisch, bildlich oder auch in Mischform mit herkömmlicher Notation festgehalten. Bei Fragen oder Irritationen konnte Ji-Youn Song als Expertin hinzugezogen werden. Sie empfahl auch nachdrücklich, einzelne Partituren in ausformulierte Geschichten zu verwandeln. Auch wenn die eigene „Story“ für die SchülerInnen sowieso klar sei – für das Publikum sei eine separate Erzählung durchaus wichtig! Auch aus diesem Grund wurde entschieden, das Abschlusskonzert nicht nur zu moderieren, sondern alle Kompositionen zusätzlich auf die Bühnenrückwand zu projizieren.4

Es braucht kein „dickes Buch“

Bereits im ersten Workshop in der Hochschule hatte sich spontan der Gedanke aufgedrängt, dass Ji-Youn Songs Ansatz eine Hommage an Peter Heilbut und seine bedingungslose Zuwendung zum Kind beziehungsweise seine Liebe zum Unterrichten ist. Eigentlich braucht es kein „dickes Buch“, um einen bedeutenden und weg­weisenden Beitrag zur Klavierdidaktik zu leisten,5 man benötigt nur die Bereitschaft, auf Impulse und Fantasie, die innere Welt und Kreativität der SchülerInnen einzugehen und im Fall von experimentellen Herangehensweisen ein paar Grundkenntnisse neuer Spieltechniken der jüngsten Literatur.
Deshalb ist es so wichtig zu betonen, keine Angst vor etwas zu entwickeln, was man möglicherweise noch nicht kennt oder sich auf wenige gespielte Stücke der Neuen Musik beschränkt. Vielleicht war dies die unbekannte Variable im Projekt: Wie würden sich die SchülerInnen verhalten in der Begegnung mit einem Stück, das erst noch entstehen muss? Dass sich auch Eltern dazu verhalten, erfuhren wir später, als ein Kind vom Projekt abgemeldet wurde, weil der Vater „richtigen Klavierunterricht“ wünschte.

Nachhaltig wirksam

Das Projekt wirkt nach. Die Studierenden haben in einem zeitlich begrenzten Projekt und an einem anderen Lernort als üblich eine wesentliche Facette ihres späteren Tuns erlebt, die mit einer inneren Einstellung zu tun hat. Ji-Youn Song schreibt hierzu: „Entscheidend für alles Experimentieren und Komponieren ist die Haltung der Lehrenden. Sie müssen spürbar machen, dass hier mit Ernst und Anspruch gearbeitet wird.“ Es gehe nicht um das Bemühen, „etwas zu vermitteln“, sondern das Verhalten der Lehrperson solle eher abwartend-aufmunternd sein, ohne sich in die Absichten und das Handeln des Schülers sofort einzumischen.6 Diese Zurückhaltung, hier exemplarisch bei erfahrenen Lehrkräften einer Musikschule wahrgenommen, kann man übertragen auf das Unterrichten allgemein, in dem manchmal Denkanstöße oder minimale Hinweisgesten reichen würden. Wie oft erfolgt stattdessen eine Überfrachtung mit Handlungsaufforderungen über die eigenen Impulse der SchülerInnen hinweg.
Die Studierenden haben wichtige Impulse für ihre spätere Berufstätigkeit mitgenommen. Eine Studentin schrieb mir später per E-Mail: „Das Abschlusskonzert war für mich ein besonders berührender Moment, weil die Kinder mit großer Begeisterung ihre eigenen Ideen und ihre Kreativität mit ihren Fami­lien und dem Publikum teilen wollten. Man konnte richtig spüren, wie stolz und glücklich sie waren. Insgesamt war dieses Projekt eine wunderschöne und inspirierende Erfahrung, die ich sehr gerne in Zukunft mit weiteren Schülerinnen und Schülern wiederholen möchte.“ Die Studierenden haben zusätzlich – neben einer lustvollen Hinwendung zum experimentellen Umgang mit dem Klavier – erlebt, wie eng der Unterrichtsalltag an einer kommunalen Musikschule mit organisatorischen Prozessen verwoben ist.
Auch in der Musikschule wirkt das Projekt nach:7 begeisterte SchülerInnen, die eine Haltung der Studierenden beobachten durften, die von großer Ernsthaftigkeit gegenüber künstlerischem Anspruch und Ausdruck geprägt ist. Das abschließende Projektkonzert vereinte in idealer Weise diese inneren Grundeinstellungen zukünftigen Denkens und Handelns.
Natürlich gab es auch den berühmten „blinden Fleck“: Die Vorabinformation der Eltern und ihre spätere Einbindung in das Vorhaben hätte besser sein müssen. Sie kamen mit dem kreativen Tempo, das sich in den Tandems aus SchülerInnen und (studentischen) Lehrpersonen entwickelte, teilweise nicht mit. Der Vater, der sich „richtigen Unterricht“ für seinen Sohn gewünscht hatte, kam jedoch zum Abschlusskonzert und ließ sich von der künstlerischen Dichte der Beiträge in den Bann ziehen.

1 Die „Modellregion Detmold“ ist Teil eines landesweiten Pilotprojekts zur Weiterentwicklung musikalischer Talentförderung in Nordrhein-Westfalen, initiiert durch das Mi­nisterium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen und koordiniert durch den Landesverband der Musikschulen NRW. Projektverantwortlich in Detmold ist die Hochschule für Musik Detmold gemeinsam mit der Johannes-Brahms-Musikschule Detmold. Ein Ziel ist unter anderen die systematische Vernetzung musikalischer Bildungsakteure einer Region. Die Modellregion dient als experimentelles Feld für neue Kooperationsformen zwischen diesen Bildungspartnern.
2 vgl. hierzu auch die gleichnamige Veröffentlichung: Song, Ji-Youn: Mein Klavier – GANZ – am Anfang. Charakterstücke und Übungen mit neuen Spieltechniken, Kassel 2025.
3 ebd., S. III.
4 Am 16. Januar 2026 wurden die künstlerischen Ergebnisse in der Hochschule präsentiert; https://youtu.be/ 2sQEvWgFmMM&t=28s (Stand: 7.7.2026).
5 Auch wenn Peter Heilbut mit Klavierspielen: Frühinstrumentalunterricht. Ein pädagogisches Handbuch für die Praxis (Mainz 32006) durchaus ein umfangreiches Buch hinterlassen hat.
6 Song, Ji-Youn: „Nichts steht im Weg. Kinder entdecken Musik im Klangraum Flügel“, in: üben & musizieren, 34. Jg., 2017, Heft 5, S. 26-30, hier: S. 27.
7 Eine vom Netzwerk „MusikLernen“ im Anschluss durch­geführte Evaluation zeigte, dass 90 Prozent der antwortenden Personen dem gesamten Projekt zwischen acht und zehn Punkte (von zehn möglichen Punkten) vergeben hatten. Änderungen in Haltungen oder Grundeinstellungen sind mittels einfacher Fragebögen jedoch nicht zu erfassen. Die Nachwirkungen, die sich auf Haltungen oder Grundeinstellungen beziehen, wurden in persönlichen ­Gesprächen mitgeteilt.

Lesen Sie weitere Beiträge in Ausgabe 4/2026.

Page Reader Press Enter to Read Page Content Out Loud Press Enter to Pause or Restart Reading Page Content Out Loud Press Enter to Stop Reading Page Content Out Loud Screen Reader Support