Hayward, Klara

Lass es mich selbst wollen!“

Selbstbestimmung im Sinne von Mündigkeit als anzustrebende Motivationsqualität

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 1/2022 , Seite 12

Wie motiviere ich meine SchülerIn­nen, ohne sie zu manipulieren? Indem ich aufhöre, sie motivieren zu wollen, und damit anfange, sie in ihrer Selbstbestimmung zu fördern.

Wie in vie­len Bil­dungs­kon­tex­ten wird auch für den Ins­t­ru­men­tal- und Gesangs­un­ter­richt häu­fig die Fra­ge for­mu­liert: Wie moti­vie­re ich als Instru­men­tal­päd­ago­gin mei­ne Schü­le­rIn­nen zum „Dran­blei­ben“ und für das Üben zuhau­se? Nicht sel­ten wird die­se Fra­ge als Reak­tion auf einen emp­fun­de­nen Man­gel an Moti­va­ti­on bei einem Schü­ler gestellt, in der Hoff­nung, Stra­te­gien zu fin­den, die die­sem Man­gel Abhil­fe schaf­fen. Es sind sol­che Situa­tio­nen, in denen dann z. B. ver­sucht wird, über die Ver­ga­be von Smi­leys Hand­lungs­an­rei­ze zu schaf­fen und dadurch die Moti­va­ti­on zu steigern.
So nach­voll­zieh­bar sol­che Über­le­gun­gen aus der Per­spek­ti­ve der Unter­richts­pra­xis auch sein mögen, so fin­de ich sie den­noch pro­ble­ma­tisch, denn ihnen haf­tet ein mani­pu­la­ti­ver Cha­rak­ter an. Dies wird deut­lich, wenn man die Über­le­gun­gen auf ihren Kern redu­ziert, wel­cher sich fol­gen­der­ma­ßen for­mu­lie­ren lässt: Wie brin­ge ich mei­nen Schü­ler oder mei­ne Schü­le­rin dazu, etwas zu tun, was er oder sie von sich aus eigent­lich gar nicht tun möchte?
Im vor­lie­gen­den Arti­kel möch­te ich den Umgang mit Moti­va­ti­on auf eine nicht-mani­pu­la­ti­ve Grund­la­ge stel­len. Ent­schei­dend hier­für ist, dass Moti­va­ti­on nicht nur quan­ti­ta­tiv, son­dern vor allem qua­li­ta­tiv betrach­tet wird. Ein qua­li­ta­ti­ver Anspruch an das moti­va­tio­na­le Erle­ben von Schü­le­rIn­nen schließt mani­pu­la­ti­ves Ein­grei­fen in den Lern­pro­zess von Sei­ten der Lehr­per­son aus. Solch einen Anspruch fas­se ich in den Begriff der Mündigkeit.1 Er bün­delt ver­schie­de­ne moti­va­tio­na­le Zustän­de, die trotz ihrer Ver­schie­den­heit gemein­sa­me Cha­rak­te­ris­ti­ka auf­wei­sen. Die Bedeu­tungs­ge­schich­te des Begriffs ver­weist dabei auf das zen­tra­le gemein­sa­me Cha­rak­te­ris­ti­kum: Es sind Moti­va­ti­ons­for­men, die sich zuvor­derst über einen maxi­ma­len Grad an erleb­ter Selbst­be­stim­mung definieren.2

Drei selbst­be­stimm­te moti­va­tio­na­le Zustände

Grund­la­ge mei­nes Mün­dig­keits­kon­zepts ist die Selbst­be­stim­mungs­theo­rie (Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry = SDT) von Edward L. Deci und Richard M. Ryan. Im Ver­gleich zu ande­ren Moti­va­ti­ons­theo­rien ist es ein Spe­zi­fi­kum der SDT, dass sie sich neben der Quan­ti­tät sehr dif­fe­ren­ziert mit der Qua­li­tät von Moti­va­ti­on befasst.3 Die jewei­li­ge Qua­li­tät ver­schie­de­ner Moti­va­ti­ons­for­men wird – wie der Titel der Theo­rie besagt – zuvor­derst über deren Grad an Selbst­be­stim­mung bestimmt.
Anhand der SDT las­sen sich drei moti­va­tio­na­le Zustän­de her­aus­ar­bei­ten, die sich durch einen maxi­ma­len Grad an Selbst­be­stim­mung aus­zeich­nen: intrinsi­sche Moti­va­ti­on, integ­riert extrinsi­sche Moti­va­ti­on und – als not­wen­di­ge Vor­aus­set­zung für die Ent­wick­lung inte­griert extrinsi­scher Moti­va­ti­on – erfolg­rei­che Inter­na­li­sie­rungs­pro­zes­se. Bei allen ande­ren For­men der Moti­va­ti­on ist der Grad an erleb­ter Selbst­be­stim­mung durch antei­li­ge Fremd­be­stim­mung zumin­dest geschmä­lert, wenn nicht gar voll­stän­dig durch Fremd­be­stim­mung ersetzt.
Intrinsi­sche Moti­va­ti­on scheint – zunächst – für päd­ago­gi­sches Han­deln nicht von zen­tra­lem Inter­es­se, da sie sich nicht „erzeu­gen“ lässt. Per defi­ni­tio­nem ist aus­ge­schlos­sen, dass von außen kom­men­de Impul­se, wie Auf­for­de­run­gen einer Lehr­per­son, kon­kre­te intrinsisch moti­vier­te Hand­lun­gen aus­lö­sen. Der Impuls für eine intrinsisch moti­vier­te Tätig­keit ent­springt der han­deln­den Per­son selbst. Die Tätig­keit wird frei von jeg­li­chen ande­ren Beweg­grün­den aus rei­nem Inter­es­se oder rei­ner Freu­de an der Tätig­keit von der han­deln­den Per­son selbst gewählt. Aller­dings kann das Auf­kom­men von intrinsi­scher Moti­va­ti­on durch die sozia­le Umge­bung erschwert, wenn nicht gänz­lich gehemmt werden.4 Die Bedeu­tung päd­ago­gi­schen Han­delns, wel­ches sich ja als Gestal­tung einer sozia­len Umge­bung auf­fas­sen lässt, darf also auch für die intrinsi­sche Moti­va­ti­on nicht unter­schätzt werden.
Eine akti­ve­re Rol­le inner­halb mei­ner Mün­dig­keits­kon­zep­ti­on kommt der sozia­len Umge­bung bei der zwei­ten Moti­va­ti­ons­form und ihrer not­wen­di­gen Vor­aus­set­zung zu: integ­riert extrinsi­sche Moti­va­ti­on und die sich dahin­ter ver­ber­gen­den Inter­na­li­sie­rungs­pro­zes­se. Per defi­ni­tio­nem steht hin­ter der extrinsi­schen Moti­va­ti­on ein äuße­rer Handlungsimpuls.
Vie­le Moti­va­ti­ons­theo­rien, die nur von einer uni­for­men extrinsi­schen Moti­va­ti­on aus­ge­hen, wür­den auf­grund des exter­nen Hand­lungs­im­pul­ses die sodann extrinsisch moti­vier­te Hand­lung per se als fremd­be­stimmt anse­hen. Laut der SDT kön­nen jedoch trotz exter­ner Regu­la­ti­on extrinsisch moti­vier­te Hand­lun­gen durch­aus selbst­be­stimmt erlebt wer­den – sofern die Anfor­de­rung von der han­deln­den Per­son voll­stän­dig inter­na­li­siert und somit in das eige­ne Selbst inte­griert wurde.
Bei solch einem Inter­na­li­sie­rungs­pro­zess setzt sich die Per­son mit den äuße­ren Hand­lungs­auf­for­de­run­gen und den sich dahin­ter ver­ber­gen­den Wer­ten aus­ein­an­der, setzt die­se in Bezug zu ihren eige­nen Wer­te­vor­stel­lun­gen und bringt sie idea­ler­wei­se in Ein­klang mit dem eige­nen Selbst. Dann ste­hen die äuße­ren Auf­for­de­run­gen nicht mehr im Wider­spruch zur eige­nen Per­son. Die Per­son kann den Auf­for­de­run­gen nach­ge­hen, ohne auf Selbst­be­stim­mung zu ver­zich­ten, da sie nun nicht aus­schließ­lich äuße­ren Auf­for­de­run­gen nach­kommt, son­dern auch bzw. zuvor­derst gemäß ihren eige­nen Wer­te­vor­stel­lun­gen handelt.5
Ein Inter­na­li­sie­rungs­pro­zess bringt zwei der drei psy­chi­schen Grund­be­dürf­nis­se, die der Mensch gemäß der SDT hat,6 in Ein­klang: sein Bedürf­nis nach sozia­ler Ein­ge­bun­den­heit, wel­ches ihn dazu ver­an­lasst, sich einer sozia­len Grup­pe und deren Hand­lungs­im­pul­sen anzu­pas­sen, und sein Bedürf­nis nach Selbst­be­stim­mung, das ihn dazu ver­an­lasst, gemäß sei­nen eige­nen Inter­es­sen und Wer­te­vor­stel­lun­gen zu agieren.7 Dass die­se bei­den Grund­be­dürf­nis­se durch­aus in Kon­kur­renz zuein­an­der tre­ten kön­nen, wird noch deut­lich werden.

1 Der vor­lie­gen­de Arti­kel hat vie­le Berüh­rungs­punk­te mit mei­ner Dis­ser­ta­ti­on, in der ich ein Kon­zept musi­ka­li­scher Mün­dig­keit ent­wor­fen habe. Dafür habe ich nicht nur einen qua­li­ta­ti­ven Anspruch an das moti­va­tio­na­le Erle­ben, son­dern auch an das Musi­zie­ren for­mu­liert und dar­über den Anspruch der Selbst­be­stim­mung an musi­ka­li­sches Han­deln gebun­den. Hier gebe ich nur in sehr begrenz­tem Umfang und mit etwas ande­rem Fokus den Anspruch an das moti­va­tio­na­le Erle­ben zusam­men­fas­send wie­der und gehe der Anbin­dung an musi­ka­li­sches Han­deln nicht wei­ter nach. Vgl. Kla­ra Hay­ward: Musi­ka­li­sche Mün­dig­keit – eine bestimm­te Qua­li­tät im Erle­ben des eige­nen Selbst beim Musi­zie­ren“ (im Druck bei Waxmann).
2 Der Begriff der Mün­dig­keit hat einen umfang­rei­chen phi­lo­so­phi­schen und bil­dungs­theo­re­ti­schen Dis­kurs pro­vo­ziert. Bei aller Diver­sität des Dis­kur­ses lässt sich laut Mar­kus Spei­del als gemein­sa­mer Bedeu­tungs­kern „das Frei­heits­ver­mö­gen des han­deln­den Sub­jekts und die [damit] ein­her­ge­hen­de Ver­ant­wor­tungs­pflicht“ aus­ma­chen (Erzie­hung zur Mün­dig­keit und Kants Idee der Frei­heit, Frank­furt am Main 2014, S. 69). Dies ent­spricht unse­rem all­tags­sprach­li­chen Ver­ständ­nis: Das Digi­ta­le Wör­ter­buch Deut­scher Spra­che umschreibt Mün­dig­keit als „Ver­mö­gen, selbst­be­stimmt und ver­ant­wor­tungs­voll zu han­deln“ (www.dwds.de/wb/Mündigkeit, Stand: 2.12.2021). Da über den Kon­text der Moti­va­ti­on mein Dis­kurs­hin­ter­grund ein psy­cho­lo­gi­scher ist und des­we­gen die Qua­li­tät von Mün­dig­keit ins Erle­ben einer Per­son ver­la­gert ist, spre­che ich von „erleb­ter Selbst­be­stim­mung“ als zen­tra­le Qua­li­tät, wel­che ein Ver­ant­wor­tungs­ge­fühl aus psy­cho­lo­gi­scher Sicht impliziert.
3 Die qua­li­ta­ti­ve Aus­dif­fe­ren­zie­rung von Moti­va­ti­on ist in eine der Mini-Theo­rien gefasst, in die sich die Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry auf­teilt: „Orga­nis­mic Inte­gra­ti­on Theo­ry“; vgl. z. B. Richard M. Ryan/Edward L. Deci: Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry. Basic Psy­cho­lo­gi­cal Needs in Moti­va­ti­on, Deve­lo­p­ment and Well­ness, New York 2017, Kap. III. 8.
4 vgl. ebd., S. 123 ff.; Richard M. Ryan/Edward L. Deci: „Over­view of Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry. An Orga­nis­mic Dialec­ti­cal Per­spec­ti­ve“, in: Edward L. Deci/Richard M. Ryan (Hg.): Hand­book of Self-Deter­mi­na­ti­on Rese­arch, New York 2002, S. 10; Richard M Ryan/Edward L. Deci: „Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry and the Faci­li­ta­ti­on of Intrinsic Moti­va­ti­on, Social Deve­lo­p­ment, and Well-Being“, in: Ame­ri­can Psy­cho­lo­gist 1/2000, S. 72; Edward L. Deci/Richard M. Ryan: „The ,What‘ and ,Why‘ of Goal Pur­su­it. Human Needs and the Self-Deter­mi­na­ti­on of Beha­viour“, in: Psy­cho­lo­gi­cal Inqui­ry 4/2000, S. 233 f.
5 vgl. Deci/Ryan, „The ,What‘ and ,Why‘“, S. 235 f., 239; Ryan/Deci, „Over­view of Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry“, S. 15, 19; Ryan/Deci, „Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry and the Faci­li­ta­ti­on of Intrinsic Moti­va­ti­on“, S. 71 ff.; Ryan/Deci, Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry, S. 189 f.
6 vgl. u. a. Ryan/Deci, Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry, Kap. III. 10.; Deci/Ryan, „The ,What‘ and ,Why‘“.
7 vgl. Ryan/Deci, „Over­view of Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry“, S. 5–9; Ryan/Deci, Self-Deter­mi­na­ti­on Theo­ry, S. 4, 8 f., 10 f.; Deci/Ryan, „The ,What‘ and ,Why‘“, S. 231.

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