© Silke Schwarz

Schwarz, Silke

Kon­trol­le haben, um flie­gen zu können

Sprezzatura – Souveränität und Leichtigkeit auf der Bühne

Rubrik: Praxis
erschienen in: üben & musizieren 3/2022 , Seite 32

Ein wesentliches Merkmal für musikalisches Können ist Sprezzatura, die Souveränität und Leichtigkeit beim Musizieren. Doch wie erreichen Musizierende unterschiedlicher Alters- und Entwicklungsstufen diesen Zustand auf der Bühne?

Giu­lio Cac­ci­ni (1551–1618) war einer der bedeu­tends­ten Sän­ger und Gesangs­leh­rer in Flo­renz. In sei­ner Samm­lung Le nuo­ve musi­che von 1602 ver­öf­fent­lich­te er Madri­ga­le und Ari­en, die in Dur-Moll-Har­mo­nik, mit Gene­ral­bass­be­glei­tung und zahl­rei­chen rhe­to­ri­schen und laut­ma­le­ri­schen Moti­ven kom­po­niert waren. Die­se Mono­di­en gel­ten neben den Wer­ken von Jaco­po Peri und Clau­dio Mon­te­ver­di als ers­te Bei­spie­le des affekt­haf­ten, lei­den­schaft­li­chen Solo­ge­sangs und bil­de­ten die Grund­la­ge zur Ent­ste­hung der Oper. Im Vor­wort for­mu­liert Cac­ci­ni sein Inter­pre­ta­ti­ons­ide­al die­ser neu­en Musik. Die Ari­en soll­ten gefühls­be­tont und aus­drucks­stark („can­t­ar con affet­to“) sowie mit einer gewis­sen vor­neh­men Läs­sig­keit des Sin­gens („una cer­ta nobi­le sprez­za­tu­ra di can­to“) vor­ge­tra­gen werden.1 Die­se Art des Vor­trags begeis­ter­te das Publi­kum und in kür­zes­ter Zeit erober­te das ita­lie­ni­sche Vir­tuo­sen­tum die musi­ka­li­sche Welt.
Sprez­za­tu­ra, also die Sou­ve­rä­ni­tät im musi­ka­li­schen Vor­trag, ist bis heu­te ein zen­tra­les Kri­te­ri­um von Vir­tuo­sen­tum und Exzel­lenz. Syn­onym wird die­se Kom­pe­tenz auch als Mühe­lo­sig­keit, Selbst­ver­ständ­lich­keit, Gra­zi­li­tät oder Leich­tig­keit beschrie­ben, wie die fol­gen­den Rezen­sio­nen verdeutlichen:

Hier spielt Mil­stein bei­de Vio­lin­kon­zer­te mit der uner­gründ­li­chen Leich­tig­keit eines Vir­tuo­sen, der sich in den tech­nisch anspruchs­vol­len Pas­sa­gen nicht aus­tobt, son­dern sou­ve­rän dem Hörer einen Blick auf die Musik erlaubt.“2
„[Yvonne Lori­od] kul­ti­vier­te eine urei­ge­ne Klang­spra­che, die sich beson­ders durch ihre beein­dru­cken­de Gra­zi­li­tät aus­zeich­net. […] Die eben­so form­stren­gen wie wil­den Impres­sio­nen, die Bou­lez in sei­ne berüch­tig­te Sona­te ein­ge­baut hat­te, barg sie mit erstaun­li­cher Selbstverständlichkeit.“3

Sprez­za­tu­ra erwächst dem­nach aus einer Beherr­schung der musi­ka­li­schen Pas­sa­gen, die vom Publi­kum als peak per­for­mance wahr­ge­nom­men wird. Damit sind Leis­tun­gen gemeint, die „krea­ti­ver, pro­duk­ti­ver, effi­zi­en­ter oder auf ande­re Wei­se bes­ser sind als ‚gewöhn­li­che‘ Leistungen“.4
Anders als im Flow, bei dem die Musi­zie­ren­den eine Har­mo­nie zwi­schen Gefühl, Gedan­ken und Hand­lun­gen erle­ben, ist dies bei der Sprez­za­tu­ra nicht zwangs­läu­fig der Fall. So kön­nen unvor­her­ge­se­he­ne Schwie­rig­kei­ten unan­ge­neh­me Affek­te bei den Musi­zie­ren­den aus­lö­sen. Deren Bewäl­ti­gung führt wie­der­um zur Erfah­rung von Gelin­gen und sou­ve­rä­ner Handlungsfähigkeit.

Sprez­za­tu­ra, also die Sou­veränität im musi­ka­li­schen Vor­trag, ist bis heu­te ein ­zen­tra­les Kri­te­ri­um von Vir­tuo­sen­tum und Exzellenz.

Sprez­za­tu­ra fußt also zum einen auf der auto­ma­ti­sier­ten Beherr­schung der Anfor­de­run­gen. Zum ande­ren ist die Leich­tig­keit der Sprez­za­tu­ra oft­mals Resul­tat einer Erleich­te­rung. Die­se Erleich­te­rung stellt sich ein, wenn ein Wag­nis, also eine schwie­ri­ge Pas­sa­ge, ein außer­ge­wöhn­li­ches Tem­po oder eine unver­füg­ba­re Situa­ti­on auf der Büh­ne gemeis­tert wird. Sie kann aber auch durch das Los­las­sen men­ta­ler oder kör­per­li­cher Span­nun­gen erreicht werden.

Auto­ma­ti­sie­rung und Bewusstsein

Sprez­za­tu­ra auf der Büh­ne gelingt nur, wenn die erfor­der­li­chen moto­ri­schen Abläu­fe des Musi­zie­rens weit­ge­hend auto­ma­ti­siert ablau­fen. Die Auto­ma­ti­sie­rung ist jedoch mit Chan­cen und Risi­ken ver­bun­den. Im bes­ten Fall wer­den schwie­ri­ge Bewe­gungs­ab­läu­fe durch das wie­der­hol­te Üben beherrscht, sodass an Stel­le blo­ßer Tech­nik die künst­le­ri­sche Gestal­tung fokus­siert wer­den kann. Im ungüns­tigs­ten Fall füh­ren dau­ern­des Wie­der­ho­len oder gar Ein­schleif­pro­zes­se zu geist­losem Her­un­ter­lei­ern, bei dem sich nega­ti­ve Bewe­gungs­mus­ter wie Ver­span­nun­gen oder Hal­tungs­schä­den kon­so­li­die­ren können.
Das Span­nungs­feld zwi­schen Bewusst­sein und Auto­ma­ti­sie­rung beschäf­tigt die Musik­päd­ago­gik seit Lan­gem. Die legen­dä­re Gesangs­päd­ago­gin Fran­zis­ka Mar­tien­ßen-Loh­mann frag­te bereits 1923: „Was darf und soll nun aber ‚bewußt‘ sein beim Sin­gen?“ Beant­wor­tet hat sie jedoch zuerst die gegen­tei­li­ge Fra­ge, näm­lich: „Was darf nicht bewusst sein beim Sin­gen? […] Kei­nes­falls darf durch dazwi­schen­ge­scho­be­ne Begrif­fe das not­wen­dig Auto­ma­ti­sche der Funk­tio­nen gestört werden.“5 Sie prä­zi­sier­te dies in prak­ti­schen Bei­spie­len und pos­tu­lier­te, dass eine auto­ma­tisch funk­tio­nie­ren­de Atmung die Grund­la­ge des Schwell­tons sei. „Solan­ge die Atmung über­haupt noch Bewußt­heit und Auf­merk­sam­keit erfor­dert, kann der Schwell­ton nicht in das [sic] Bereich der Übung ein­be­zo­gen werden.“6
Die­ses Vor­ge­hen anti­zi­piert grund­le­gen­de Erkennt­nis­se der heu­ti­gen Koor­di­na­ti­ons­schu­lung, in der die Auto­ma­ti­sie­rung nicht das Ziel, son­dern der Aus­gangs­punkt der Ent­wick­lung ist. Vor allem bei Kin­dern bedeu­tet Koor­di­na­ti­ons­schu­lung „nicht das Erler­nen von kom­ple­xen bis­her nicht beherrsch­ten Bewe­gungs­fol­gen, son­dern die Sta­bi­li­sie­rung und Varia­ti­on von ein­fa­chen Bewegungen“.7 Beherrsch­te Fer­tig­kei­ten wie Hüp­fen, Lau­fen oder Balan­cie­ren wer­den dann durch soge­nann­te Druck­be­din­gun­gen wei­ter­ent­wi­ckelt und in kom­ple­xes Bewe­gungs­han­deln über­führt (sie­he Tabel­le „Druck­be­din­gun­gen“ auf der nächs­ten Seite).8 Wird eine Bewe­gung nicht beherrscht, wer­den die ent­spre­chen­den Druck­be­din­gun­gen ver­ein­facht, bis die Fer­tig­keit auto­ma­ti­siert abläuft. Dabei gel­ten die Leit­sät­ze gelin­gen­den Unter­richts, näm­lich das Prin­zip der Neu­ar­tig­keit, der Viel­sei­tig­keit und der Freudbetontheit.9

1 Cac­ci­ni, Giu­lio: Le Nuo­ve Musi­che, Flo­renz 1602, Vor­wort Ai Lettori.
2 Ste­phan Bult­mann in: Preis der deut­schen Schall­plat­ten­kri­tik: Aus­ge­zeich­net! Die Prei­se und Bes­ten­lis­ten 2019, Ber­lin 2019, S. 55, www.schallplattenkritik.de/ media/pdsk-ausgezeichnet-2019.pdf (Stand: 21.4.2022).
3 Klas­sik­ak­zen­te: „Begna­de­te Pia­nis­tin und Muse Mes­sia­ens – Hoch­wer­ti­ge Edi­ti­on von Yvonne Lori­od“, Ber­lin 2019, www.klassikakzente.de/diverse-kuenstler/news-und-rezensionen/begnadete-pianistin-und-muse-messiaens-hochwertige-edition-von-yvonne-loriod-253871 (Stand: 21.4.2022).
4 Abfal­ter, Dag­mar: Das Unmess­ba­re mes­sen? Die Kons­truktion von Erfolg im Musik­thea­ter, Wies­ba­den 2010, S. 193.
5 Mar­tien­ßen, Fran­zis­ka: Das bewuß­te Sin­gen. Grund­lagen des Gesangs­stu­di­ums, Frank­furt 31951, S. 17.
6 ebd., S. 91.
7 Schwarz, Sil­ke: Musi­ka­li­sche Bewe­gungs­spie­le. Koor­di­na­ti­ons­schu­lung in der Pri­mar­stu­fe, Schorn­dorf 2018, S. 14.
8 nach Krö­ger, Christian/Roth, Klaus: Koor­di­na­ti­ons­schu­lung im Kin­des- und Jugend­al­ter, Schorn­dorf 22021, S. 17.
9 ebd., S. 17 und 21.

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