Halt, Kerstin

Kör­per und Präsenz

Bodydialog® als Beitrag zur Musikergesundheit

Rubrik: Gesundheit
erschienen in: üben & musizieren 1/2021 , Seite 38

Ein Ton beginnt nicht erst im Instrument, sondern in unserer Wahrnehmung. Je feiner unsere Sinne sind, desto gehaltvoller wird unsere Musik. Methoden wie Bodydialog®, die zur Steigerung der Körperwahrnehmung und zur Vorbeugung von mentalen und körperlichen Gesundheitsstörungen sowie Über­belastungen beitragen, können helfen, in Balance zu bleiben.

Der Ansatz von Body­dia­log® ist es, die Spra­che unse­res Kör­pers zu ver­ste­hen, Res­sour­cen her­vor­zu­he­ben und sie in unse­ren all­täg­li­chen Bewe­gun­gen sowie am Instru­ment gezielt ein­zu­set­zen und zu nut­zen. Durch Lösen von mus­ku­lä­ren und fas­zia­len Ver­span­nun­gen kann sich auch das dazu­ge­hö­ri­ge men­ta­le Mus­ter ent­span­nen. So ent­steht – mit etwas Übung – ein neu­es, gesün­de­res Wech­sel­spiel zwi­schen Kör­per und Geist (Gedan­ken und Emo­tio­nen). Vie­le Musi­ke­rIn­nen sind schon seit frü­her Kind­heit durch Leis­tungs­druck, Per­fek­tio­nis­mus, Ver­sa­gens­ängs­te, Lam­pen­fie­ber und kör­per­li­che Fehl­hal­tun­gen hohen psy­chi­schen und kör­per­li­chen Belas­tun­gen aus­ge­setzt. Der Kör­per (das Instru­ment) muss jedoch emp­fäng­lich und durch­läs­sig, opti­mal aus­ge­rich­tet (gestimmt) sein, um die Über­tra­gung har­mo­nisch und gehalt­voll zu gestal­ten. So ist es auch mit dem Dia­log, den wir mit uns füh­ren. Er formt uns, gibt uns den Impuls für unse­re (Körper-)Haltung und unser Handeln.
Wir alle haben eine unbe­wuss­te (kör­per­li­che und men­ta­le) Grund­hal­tung, nach der wir unse­re Ent­schei­dun­gen für Hand­lun­gen tref­fen. Das ist jedoch oft nicht der Weg, der uns gut bekommt, was sich in Fehl­hal­tun­gen und Sym­pto­men zeigt. Unser Unter­be­wusst­sein hat weit­aus mehr Ein­fluss auf uns und steu­ert unser Leben – ob wir das wol­len oder nicht. Alles, was wir ver­drängt, ver­ges­sen oder erfah­ren haben, wur­de abge­spei­chert: und zwar in den Fas­zi­en, Sitz von 90 Pro­zent der Ner­ven­endi­gun­gen des auto­no­men Ner­ven­sys­tems. Wich­tig zu wis­sen, dass unser Kör­per nicht nur dar­auf reagiert, in wel­chem Maße und in wel­cher Art und Wei­se wir uns bewe­gen, son­dern auch, wie wir zu uns selbst ste­hen und zu uns spre­chen. Unser Erschei­nungs­bild, unse­re Kör­per­form und ‑auf­rich­tung erzählt eine emo­tio­na­le Geschich­te von unse­ren Bin­dun­gen und Tren­nun­gen, von Nähe und Distanz, Annah­me und Zurück­wei­sung. Das Gefühl unse­res Selbst ist eine Begleit­erschei­nung des Zell­stoff­wech­sels und des Gewe­be­to­nus, es ist im Gehirn als unse­re Art zu funk­tio­nie­ren festgeschrieben.

6. Sinn: die Faszien

Unser 6. Sinn – die Fas­zi­en – hat als unser Wahr­neh­mungs­or­gan einen direk­ten Ein­fluss auf unser Wohl­be­fin­den, auf unse­re Fähig­keit, mit der Umwelt zu inter­agie­ren, unse­re Gren­zen zu set­zen. Unse­re Kör­per­wahr­neh­mung basiert dabei auf zahl­rei­chen Sin­nes­re­zep­to­ren in den Mus­keln, Gelen­ken, Seh­nen, die durch Bewe­gung ange­regt wer­den. Die fas­zia­len Bin­de­ge­we­be umhül­len im mensch­li­chen Kör­per aus­nahms­los jeden ein­zel­nen Mus­kel, jeden Kno­chen, jedes Organ, selbst die Ner­ven. Sie bil­den im Kör­per ein Geflecht, bei dem es kei­nen Anfang und kein Ende gibt, und über­la­gern sich oder gehen naht­los inein­an­der über. Man bezeich­net sie auch als das „struk­tur­ge­ben­de Organ“ des Kör­pers, denn sie for­men unse­ren Kör­per, hal­ten ihn zusätz­lich durch Dehn­span­nung auf­recht und sind maß­geb­lich für unser Erschei­nungs­bild und unse­re Kör­per­struk­tur ver­ant­wort­lich. Zudem über­tra­gen sie Span­nun­gen im Kör­per und sind bei man­geln­der Elas­ti­zi­tät ver­ant­wort­lich für Bewe­gungs­ein­schrän­kun­gen und Stauchungen.
„Be like water my friend“: Die­se Aus­sa­ge von Bruce Lee beschreibt die Not­wen­dig­keit von Geschmei­dig­keit und Durch­läs­sig­keit in unse­rem Kör­per, um mit her­aus­for­dern­den Situa­tio­nen gut umge­hen zu kön­nen. Die Fas­zi­en reagie­ren auf den Mus­kel­to­nus und auf Emo­tio­nen wie Angst oder Furcht. Die dadurch aus­ge­lös­te Anspan­nung lässt unser Gewe­be erstar­ren oder sogar ver­här­ten. Im Gegen­satz dazu machen Lie­be und Trä­nen uns weich und das Gewe­be wird „flüs­sig“. Wenn wir uns unter Schock ver­stei­fen oder uns ver­här­ten, um (emo­tio­na­le) Schmer­zen zu begren­zen, erstarrt unser inne­rer Fluss wie zu Eis. Wenn das dau­er­haft pas­siert, kön­nen chro­ni­sche Schmer­zen die Fol­ge sein.
Ursa­chen für Fas­zi­en­schmer­zen und Fehl­hal­tun­gen sind (neben psy­chi­schen Gege­ben­hei­ten) z. B.:
1. Man­gel an Bewe­gung: Ver­kle­bun­gen füh­ren zu Schmerzen
2. Über­las­tung: Fas­zi­en­sta­bi­li­tät geht ver­lo­ren; das Ver­hält­nis zwi­schen Belas­tung und Belast­bar­keit ist der Schlüssel
3. Stress: Span­nung der Fas­zi­en erhöht sich durch Zeit­druck, Erwar­tungs­druck, mobi­le Erreich­bar­keit und emo­tio­na­le Pro­ble­me; Stress beruht immer auf einer emo­tio­na­len Grund­la­ge, das heißt wir geben der Situa­ti­on eine Bedeu­tung und somit ein Stresslevel.
Übun­gen aus dem Body­dia­log® kön­nen hel­fen, die Selbst­wahr­neh­mung zu stei­gern, unse­re Fas­zi­en zu lockern und uns zu fokus­sie­ren. Im Fol­gen­den möch­te ich eini­ge Bei­spie­le vorstellen.

Übun­gen

Die Pro­prio­zep­ti­on – Selbst­wahr­neh­mung und Raum­ge­fühl – ist ein wesent­li­cher Bestand­teil wacher und prä­sen­ter Musi­ke­rin­nen und Musi­ker. Sie ist not­wen­dig, um uns zu posi­tio­nie­ren, um auf­zu­neh­men, was um uns her­um geschieht, und um unse­re Gren­zen und Bedürf­nis­se zu kennen.

Gehirn im Gleichklang
Das Gehirn wie­der in Gleich­klang zu brin­gen, för­dert die Kon­zen­tra­ti­on und die Auf­merk­sam­keit. Stel­len Sie dazu Ihre Füße schul­ter­breit aus­ein­an­der und begin­nen Sie abwech­selnd, ein­mal das rech­te, dann das lin­ke Knie zu heben. Dabei klop­fen Sie mit der Han­din­nen­flä­che der­sel­ben Sei­te etwas kraft­vol­ler auf den Ober­schen­kel. Wie­der­ho­len Sie das zwölf­mal pro Sei­te. Danach klop­fen Sie mit der gegen­über­lie­gen­den Hand auf den ange­ho­be­nen Ober­schen­kel. Machen Sie das in einem zügi­gen Rhyth­mus, wie­der­um zwölf­mal pro Seite.

Ner­ven­endi­gun­gen aktivieren
Akti­vie­ren Sie die Ner­ven­endi­gun­gen in den Fas­zi­en und för­dern Sie dadurch Ihre Selbst­wahr­neh­mung. Brin­gen Sie Ener­gie zurück in Ihren Kör­per. Stel­len Sie sich schul­ter­breit auf­recht hin und begin­nen Sie, Ihren gan­zen Kör­per aus­zu­klop­fen. Begin­nen Sie mit den Armen. Die lin­ke, locke­re Faust klopft den rech­ten Arm von oben zur Hand und von Hand zu Schul­ter aus. Wech­seln Sie die Sei­ten. Klop­fen Sie dann auf Ihr Brust­bein, unter den Schlüs­sel­bei­nen und gehen Sie zu den Rip­pen­bö­gen. Beu­gen Sie sich dar­auf­hin leicht nach vor­ne und klop­fen Sie Ihren unte­ren Rücken aus, bis zum Becken und auf dem Gesäß. Klop­fen Sie über die Außen­sei­te der Bei­ne zu den Füßen und gehen Sie dann innen an den Bei­nen ent­lang wie­der nach oben.
Bear­bei­ten Sie jetzt Ihren Bauch, ger­ne auch mit der fla­chen Hand, klop­fend oder strei­chend, und gehen Sie dann zum Nacken. Mit locke­ren Fäus­ten klop­fen Sie Ihren Nacken aus. Strei­chen Sie dann mit den Fin­gern Ihrer bei­den Hän­de vom Augen­brau­en­an­satz zum Nacken. Machen Sie das zwölf­mal. Zum Schluss klop­fen Sie mit den Fin­gern Ihr Gesicht aus.

Schüt­teln löst Stress
Stel­len Sie Ihre Füße schul­ter­breit aus­ein­an­der in einer par­al­lel aus­ge­rich­te­ten Posi­ti­on. Beu­gen Sie leicht die Knie und begin­ne Sie nun, Ihren Kör­per zu schüt­teln. Ach­ten Sie dar­auf, dass Ihre Gelen­ke sich zwi­schen­durch nicht durch­stre­cken. Es ist fast wie ein Vibrie­ren, ein Zit­tern. Stel­len Sie sich vor, wie Ihre Orga­ne durch­ge­schüt­telt wer­den und sich ent­span­nen. Schüt­teln Sie auch Ihre Hän­de, ruhig etwas kräf­ti­ger. Atmen Sie dabei tief durch die Nase ein und durch den Mund aus.

Rhyth­mi­scher Atem
Set­zen Sie sich auf­recht hin, stel­len Sie Ihre Bei­ne in einen 90-Grad-Win­kel und hal­ten Sie Ihre Wir­bel­säu­le auf­recht. Begin­nen Sie fol­gen­den Atem­rhyth­mus: Ein­at­men und dabei inner­lich lang­sam bis vier zäh­len; dann aus­at­men und erneut inner­lich lang­sam bis vier zäh­len. Sechs- bis zehn­mal wie­der­ho­len. Stei­ge­rung: Ein­at­men und bis vier zäh­len, Atem anhal­ten und bis vier zäh­len, aus­at­men und bis vier zählen.

Räkeln und Strecken
Durch Stre­cken wer­den sen­so­mo­to­ri­sche Rezep­to­ren im Gewe­be akti­viert und die Infor­ma­ti­on ans Gehirn wei­ter­ge­lei­tet, dass es gleich „los­geht“. Aus­gie­bi­ges Räkeln und Stre­cken macht wach und lässt uns leben­dig füh­len. Räkeln Sie sich daher aus­gie­big mit den Armen, Bei­nen, Rücken, stre­cken Sie sich zum Him­mel, nach oben, zu den Sei­ten und machen Sie auch aus­gie­big Gri­mas­sen. Denn auch im Gesicht haben wir Mus­keln und Fas­zi­en, die gedehnt und bewegt wer­den wol­len. Machen Sie Geräu­sche wie Gäh­nen und Seuf­zen – min­des­tens fünf Minu­ten lang.

Die eige­ne Kraft spüren
Star­ten Sie die Übung im Vier­füß­ler­stand. Set­zen Sie jetzt die Hän­de etwas wei­ter nach vor­ne vor die Schul­tern und stel­len Sie die Zehen auf. Dann schie­ben Sie sich mit einem kraft­vol­len Aus­at­men nach vor­ne über die Hän­de in die „Plank Posi­ti­on“ (Bei­ne und Kör­per wie ein Brett gestreckt). Ver­su­chen Sie, eine Linie zu bil­den von den Füßen zum Hin­ter­kopf. Geben Sie acht, dass der Rücken nicht durch­hängt, und wie­der­ho­len Sie dies vier- bis achtmal.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 1/2021.