Röbke, Peter

Lehr­kräf­te als eier­le­gen­de Woll­milch­säue?

Ein Plädoyer für das Ende der Überforderung

Rubrik: Aufsatz
erschienen in: üben & musizieren 4/2012 , Seite 16

Der Berufsalltag von Musikschul­lehrkräften hält in Hinsicht der arbeitsrechtlichen Absicherung oder der tariflichen Entlohnung genügend Enttäuschungen bereit – umso mehr sollten sich MusikschullehrerInnen der herausfordernden Eigenheiten ihres Berufs bewusst sein und Stolz auf dessen Einzigartigkeit unter den pädagogischen Professionen ent­wickeln können.

I – Berufs­all­tag

Musik­schul­leh­rer oder Musik­schul­leh­re­rin sein – das ist schon etwas Beson­de­res. Erwar­tet wird von der Musik­schul­lehr­kraft der pro­fes­sio­nel­le Umgang mit Schü­le­rIn­nen aller Alters­tu­fen: Dass sie also mit dem Lern­ver­hal­ten von Vor­schul- oder Grund­schul­kin­dern eben­so zurecht­kommt wie mit den Kri­sen von Puber­tie­ren­den, der Unge­duld erwach­se­ner Instru­men­tal­schü­le­rIn­nen oder den Lern­an­stren­gun­gen von Schü­le­rIn­nen im Pen­si­ons­al­ter. Erwar­tet wird ein Unter­richt, der zwi­schen Bewe­gungs­leh­re und Kunst­erschließung eben­so oszil­liert wie zwi­schen dem Anspruch der Meis­ter­wer­ke und dem Recht eines jeden Ein­zel­nen, sich musi­ka­lisch in aller Frei­heit aus­zu­drü­cken. Erwar­tet wird ein päd­ago­gi­sches Ver­hal­ten, das von Exper­ti­se wie Cha­ris­ma genährt wird und sich der beson­de­ren Ver­ant­wor­tung für lang­jäh­ri­ge und enge Leh­rer-Schü­ler-Bezie­hun­gen bewusst ist und gleich­zei­tig den Gel­tungs­be­reich der Didak­tik immer wie­der über­schrei­tet, also für Lern- und Musizier­anlässe in Ensem­bles oder all­ge­mei­ner: in musi­ka­li­schen „Com­mu­nities of Prac­tice“ sorgt.

Ganz im Ernst: Ist ein ­Berufs­all­tag, wie ich ihn im Fol­gen­den beschrei­be, zu bewäl­ti­gen?

Gleich­wohl: Schon in die­ser Beschrei­bung wird ten­den­zi­ell Über­for­de­rung spür­bar. Und erst recht könn­te der ein­zel­nen Lehr­kraft bei der Lek­tü­re der fol­gen­den Pas­sa­ge aus einem Bei­trag zwei­er füh­ren­der Ver­tre­ter des VdM die Luft weg blei­ben: „Lehr­kräf­te an Musik­schu­len […] sol­len in meh­re­ren musi­ka­li­schen Berei­chen, in Klas­sik, Pop, Jazz, Folk, Neue Musik und Impro­vi­sa­ti­on etc. Impul­se geben. Sie sol­len aber auch […] Bil­dungs­ver­läu­fe lang­fris­tig beglei­ten und gestal­ten, somit auch Fort­ge­schrit­te­ne bis hin zur Stu­dier­fä­hig­keit unter­rich­ten kön­nen. Sie brau­chen Kom­pe­ten­zen im Ein­zel-, Klein­grup­pen- und Groß­grup­pen­un­ter­richt, in der Spit­zen- und Brei­ten­för­de­rung, im Strei­cher- oder Blä­ser­klas­sen­un­ter­richt, sie brau­chen Fähig­kei­ten in Ensem­ble­lei­tung, in der Früh­för­de­rung und beim Musik­un­ter­richt mit Erwach­se­nen und Men­schen im höhe­ren Lebensalter.“1
Ganz im Ernst: Ist ein Berufs­all­tag, wie ich ihn im Fol­gen­den beschrei­be, zu bewäl­ti­gen? Kann ein ein­zel­ner Musik­schul­päd­ago­ge – in die­sem Fall ein Kla­ri­net­ten­leh­rer – am Mor­gen die Blä­ser­klas­se in der Grund­schu­le füh­ren, in die Arbeit mit der Klas­se rhyth­mi­sche Schu­lung und Gehör­bil­dung inte­grie­ren sowie an Stü­cken eben­so arbei­ten wie das Impro­vi­sie­ren anre­gen, in die­sem Kon­text Regis­ter­pro­ben für die Kla­ri­net­tis­ten abhal­ten, anschlie­ßend mit einem Sech­zehn­jäh­ri­gen, der sich auf die Auf­nah­me­prü­fung an der Musik­hoch­schu­le vor­be­rei­tet, an der Inter­pre­ta­ti­on des mozart­schen Kla­ri­net­ten­kon­zerts arbei­ten und mit ihm die Stim­me eines bei „Jugend musi­ziert“ erfolg­rei­chen Blä­ser­quin­tetts, des­sen Pro­be am fol­gen­den Tag statt­fin­den wird, durch­ge­hen, spä­ter mit einem Vier­zehn­jäh­ri­gen in die Jazz-Impro­vi­sa­­ti­on oder in die Klez­mer-Musik ein­stei­gen, dar­auf eine Grup­pe erwach­se­ner (Wie­der-) Anfän­ger betreu­en und am frü­hen Abend die Pro­be der Blas­ka­pel­le lei­ten und deren Kla­ri­net­tis­ten kur­ze unter­stüt­zen­de Unter­richts­ein­hei­ten ertei­len? Das mag ein talen­tier­ter All­roun­der schaf­fen, als Anfor­de­rungs­pro­fil für alle Lehr­kräf­te taugt die­se Beschrei­bung nicht – man darf und soll­te sich ent­schei­den!

II – Stu­di­um

Mei­ne Stu­die­ren­den ahnen, was auf sie zukom­men wird, und natür­lich will sich auch mei­ne Hei­mat­uni­ver­si­tät, die Uni­ver­si­tät für Musik und dar­stel­len­de Kunst in Wien, nicht vor­wer­fen las­sen, sie erken­ne nicht die Zei­chen der Zeit und ver­ab­säu­me, ihren Stu­die­ren­den das für den Berufs­all­tag Not­wen­di­ge anzu­bie­ten: Also sind schon seit Jah­ren Fächer wie Impro­vi­sa­ti­on, Rhyth­mus­trai­ning oder Ele­men­ta­re Musik­päd­ago­gik Bestand­tei­le des Pflicht­fach­ka­nons, und jeder Studie­rende im Bache­lor-Stu­di­um hat zudem einen Schwer­punkt zu bele­gen, um die Lehr­be­fä­hi­gung im zen­tra­len künst­le­ri­schen Fach um eine zwei­te zu erwei­tern, wobei nicht nur ein zwei­tes Instru­ment oder Diri­gie­ren und Kor­re­pe­ti­ti­on in Fra­ge kom­men, son­dern auch die ver­tie­fen­de Beschäf­ti­gung mit der EMP und ein Ange­bot in „Impro­vi­sa­ti­on und zeit­ge­nös­si­sche Musik­strö­mun­gen“ (die­se bei­den Schwer­punk­te sind die belieb­tes­ten) oder Fokus­sie­run­gen auf Kin­der- und Jugend­stimm­bil­dung, Kör­per­ar­beit bzw. „Komposi­tion und Pro­duk­ti­on“. Und erst recht bie­tet das Mas­ter-Stu­di­um mit einem ein­ge­schränk­ten Pflicht­fach­an­ge­bot und einem reich­hal­ti­gen „Menü“ von Wahl­mo­du­len Mög­lich­kei­ten der indi­vi­du­el­len Pro­fi­lie­rung: Viel­fäl­ti­ge For­men kam­mer­mu­si­ka­li­scher Pra­xis wer­den eben­so ange­bo­ten wie wis­sen­schaft­li­che For­schungs­pro­jek­te oder neue päd­ago­gi­sche The­men­fel­der wie die Inklu­si­ve Musik­päd­ago­gik oder Musikvermittlung/ Kon­zert­päd­ago­gik.
Die Stu­die­ren­den der Stu­di­en­rich­tung Instru­men­tal- und Gesangs­päd­ago­gik (IGP) machen aber nicht nur exzes­siv von den Wahl­mög­lich­kei­ten Gebrauch, bele­gen also nicht nur den einen vor­ge­schrie­be­nen Schwer­punkt, son­dern deren zwei oder drei; sie wid­men sich nicht nur den ver­ord­ne­ten zwei oder drei Modu­len, son­dern vier oder fünf: In einem Semi­nar der Stu­di­en­ein­gangs­pha­se, das just beim Abfas­sen die­ses Bei­trags begon­nen hat, rea­li­sie­re ich, dass keine/r der sech­zehn Semi­nar­teil­neh­me­rIn­nen aus­schließ­lich IGP stu­diert. Da wur­de die Kon­zert­fach­aus­bil­dung zuvor absol­viert oder sie wird par­al­lel belegt, ich sto­ße auf Kom­bi­na­tio­nen von IGP und Rhyth­mik oder Schul­mu­sik, auch das gleich­zei­ti­ge Stu­di­um der Musik­wis­sen­schaf­ten oder des Kul­tur­ma­nage­ments sind im Ange­bot.
Das heißt aber: Nicht nur, dass im Inter­es­se einer indi­vi­du­el­len Pro­fi­lie­rung und der davon erwar­te­ten opti­ma­len „employa­bi­li­ty“ Schwer­punkt an Schwer­punkt gereiht wird; die Stu­die­ren­den grei­fen auch mas­siv auf das Wahl­an­ge­bot zu, wäh­rend sie sich noch in ande­ren Stu­di­en­rich­tun­gen befin­den! Dass die­ses Stu­di­en­ver­hal­ten von einer gewis­sen Atem- und Rast­lo­sig­keit geprägt ist und sich die Stu­die­ren­den an der Gren­ze ihrer Belast­bar­keit bewe­gen, das kann man sich leicht vor­stel­len. Allein: Im Blick auf die beruf­li­chen Rea­li­tä­ten und die Anstel­lungs­er­for­der­nis­se scheint sich den Betrof­fe­nen kei­ne Alter­na­ti­ve anzu­bie­ten.

1 Ulrich Rademacher/Matthias Pan­nes: „Klin­gen­de Lebens­räu­me. Öffent­li­che Musik­schu­len als Schlüs­sel­or­te für Bil­dung mit Zukunft“, in: üben & musi­zie­ren 4/2011, S. 25.

Lesen Sie wei­ter in Aus­ga­be 4/2012.