Hellberg, Bianca

Koor­di­na­ti­ons­pro­zes­se beim Musi­zie­ren im Instru­men­ta­len ­Grup­pen­un­ter­richt

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Waxmann, Münster 2019
erschienen in: üben & musizieren 3/2020 , Seite 59

In einer explo­ra­ti­ven empi­ri­schen Stu­die beschäf­tigt sich Bian­ca Hell­berg mit einem beson­de­ren Moment des gemein­sa­men Inst­rumentalspiels, in dem es den Musi­zie­ren­den im Rah­men inter­per­so­na­ler Koor­di­na­ti­ons­pro­zes­se durch Bewe­gungs- und Klang-anglei­chung gelingt, zu einem gemein­sa­men Klang­kör­per zu wer­den. Die­sen Aspekt, der für jede Musi­zier­si­tua­ti­on in Grup­pen von Bedeu­tung ist, bezieht Hell­berg in ihrer Arbeit auf musi­ka­li­sche Lern­si­tua­tio­nen in insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten und bear­bei­tet damit ein musik­päd­ago­gi­sches Desi­de­rat. Dabei inter­es­siert sie ins­be­son­de­re, inwie­fern sich Koor­di­na­ti­on beim gemein­sa­men Musi­zie­ren inner­halb des Instru­men­ta­len Grup­pen­un­ter­richts merk­mals­ba­siert beschrei­ben lässt, wie Leh­re­rIn­nen und Schü­le­rIn­nen Koor­di­na­ti­on erle­ben, her­stel­len und das Phä­no­men im Unter­richt nut­zen, sowie die Fra­ge, inwie­fern der situa­ti­ve Kon­text des Unter­richts Koor­di­na­ti­on beim Musi­zie­ren beein­flusst. Dar­über hin­aus ist es ihr Ziel, aus ihren empi­ri­schen Beob­ach­tun­gen didak­ti­sche Impli­ka­tio­nen für die Gestal­tung gemein­sa­mer Musi­zier­se­quen­zen im Instru­men­ta­len Grup­pen­un­ter­richt abzu­lei­ten.
Aus­ge­hend von einer Begriffs­schär­fung betrach­tet Hell­berg Koor­di­na­ti­on im Kon­text musi­ka­li­schen Han­delns aus (musik-)soziologischer, (musik-)psychologischer sowie sozi­al­psy­cho­lo­gi­scher Per­spek­ti­ve. Für eine musik­päd­ago­gi­sche Per­spek­ti­ve auf das Phä­no­men schließt sich dar­auf­hin eine Betrach­tung von Koor­di­na­ti­on im Musi­zier­un­ter­richt an, die in Bezug auf Musik­lern­theo­ri­en und unter Berück­sich­ti­gung von musik­di­dak­ti­schen und instru­men­tal­di­dak­ti­schen Über­le­gun­gen erfolgt. Da die der Stu­die zugrun­de­lie­gen­den empi­ri­schen Daten in Form von video­gra­fier­ten Grup­pen­un­ter­richts­stun­den sowie qua­li­ta­ti­ven Inter­views mit Leh­re­rIn­nen und Schü­le­rIn­nen im Strei­cher­klas­sen­un­ter­richt, Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt und im JeKi-Unter­richt erho­ben wur­den, dis­ku­tiert Hell­berg die Beson­der­hei­ten des For­schungs­felds in Bezug auf den Aspekt eines Instru­men­ta­len Grup­pen­un­ter­richts im Set­ting der all­ge­mein­bil­den­den Schu­le und beschreibt schließ­lich ihre Stich­pro­be sowie ihr metho­di­sches Vor­ge­hen aus­führ­lich und reflek­tiert.
Nah an den empi­ri­schen Daten und dabei metho­disch trans­pa­rent, anschau­lich und pra­xis­nah berich­tet Hell­berg die Ergeb­nis­se ihrer empi­ri­schen Unter­su­chung, indem sie ein­zel­ne Bei­spie­le aus dem Mate­ri­al mehr­fach anführt und mit einem jeweils unter­schied­li­chen Fokus dis­ku­tiert. Dabei iden­ti­fi­ziert sie sowohl Merk­ma­le von Koor­di­na­ti­on sowie Gelin­gens­be­din­gun­gen für Koor­di­na­ti­ons­pro­zes­se beim Musi­zie­ren. Mit der Benen­nung eines koor­di­na­ti­ven Raums arbei­tet sie schließ­lich die zen­tra­le Kate­go­rie ihrer Arbeit her­aus, aus der sich ein beson­de­res Poten­zi­al für die Hand­lungs­pra­xis der Leh­ren­den ergibt. Hier­bei han­delt es sich um ein koor­di­na­ti­ons­freund­li­ches Umfeld, das vor dem Musi­zie­ren von den Leh­ren­den zu gestal­ten ist. Hell­berg stellt dabei den Kreis als Ide­al­form des koor­di­na­ti­ven Raums her­aus und zeigt die unter­schied­li­chen Nut­zungs­wei­sen des koor­di­na­ti­ven Raums durch die Leh­ren­den auf. Dar­über hin­aus dis­ku­tiert sie am Bei­spiel ihres Mate­ri­als die Aus­wir­kung der situa­ti­ven Rah­mung eines Unter­richts­set­tings auf das koor­di­nier­te Musi­zie­ren.
Durch inhalt­li­che Zusam­men­füh­run­gen an geeig­ne­ten Stel­len, einem expli­zi­ten Kapi­tel zum Ertrag der empi­ri­schen Stu­die und abschlie­ßen­den Dis­kus­sio­nen der Unter­su­chungs­er­geb­nis­se aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven fasst Hell­berg die wesent­li­chen Erkennt­nis­se der aus­führ­lich dar­ge­stell­ten Ergeb­nis­se regel­mä­ßig für die Lese­rIn­nen zusam­men. Mit ihren zwölf Stich­wor­ten zur Refle­xi­on der Koordina­tionsprozesse im eige­nen Unter­richt lie­fert sie zudem for­schungs­ba­sier­te Anre­gun­gen für die gedank­li­che und prak­ti­sche Wei­ter­ar­beit im Unter­richt.
Sebas­ti­an Herbst