Müller, Mario

Kon­tin­gent­ta­ri­fe und Abomodelle

Ein neues Tarifsystem bei Marios Musikschule in Bonn

Rubrik: Musikschule
erschienen in: üben & musizieren 1/2022 , Seite 34

Wie in den meisten Musikschulen gab es auch an Marios Musikschule gGmbH bisher Einzel- oder Gruppenunterrichtsverträge mit 36 Unterrichtseinheiten pro Jahr und einer festen Ferienregelung, die an den Schulferien des Landes Nordrhein-Westfalen ausgerichtet war. Nun hat sich die Musikschule für die Einführung eines Kontingenttarifmodells im Einzelunterricht und für das Angebot eines Abomodells im Bereich des ­Gruppenunterrichts entschieden.

Unter­richts­ver­ein­ba­run­gen in der übli­chen Form mit 36 Unter­richts­ein­hei­ten pro Jahr und einer fes­ten Feri­en­re­ge­lung füh­ren dazu, dass zwar Unter­richt, der sei­tens der Dozen­tIn­nen aus­fällt, nach­ge­holt wird, jedoch Ein­hei­ten, an denen die Schü­le­rIn­nen nicht teil­neh­men kön­nen, in der Regel ver­fal­len. Wir haben uns daher die Fra­ge gestellt, wie man die Unter­richts­ver­trä­ge bes­ser gestal­ten und auch Grup­pen­un­ter­richt wie­der attrak­ti­ver machen kann.
In die­sem Zusam­men­hang haben wir außer­dem dar­über nach­ge­dacht, was Musik­schu­le eigent­lich für uns bedeu­tet. Wir kamen zu dem Schluss, dass unse­re Musik­schu­le zu einem Begeg­nungs­ort für Musi­ke­rIn­nen jeg­li­cher Cou­leur wer­den soll. Die Musik­schu­le soll ein Ort für indi­vi­du­el­len Unter­richt mit Vor­be­rei­tung auf einen Beruf, für Ein­zel­un­ter­richt als Hob­by, offe­ne Grup­pen­kur­se für die Frei­zeit­ge­stal­tung und ein Übeort für Ein­zel­per­so­nen, Bands oder Orches­ter sein. Damit aber nicht genug! Wir haben Mari­os Musik­schu­le noch durch eine Instru­men­ten­ver­mie­tung, einen Ver­lag und einen Music-Shop ergänzt, sodass Musi­ke­rIn­nen alles unter einem Dach bekommen.
Aus die­sen Über­le­gun­gen her­aus ent­stand 2019 die Idee, das Tarif­mo­dell der Musik­schu­le kom­plett neu auf­zu­set­zen. Nach eini­gen Über­le­gun­gen und Dis­kus­sio­nen mit unse­ren Mit­ar­bei­te­rIn­nen kris­tal­li­sier­ten sich zwei Ideen und Model­le her­aus: Zum einen wur­den der Ein­zel­un­ter­richt in ein Kon­tin­gent­ta­rif­mo­dell und die Grup­pen in ein Abo­mo­dell umge­wan­delt. Zum ande­ren woll­ten wir die Musik­schu­le zu einem ech­ten Treff­punkt für Musi­ke­rIn­nen aus­bau­en und über­leg­ten uns einen Abo­ta­rif, bei dem man Räu­me fle­xi­bel buchen kann.

Kon­tin­gent­ta­ri­fe

Unse­re neu­en Kon­tin­gent­ta­ri­fe über­neh­men Tei­le aus den bis­he­ri­gen Ver­trä­gen unse­rer Musik­schu­le: Es gibt wei­ter­hin eine garan­tier­te Jah­res­stun­den­zahl von 36 Ein­hei­ten und eine monat­li­che Abschlags­zah­lung der Schü­le­rIn­nen. Neu ist, dass die Schü­le­rIn­nen nun selbst ent­schei­den kön­nen, wie sie die Ein­hei­ten auf das Jahr ver­tei­len. Damit der Unter­richt wei­ter­hin regel­mä­ßig statt­fin­den kann, haben die Schü­le­rIn­nen einen „Lieb­lings­ter­min“, der reser­viert ist. Wer also wie bis­her zu einem fes­ten Ter­min in die Musik­schu­le gehen möch­te, kann dies auch wei­ter­hin tun. Um Pla­nungs­si­cher­heit für die Dozen­tIn­nen zu haben, ist der jeweils nächs­te gebuch­te Unter­richts­ter­min bin­dend und kann nur bei Krank­heit durch ein Attest stor­niert werden.
Soll­te das Kon­tin­gent auf­ge­braucht sein, kön­nen Schü­le­rIn­nen wei­te­re Ein­hei­ten zukau­fen. Auf die­se Wei­se wird den Schü­le­rIn­nen die Mög­lich­keit gege­ben, die Musik­schu­le noch öfter zu besu­chen. Für die Dozen­tIn­nen bedeu­tet dies Mehr­stun­den auf der Hono­rar- bzw. Gehaltsabrechnung.
Da wir seit der Ein­füh­rung kei­ne Schul­fe­ri­en mehr haben, ist das Modell sowohl für Dozen­tIn­nen als auch für Schü­le­rIn­nen von Vor­teil. Vor allem erwach­se­ne Schü­le­rIn­nen haben durch die­se neue Tarif­form mehr Fle­xi­bi­li­tät. Bei den bis­he­ri­gen Ver­trä­gen war es häu­fig ein Pro­blem, dass Erwach­se­ne außer­halb der Schul­fe­ri­en in Urlaub gin­gen und so immer Unter­richts­ein­hei­ten aus­fie­len. Dies ist bei dem neu­en Ver­trags­mo­dell nicht mehr der Fall, sodass die Musik­schu­le gera­de für die­sen Kun­den­kreis deut­lich attrak­ti­ver wird. Und auch die Dozen­tIn­nen kön­nen ihren Urlaub nun so gestal­ten, wie es in ande­ren Bran­chen üblich ist. Dem­nach ist es den Dozen­tIn­nen jetzt also auch mög­lich, Urlaub außer­halb der Schul­fe­ri­en zu nehmen.

Abo­ta­ri­fe

Die neu­en Abo­ta­ri­fe haben bei uns den Mar­ken­na­men „Frei­Raum“ bekom­men. Zum einen weist die­ser Name auf einen „frei­en Raum“ hin und zum ande­ren ist er ein Syn­onym für freie Zeit- und Ange­bots­ge­stal­tung. Die Umset­zung eines Kon­zepts mit Abo­ta­ri­fen benö­tigt jedoch eini­ge Ver­än­de­run­gen für den Unter­richt und des­sen Pla­nung. Hier gibt es zwei Her­aus­for­de­run­gen: Ers­tens müs­sen die Unter­richts­ein­hei­ten in sich abschlie­ßen, zwei­tens ent­ste­hen durch das Abo­mo­dell meist hete­ro­ge­ne Grup­pen, für die ein spe­zi­el­les Unter­richts­pro­gramm vor­han­den sein muss. Außer­dem müs­sen glei­che Kur­se, die an ver­schie­de­nen Tagen statt­fin­den, die glei­chen Lern­in­hal­te haben, um den mög­li­chen Anschluss zu gewähr­leis­ten. Eine glei­che Lie­der­aus­wahl und glei­che Theo­rie­the­men sind dafür Vor­aus­set­zung. Wenn die­se Arbeit gemacht ist, kann man Musik­un­ter­richt als „Flat­rate“ anbie­ten. So kön­nen Kin­der und Erwach­se­ne nach Belie­ben in der jewei­li­gen Kurs­stu­fe den Unter­richt besu­chen, sodass sie durch­aus auch eine Wei­le aus­set­zen, einen ande­ren Kurs besu­chen und wie­der zum vor­he­ri­gen Kurs zurück­keh­ren können.
Abge­se­hen vom Unter­richt ist es in Mari­os Musik­schu­le durch den Abo­ta­rif nun mög­lich, das Üben in die Musik­schu­le zu ver­le­gen. Gera­de in der Stadt kön­nen vie­le Men­schen zu Hau­se nicht musi­zie­ren, weil die Laut­stär­ke beim Üben zu hoch, man nicht unge­stört oder das Instru­ment für die Woh­nung zu groß ist. Daher kön­nen bei uns Räu­me inklu­si­ve Instru­ment zum Musi­zie­ren gebucht wer­den. Dies kann sowohl für Ein­zel- als auch Band­pro­ben gesche­hen. Die Musik­schu­le wird so auch zu einem Ort der Begeg­nung und des gemein­sa­men Musizierens.
Jedoch bie­ten wir über unse­re Instru­men­ten­ver­mie­tung auch ein Fle­xi-Abo an. Über die­ses Abo kön­nen die Instru­men­te immer pas­send zum gewähl­ten Kurs mit nach Hau­se genom­men wer­den. So bleibt die Fle­xi­bi­li­tät in der Kurs­wahl erhal­ten und die Übungs­auf­ga­ben sind auch daheim kein Pro­blem. Die Schü­le­rIn­nen erhal­ten so die Mög­lich­keit, sich in der Musik­schu­le und zu Hau­se an ver­schie­de­nen Instru­men­ten auszuprobieren.

Score & Play

Eine digi­ta­le Noten­platt­form steht bei Mari­os Musik­schu­le schon län­ger zur Ver­fü­gung. Unter dem Namen „Score & Play“ wur­de sie vor etwa fünf Jah­ren kom­plett über­ar­bei­tet und neu kon­zi­piert. Sie ist unab­hän­gig vom gebuch­ten Tarif für alle Schü­le­rIn­nen und Dozen­tIn­nen der Musik­schu­le als Flat­rate-Noten­bi­blio­thek online zugänglich.
Die Platt­form beinhal­tet Noten­ma­te­ri­al und didak­tisch auf­be­rei­te­te (Übungs-)Stücke für alle Fach­be­rei­che und Kur­se, sodass fle­xi­ble Instru­men­tal­schu­len („Online­schu­len“) ent­ste­hen. Hier­für beschäf­tigt unse­re Musik­schu­le eigens ein Team von AutorIn­nen, wel­ches Mate­ri­al für die Online­schu­len und das Kurs­pro­gramm schreibt. In der Kate­go­rie „Arran­ge­ments“ kön­nen alle ­Dozen­tIn­nen selbst­ge­schrie­be­nes Mate­ri­al hoch­la­den, wel­ches dann vom gesam­ten Team und der Schü­ler­schaft für den Unter­richt benutzt wer­den kann.
Zusam­men mit den Dis­plays, die in jedem Unter­richts­raum hän­gen, und den iPads, die jeder Lehr­kraft zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, ent­steht so ein weit­ge­hend papier­lo­ses (auf Wunsch wer­den selbst­ver­ständ­lich wei­ter­hin Noten aus­ge­druckt), nach­hal­ti­ges Unter­richts­kon­zept, das uns gera­de in den Lock­downs her­vor­ra­gen­de Diens­te geleis­tet hat.

Fazit nach fast zwei Jahren

Eine Umstel­lung auf Kon­tin­gent- und Abo­ta­ri­fe ver­langt gro­ße Anstren­gun­gen vom gesam­ten Team. Bevor man die­sen Schritt geht, muss genau über­legt wer­den, ob alle tech­ni­schen und räum­li­chen Vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Ohne eine Daten­bank, die die­se Tari­fe ver­wal­tet, besteht kei­ne Chan­ce auf eine erfolg­rei­che Umset­zung. Der nächs­te wich­ti­ge Fak­tor ist die Unter­stüt­zung durch alle Mit­ar­bei­te­rIn­nen: Das gesam­te Team muss vom neu­en Kon­zept über­zeugt sein und es mittragen.
An Mari­os Musik­schu­le haben wir die Um­stellung in zwei Schrit­ten voll­zo­gen. Schritt eins war die Ein­füh­rung der Abo­ta­ri­fe mit der dazu­ge­hö­ri­gen Kurs­struk­tur. Die­se Tari­fe kom­men bei den Schü­le­rIn­nen und Eltern sehr gut an. Sie bie­ten eine gro­ße Fle­xi­bi­li­tät und die Schü­le­rIn­nen müs­sen sich nicht direkt für ein Instru­ment ent­schei­den. Für uns als Musik­schu­le ist die­ses Pro­gramm nach lan­ger Zeit wie­der ein Grup­pen­pro­gramm, das gut funk­tio­niert. Die Schü­ler­zah­len stei­gen gera­de in die­sem Bereich sehr stark und die Aus­las­tung der Kur­se ist bereits jetzt sehr gut.
Die Ein­füh­rung des Bereichs mit Kon­tin­gent­ta­ri­fen war der zwei­te Schritt. Die­se Umstel­lung brach­te am Anfang ein paar Pro­ble­me mit sich, da die neu­en Regeln erst ein­mal für alle Betei­lig­ten klar wer­den muss­ten. Das dau­er­te ca. drei Mona­te. Danach tra­ten aber die Vor­tei­le die­ses Modells sehr deut­lich in den Vor­der­grund. Die Schü­le­rIn­nen sind mit der neu­en indi­vi­du­el­len Ter­min­pla­nung sehr zufrie­den und die Dozen­tIn­nen genie­ßen die Frei­heit, den Stun­den­plan mehr auf ihre Bedürf­nis­se abstim­men zu können.
Ins­ge­samt haben wir es nicht bereut, unse­re Musik­schu­le auf die­sen neu­en Weg zu brin­gen. Wir freu­en uns sehr, dass das Kon­zept eine so gute Reso­nanz fin­det, und den­ken, die Zei­chen der Zeit erkannt und Unter­richts­qua­li­tät mit grö­ße­rer Fle­xi­bi­li­tät in Ein­klang gebracht zu haben.

Lesen Sie wei­te­re Bei­trä­ge in Aus­ga­be 1/2022.