Wiedemann, Herbert

Kla­vier spie­lend begreifen

Improvisatorisches Lernen – kreatives Spielen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bosse, Kassel 2010
erschienen in: üben & musizieren 6/2010 , Seite 62

Her­bert Wie­de­mann hat sich um das The­ma Impro­vi­sa­ti­on im Kla­vier­un­ter­richt bereits gro­ße Ver­diens­te erwor­ben. In Unter­richts­wer­ken wie Impul­si­ves Kla­vier­spiel, Impro­vi­sier­tes Lied­spiel oder Impro­vi­sa­to­ri­sche Spie­le mit Kaba­lew­ski & Co (Letz­te­res zusam­men mit Det­lef Pau­ligk) ent­wi­ckelt er immer neue Model­le, die von sehr ein­fa­chen, moti­vie­ren­den Auf­ga­ben­stel­lun­gen schritt­wei­se zu kom­ple­xe­ren For­men des Impro­vi­sie­rens füh­ren. Die bei Schü­le­rIn­nen, aber fast noch aus­ge­präg­ter bei Leh­re­rIn­nen ver­brei­te­te Scheu vor dem Spiel ohne Noten kann auf die­se Wei­se abge­baut und das Impro­vi­sie­ren als lust­be­ton­te und aus­drucks­star­ke Form des Musi­zie­rens ent­deckt werden.
Auch Wie­de­manns neue Publi­ka­ti­on Kla­vier spie­lend begrei­fen ist die­sem Anlie­gen ver­pflich­tet. Der Autor stellt in die­sem Werk sein Kon­zept des „impro­vi­sa­to­ri­schen Ler­nens“ vor, das auf eine Ver­knüp­fung von Impro­vi­sa­ti­on und Lite­ra­tur­spiel abzielt. Die Schü­le­rIn­nen beschäf­ti­gen sich impro­vi­sie­rend mit wich­ti­gen Bau­stei­nen eines Kla­vier­stücks (z. B. einer cha­rak­te­ris­ti­schen Har­mo­nie­fol­ge), ohne vor­erst das Stück zu ken­nen. Dies kann einer­seits zu inter­es­san­ten eige­nen Erfin­dun­gen füh­ren, ande­rer­seits wird durch die impro­vi­sa­to­ri­sche Vor­be­rei­tung das Stück anschlie­ßend leich­ter erlernt und bes­ser verstanden.
Die ers­ten Kapi­tel des recht umfang­rei­chen Lehr­werks die­nen dazu, anhand von bekann­ten Lied­me­lo­dien in den wich­tigs­ten Kadenz­funk­tio­nen hei­misch zu wer­den. Aus­gangs­punkt dabei ist die V‑I-Kadenz. Die Model­le sol­len von Anfang an trans­po­niert wer­den. Die dar­auf fol­gen­den Kapi­tel sind nicht pro­gres­siv, son­dern nach sti­lis­ti­schen Merk­ma­len geord­net, sodass man je nach Inter­es­se aus­wäh­len kann. Lern­psy­cho­lo­gisch vor­bild­lich führt der Weg in jeder Lern­se­quenz vom Hören zum Ver­ste­hen. Von ein­zel­nen musi­ka­li­schen Ele­men­ten aus­ge­hend, nähert sich der Schü­ler in sorg­fäl­tig auf­ein­an­der auf­bau­en­den Schrit­ten all­mäh­lich der Kom­ple­xi­tät des Ziel­stücks an. Dabei lernt er auch wich­ti­ge Stimm­füh­rungs­re­geln der jewei­li­gen Sti­lis­tik ken­nen. Bewun­derns­wert ist die päd­ago­gi­sche Fan­ta­sie, mit der Wie­de­mann immer neue, stets reiz­vol­le Auf­ga­ben­stel­lun­gen entwirft.
Die Lite­ra­tur­bei­spie­le ent­stam­men allen Epo­chen von der Barock­zeit bis zur Moder­ne und schlie­ßen auch popu­lä­re Musik­sti­le mit ein. Durch die Ori­en­tie­rung an har­mo­ni­schen Model­len erge­ben sich dabei inter­es­san­te Begeg­nun­gen zwi­schen unter­schied­li­chen Musik­sti­len wie z. B. im Kapi­tel zur Quint­fall­se­quenz, das Stü­cke von Hän­del, Schu­mann, Piaz­zol­la und Ignatzek/Wiedemann enthält.
Die Impro­vi­sa­ti­ons­mo­del­le kön­nen im Unter­richt ohne Noten, nur durch Zei­gen und Erklä­ren, Vor- und Nach­spie­len ver­mit­telt wer­den. Ein weit­ge­hend eigen­stän­di­ges Ler­nen anhand der Noten­bei­spie­le und Kom­men­ta­re des Autors ist jedoch eben­so gut mög­lich. Dadurch ist die sehr emp­feh­lens­wer­te Samm­lung viel­sei­tig im Unter­richt und auch fürs Selbst­stu­di­um einsetzbar.
Sig­rid Naumann