© Stefan Gloede

Magyar, Eszter

Knopf im Ohr

Hört man nur, was man weiß? Weiß man nur, was man hört? Hörvermittlung mit dem OHRPHON[@]Orchester

Rubrik: musikschule )) DIREKT
erschienen in: üben & musizieren 4/2018 , musikschule )) DIREKT, Seite 10

Der Begriff „Musikvermittlung“ ist bekannt. „Hörvermittlung“ nicht so sehr. Dabei bezeichnet dieser Begriff einen wesentlichen Aspekt der Musikvermittlung: Musik braucht Zuhörer, im wahrsten Sinne des Wortes – und bewusstes Hinhören mit „denkenden Ohren“ (Daniel Barenboim) kann tatsächlich gelernt werden.

In unse­rer schnell­le­bi­gen Welt ist es ein sel­te­nes Phä­no­men gewor­den, still zu sein und wirk­lich zuzu­hö­ren. Der Klas­sik­be­reich ist nicht der ein­zi­ge, der dadurch vor Her­aus­for­de­run­gen gestellt wird. Man steckt sich Kopf­hö­rer in bei­de Ohren und lässt Musik neben­bei lau­fen: beim Ler­nen, beim Jog­gen, beim Kochen, bei der Arbeit. Kon­zen­trier­tes Musik­hö­ren, egal ob im Kon­zert­saal oder im Jazz­club, ist aus die­ser Sicht eine extre­me Situa­ti­on.
Die Musik den Zuhö­re­rIn­nen zu erklä­ren, das hat eine lang­jäh­ri­ge Tra­di­ti­on und fin­det in vie­len For­men statt. Pro­gramm­hef­te, Kon­zert­ein­füh­run­gen, Gesprächs­kon­zer­te, mode­rier­te Kon­zer­te, Kon­zert­nach­ge­sprä­che: All die­se Ange­bo­te haben das gemein­sa­me Ziel, dem Publi­kum ein Basis­wis­sen zu ver­mit­teln, um das Bevor­ste­hen­de oder Gehör­te zu ent­schlüs­seln und eine Grund­la­ge für das Ver­ste­hen des musi­ka­li­schen Stoffs zu bil­den. Der Niko­lai­saal Pots­dam hat als moder­nes Kon­zert­haus die Inten­ti­on, Hören zu ver­mit­teln, neue Wege zu fin­den, ergän­zend zu den bestehen­den, tra­di­tio­nel­le­ren Ange­bo­ten, um unterschied­liche Ziel­grup­pen zu errei­chen und mög­lichst alle Alters­grup­pen mit sei­nen Ver­mitt­lungs­an­ge­bo­ten abzu­de­cken, sodass je­der einen Anschluss zu klas­si­scher Musik fin­den kann. Von Baby- und Klein­kin­der­kon­zer­ten über Work­shops und Pro­ben­be­su­che für Schul­klas­sen bis hin zur Rei­he FREISTIL mit neu­ar­ti­gen Hör­si­tua­tio­nen für Erwach­se­ne kön­nen Besu­che­rin­nen und Besu­cher Musik neu für sich ent­de­cken oder ihre Kennt­nis­se und Lei­den­schaft wei­ter ver­tie­fen.

OHRPHON[@]Orchester: Pro­ben­be­such mit Knopf im Ohr

So hol­te der Niko­lai­saal Pots­dam die Orches­ter­pro­ben aus dem stil­len Käm­mer­lein her­aus, um den Ent­ste­hungs­pro­zess eines Kon­zerts für die Öffent­lich­keit zugäng­lich zu machen und Musik aus einer ganz ande­ren Per­spek­ti­ve, näm­lich als Arbeit zu zei­gen. Für den Lern­ef­fekt mit Unter­hal­tungs­fak­tor muss es mehr geben als 30 Minu­ten Musik mit Unter­bre­chun­gen: Die­ses Extra nennt sich Live-Mode­ra­ti­on per Audio­gui­de. In Muse­en oder bei Städ­te­rei­sen sind Audio­gui­des seit lan­ger Zeit ein bewähr­tes Medi­um – war­um soll­ten sie nicht auch in Kon­zert­sä­len ein­ge­setzt wer­den? Sie ermög­li­chen es näm­lich, den Besuch von Pro­ben und Kon­zer­ten live zu kom­men­tie­ren, ohne die Arbeit der Musi­ke­rIn­nen bzw. das akus­ti­sche Hör­erleb­nis für ande­re Höre­rIn­nen zu beein­träch­ti­gen.
Unter­stützt durch das Minis­te­ri­um für Wis­senschaft, For­schung und Kul­tur des Lan­des Bran­den­burg ver­fügt der Niko­lai­saal über 300 OHR­PHON-Gerä­te. Sie bestehen aus einem ein­sei­ti­gen Kopf­hö­rer sowie einem Emp­fän­ger, über den unter ande­rem live ein­ge­spro­che­ne Zusatz­in­for­ma­tio­nen und Kom­men­ta­re über­mit­telt wer­den kön­nen, wobei umge­ben­de Geräu­sche und Klän­ge mit dem frei­en Ohr wahr­ge­nom­men wer­den. Nach einer 30-minü­ti­gen Ein­füh­rung im Foy­er set­zen sich Schü­le­rIn­nen der Klas­sen­stu­fen 3 bis 12, aus­ge­stat­tet mit OHR­PHON-Gerä­ten, in den Saal; oben in der Tech­nik­lo­ge neh­men die bei­den Mode­ra­to­ren Platz, wie in einer Dol­met­scher­ka­bi­ne. Dank der Mehr­ka­nal­tech­nik kann jeder selbst zwi­schen der Mode­ra­ti­on für Musik­an­fän­ger oder der für Fort­ge­schrit­te­ne ent­schei­den und sein Gerät ent­spre­chend ein­stel­len. So wird jedem ziel­grup­pen­ge­recht ein Blick hin­ter die Kulis­sen als Hör­erleb­nis gewährt.
Die Mode­ra­to­ren erzäh­len nicht nur den Inhalt des Pro­gramms, son­dern erklä­ren den Gebrauch der Instru­men­te, das Ein­set­zen der Musi­ke­rin­nen und Musi­ker sowie die Vor­ge­hens­wei­se des Diri­gen­ten und der Solis­ten. Auch der Diri­gent kann live dazu­ge­schal­tet wer­den, um die Pro­ben­ar­beit noch unmit­tel­ba­rer ver­fol­gen zu kön­nen. Die direk­te Anspra­che jedes ein­zel­nen Hö­rers über das OHRPHON macht es mög­lich, die Kon­zen­tra­ti­on der Zuhö­rer auf das, was im Kon­zert­saal zu hören und zu sehen ist, zu fokus­sie­ren und die Auf­merk­sam­keit gezielt zu len­ken. Ein tie­fe­res Musik­ver­ste­hen wird nicht nur für Men­schen mit, son­dern vor allem für Men­schen ohne musi­ka­li­sche Vor­bil­dung im Kon­text des Live-Erleb­nis­ses mög­lich.
Nach­dem sich das For­mat im Niko­lai­saal Pots­dam inzwi­schen fest eta­bliert hat, rei­sen die OHR­PHON-Gerä­te dank der groß­zügigen För­de­rung durch die Ost­deut­sche Spar­kas­sen­stif­tung seit der Sai­son 2017/18 durchs Land Bran­den­burg und besu­chen Part­ner­en­sem­bles an ihren Spiel­stät­ten. Schü­le­rIn­nen, Fami­li­en und Erwach­se­ne bekom­men die Gele­gen­heit, in ihrer Regi­on einen Blick hin­ter die Kulis­sen zu wer­fen und die Pro­ben­ar­beit haut­nah mit­zu­er­le­ben. Und den Bran­den­bur­ger Orches­tern wird dadurch ermög­licht, auch außer­halb der Bal­lungs­ge­bie­te Musik­ver­mitt­lung anzu­bie­ten.
Doch der Audio­gui­de OHRPHON kommt nicht nur bei Pro­ben­be­su­chen zum Ein­satz. Bei aus­ge­wähl­ten Kon­zer­ten kön­nen Besu­che­rIn­nen, die mehr wis­sen möch­ten als das, was im Pro­gramm­heft steht, sich ein OHRPHON neh­men und einen Musik­kri­ti­ker, der eben­falls im Publi­kum sitzt, live bei sei­ner Arbeit erle­ben. Der Kri­ti­ker arbei­tet als „klei­ner Mann im Ohr“: Vor dem Kon­zert emp­fängt er die Besu­che­rIn­nen und weist dar­auf hin, wor­auf sie beim Musik­hö­ren beson­ders ach­ten sol­len, er stellt das Orches­ter oder den Künst­ler vor und erzählt etwas über die Wer­ke. In der Kon­zert­pau­se sowie nach dem Schluss­ap­plaus zieht er Bilanz und ver­fasst für die Anwe­sen­den eine Sofort-Kri­tik.

Zuhör­för­de­rung von Klein auf: der HÖRCLUB

Musik exis­tiert aber auch außer­halb der Kon­zert­sä­le und Zuhör­för­de­rung darf sich nicht nur auf Sin­fo­nie­kon­zer­te beschrän­ken. In einer Zeit, in der musi­ka­li­sche Bil­dung abnimmt, ist es beson­ders wich­tig, Kin­der schon in ganz jun­gem Alter an Musik her­an­zu­füh­ren und ihnen zu zei­gen, wie viel Freu­de das eige­ne Musi­zie­ren machen kann – von den längst erwie­se­nen po­sitiven Bil­dungs­ef­fek­ten ganz zu schwei­gen. Der Niko­lai­saal Pots­dam hat die Vi­sion, sein eige­nes Publi­kum zu bil­den, zu bin­den und zu beglei­ten, schon ab einem frü­hen Alter – und auch die Eltern dazu anzu­re­gen, zu Hau­se mit ihren Kin­dern (noch mehr) Musik zu machen und den Spaß dar­an gemein­sam zu ent­de­cken.
Für die­se Alters­grup­pe gibt es im Niko­lai­saal Pots­dam ver­schie­de­ne Ange­bo­te von Klein­kin­der­kon­zer­ten bis hin zu Mit­singnach­mit­ta­gen. Beson­ders dabei ist der HÖRCLUB mini, an dem fünf Kin­der­gar­ten­grup­pen wie an einem Paten­pro­gramm teil­neh­men kön­nen. Auf­grund des gro­ßen Inter­es­ses müs­sen die­se aus­ge­lost wer­den. Sechs­mal in der Sai­son besucht eine Musik­päd­ago­gin die „Hör­mäu­se“ in ihren Kin­der­gär­ten, um mit ihnen gemein­sam zu musi­zie­ren. Im Mit­tel­punkt ste­hen Klän­ge und Geräu­sche aus dem All­tag der Kin­der: aus der Stadt, aus der Küche und aus dem Wald. Aus die­sen wer­den musi­ka­li­sche Ele­men­te – und so wird z. B. ein Küchen­or­ches­ter auf­ge­stellt, das die gesun­ge­nen Lie­der auf Töp­fen, Ras­peln und mit Schnee­be­sen rhyth­misch beglei­tet. Die Klang­ge­schich­ten und Hör­rät­sel för­dern die audi­tive Wahr­neh­mung und die Kon­zen­tra­ti­on der Kin­der: Sie ler­nen, Klän­ge, Geräu­sche, Melo­di­en und Rhyth­men bewusst zu hören, zu erken­nen, von­ein­an­der zu unter­schei­den und sie selbst zu pro­du­zie­ren. Außer­dem wer­den durch das eigen­ständige Sin­gen bzw. Rap­pen das Takt- und Rhyth­mus­ge­fühl geför­dert.
Wesent­lich für Kin­der in die­sem Alter ist Regel­mä­ßig­keit, nicht nur bezüg­lich der monat­li­chen Kita-Ses­si­ons, son­dern auch musi­ka­lisch. Jedes Mal wie­der­keh­ren­de Ele­men­te sind unter ande­rem ein Begrü­ßungs­lied und der Hör­mäu­se-Rap, ein Song über den HÖRCLUB mini. Die­se musi­ka­li­schen Bau­stei­ne wer­den in eine Rah­men­ge­schich­te ein­ge­bet­tet, die eben­falls von einem für die Kin­der ver­trau­ten The­ma han­delt, z. B. von Wut, wenn die klei­ne Schwes­ter den letz­ten Keks isst. So set­zen sich die Kin­der mit der eige­nen Wut aus einer exter­nen Per­spek­ti­ve aus­ein­an­der und kön­nen sogar abstim­men, wie sie musi­ka­lisch klingt.
Krö­nen­der Abschluss sind die Sitz­kis­sen­kon­zer­te, die im Niko­lai­saal statt­fin­den, ein­mal für Kin­der­gar­ten­grup­pen, ein­mal für Fami­li­en. Hier öff­nen die Hör­mäu­se ihre Klang­schatz­tru­he und zei­gen den Zuhö­re­rIn­nen, was sie bei den sechs Kita-Ses­si­ons gelernt haben. Bei den Sitz­kis­sen­kon­zer­ten und schon bei der letz­ten Kita-Ses­si­on ist immer ein zusätz­li­cher Musi­ker, ein Mul­ti-Instru­men­ta­list dabei, der die Klang­geschichten durch sein viel­fäl­ti­ges Instru­men­ta­ri­um noch bun­ter und greif­ba­rer macht.
Jugend­li­che ab 16 kön­nen im HÖRCLUB krea­tiv mit­ma­chen und Musik aus einer ande­ren Per­spek­ti­ve ent­de­cken als im Schul- oder Instru­men­tal­un­ter­richt oder im Jugend­sin­fo­nie­or­ches­ter. In Koopera­tion mit dem Jugend­club HOT des Hans Otto Thea­ters ent­wi­ckeln die Teil­neh­me­rIn­nen eine Live-Büh­nen­mu­sik zu einem Thea­ter­stück, aus­ge­hend von einem klas­si­schen Werk. Im Rah­men eines Komposi­tionsworkshops unter Anlei­tung von Pro­fi­mu­si­kern set­zen sie sich mit dem Inhalt des Thea­ter­stücks aus­ein­an­der, sam­meln musi­ka­li­sche Ide­en, pro­bie­ren sie aus, und so ent­steht ein musi­ka­li­sches Mate­ri­al, das in regem Aus­tausch mit dem Jugend­club HOT in wöchent­li­chen Pro­ben zur fina­len Büh­nen­mu­sik wei­ter­ent­wi­ckelt und bei den Thea­ter­vor­stel­lun­gen live von den Teilneh­merInnen gespielt wird.
Eine wich­ti­ge Beson­der­heit des Pro­jekts ist, dass es sich nicht nur an Jugend­li­che mit musi­ka­li­schen Vor­kennt­nis­sen rich­tet, son­dern jeder, der immer schon ein­mal ein Inst­rument oder Kom­po­nie­ren aus­pro­bie­ren woll­te, sich betei­li­gen kann. Dabei ent­steht ein span­nen­der Aus­tausch zwi­schen den klas­sisch gepräg­ten, mit klas­si­scher Musik auf­ge­wach­se­nen Jugend­li­chen und den Teil­neh­me­rIn­nen, die sich eher in der Pop­mu­sik zu Hau­se füh­len.
Der HÖRCLUB krea­tiv ist pro­jekt­be­zo­gen, läuft also ledig­lich über die Mona­te zwi­schen dem Work­shop­wo­chen­en­de und den Auf­füh­run­gen. Da es ein kom­plett außer­schu­li­sches Ange­bot ist und zudem die Pro­ben oft abends oder an Wochen­en­den statt­fin­den, for­dert es von den Teil­neh­me­rIn­nen ein hohes Maß an Ver­bind­lich­keit und Ver­ant­wor­tungs­be­wusst­sein. Und es ist schön zu sehen, wie sich die jun­gen Musi­ke­rIn­nen gegen­sei­tig moti­vie­ren. Sehr berei­chernd ist außer­dem der Aus­tausch mit dem Jugend­club HOT wäh­rend der Zusam­men­füh­rungs- und End­pro­ben: Nun wird über Inhal­te und Umset­zung dis­ku­tiert, gemein­sa­me Lösun­gen oder Kompro­misse müs­sen gefun­den wer­den. Bei der guten Grup­pen­dy­na­mik und der posi­ti­ven Arbeits­at­mo­sphä­re kön­nen alle etwas von­ein­an­der ler­nen. Als Teil der krea­ti­ven Pro­zes­se pro­bie­ren die Jugend­li­chen ent­we­der neue Instru­men­te aus oder neue Spiel­tech­ni­ken am eige­nen Instru­ment, was eini­ge auch dazu bewegt, sich in eine neue Stil­rich­tung wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.

Hör­ver­mitt­lung durch alle Lebens­al­ter

Die Ten­denz, dass das Publi­kum der Baby-, Kin­der- und Jugend­an­ge­bo­te des Niko­lai­saals Pots­dam inein­an­der über­geht, ist bereits nach weni­gen Jah­ren zu beob­ach­ten. Viel­leicht gibt es in eini­gen Jah­ren eine „Niko­lai­saal-Genera­ti­on“, deren Mit­glie­der von den Baby­kon­zer­ten über HÖRCLUB mini bis hin zu OHR­PHON-Pro­ben­be­su­chen und HÖRCLUB krea­tiv über­all dabei waren und spä­ter im Gro­ßen Saal bei den Sin­fo­nie­kon­zer­ten sit­zen wer­den oder sich für Kam­mer­mu­sik begeis­tern. Und was noch wich­ti­ger ist: zu Hau­se mit ihren eige­nen Kin­dern sin­gen, musi­zie­ren und ihnen die Lie­be zur Musik und verstehen­des Musik­hö­ren selbst wei­ter­ge­ben. Das wäre die schöns­te Bestä­ti­gung und Aner­ken­nung unse­rer Arbeit.